Montag , 5. Dezember 2022
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Timothy Roller als Jesus im Musical „Jesus Christ Superstar“.
Timothy Roller als Jesus im Musical „Jesus Christ Superstar“ überzeugte wie alle anderen Mitwirkenden in der Inszenierung am Theater Lüneburg. (Foto: Theater)

„Jesus Christ Superstar“ feiert Premiere im Theater

Die Premiere von „Jesus Christ Superstar“ am Theater Lüneburg endet mit Jubel und Standing Ovations für alle Mitwirkenden. Regisseur Friedrich von Mansberg stellt enorme Ansprüche an seine Auseinandersetzung mit dem Werk.

Lüneburg. „Helden sind zum Sterben da“, urteilte einst Udo Jürgens in einem Song für seinen Musical-Erstling. Das klingt provokant und trifft trotzdem häufig zu. Zunächst gefeiert, dann gefeuert oder gar gefoltert, dem triumphalen Aufstieg folgt meist der jähe Absturz. Die ausgedienten Stars werden brutal ans Messer geliefert. Nur wenige überdauern Jahrhunderte. Was aber prädestiniert einen Menschen für eine solche Rolle als Bewegungen auslösende, charismatische Führungsfigur?

Regisseur Friedrich von Mansberg ging der philosophischen und psychologisch interessanten Frage akribisch nach und nutzte als Folie Andrew Lloyd Webbers „Jesus Christ Superstar“, ein Musicalklassiker im Rockopernformat, das 1971 uraufgeführt wurde. Die ungewöhnliche Inszenierung im Theater Lüneburg riss das Publikum von den Sitzen: Jubel und Standing Ovations für alle Beteiligten am Ende eines hoch konzentrierten Abends in der englischen Originalfassung.

Karges Bühnenbild von Barbara Bloch

Der Regisseur stellt enorme Ansprüche an seine Auseinandersetzung mit dem Werk. Der biblische Bezug soll nicht aus den Augen geraten, die Gegenwart im geschärften Blick bleiben und die Zukunft noch mitgedacht werden. Außerdem will von Mansberg eine Gleichzeitigkeit von Musical, Rockoper und szenischem Konzeptalbum. Ein sehr karges Bühnenbild von Barbara Bloch schafft dafür den geeigneten Rahmen: schwarze Podeste und eine stahlfarbene Hintergrundwand mit Tor genügen, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. Die Kostüme von Benjamin Burgunder deuten Aktualität an und ein martialisches Umfeld. Der Ort kann Bunker, eine futuristische Machtzentrale oder Gefängnis sein.

Hier herrschen autokratische Strukturen, mit bedrohlich vermummten Gestalten, kein Platz jedenfalls für harmonisches Miteinander. Ein junger Mann rebelliert gegen den militanten Apparat, will Veränderung. Sein Antagonist plädiert eher für die weichgespülte Veränderung. Es kommt zum Konflikt. Manchmal gerät im ersten Teil die Vorlage etwas aus dem Fokus, entwirft ein Erklärmuster für das Wesen eines Helden. Das ist so gewollt und durchaus plausibel.

„Jesus Christ Superstar“ verortet sich im Irgendwo und Überall

Nach der Pause rückt die Produktion wieder enger an den bekannten Plot. Über dem Schauplatz schwebt als düsteres Symbol die Dornenkrone. Das tragische Ende von Golgatha drängt sich ins Bewusstsein, das Kreuz wird sichtbar. Bis zum finalen Ton verzichten von Mansberg und sein Kreativteam auf konkrete geografische Aspekte. „Jesus Christ Superstar“ verortet sich im Irgendwo und Überall und auch zeitlich Allgemeinen.

Das Konzept trägt. Rasant folgen die Szenen aufeinander, erscheinen als Blitzlichter einer tragischen Karriere, vermitteln revolutionären Kampfgeist und totalitäre Attitüden. Die Lichteffekte von Dirk Glowalla leuchten die bedrückend kalte Atmosphäre prägnant aus und Choreograf Olaf Schmidt setzt die aufgeheizten Massen in Schwingung, erfindet grotesk anmutende Bilder, um die Grausamkeit des Urteils ironisch zu überzeichnen. Ganz große Klasse bieten auch die Lüneburger Symphoniker unter der herausragenden Leitung von Gaudens Bieri.

Timothy Roller als Jesus

Alles macht das Lüneburger Theater mobil, um die ambitionierte Inszenierung zum Erfolg zu bringen. Chor und Ballettensemble geben ihr Bestes, noch kleinste Rollen sind adäquat besetzt und erst recht die Hauptpartien: Ulrich Kratz als schillernd zynischer Pilatus, Karl Schneider als aufgebrachter, schließlich mordlüsterner Herodes, Calum Melville als fassungsloser Simon und der diabolische Kaiphas von Vinghao Liu ebenso wie der mafios auftretende Andrea Marchetti als Hannas. Ganz vorn stehen Amani Robinson als erschütterte, liebevolle, verzweifelte Maria Magdalena, Ruud van Overdijk als emotional schwacher Verräter Judas und Timothy Roller als Jesus, der Held und Antiheld zugleich ist.

Dekadente Tempelszene

Einige Momente brennen sich ein: die geknechteten Gefangenen im Käfig, die dekadente Tempelszene mit Edelhäppchen und Nobelrobe, wenn Jesus fast ängstlich Zuflucht bei Maria Magdalena sucht und das komplette Finale. Friedrich von Mansberg bleibt dabei seiner Grundidee treu, verweist auf Gegenwartstendenzen. Der Vollstreckung schauen viele lüstern zu. Ein ekelhafter Voyeurismus, der uns inzwischen fast täglich ereilt und eine gefährliche Normalität annimmt. Vor 50 Jahren hätten diese Bilder vermutlich heftig verstört, heute haben wir uns daran gewöhnt. Insofern ist „Jesus Christ Superstar“ in dieser Inszenierung auch ein mahnender Apell die eigenen Gepflogenheiten und den inflationären Kult um vermeintliche Helden kritisch zu hinterfragen.

Von Heinz-Jürgen Rickert

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