Montag , 5. Dezember 2022
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Die Mezzosopranistin Henriette Meyer-Ravenstein und Pianist Hedayet Jonas Djeddikar.
Die Mezzosopranistin Henriette Meyer-Ravenstein und Pianist Hedayet Jonas Djeddikar beim Liederabend im Brömsehaus. (Foto: t&w)

Ralph Bednatzkys Chansons parodieren die deutsche Seele

In einem unterhaltsamen Liederabend im Lüneburger Brömsehaus ging es um die unfreiwillige Komik des Alltags zwischen turbulenten Beziehungskurven und grassierender Prüderie, versetzt mit politischen Anspielungen. Titel des Programms: „Mehlspeis! Davon geht die Welt nicht unter“.

Lüneburg. Programmtitel können auf eine falsche Fährte navigieren. „Mehlspeis! Davon geht die Welt nicht unter“ assoziiert einen Streifzug durch das weite Reich der Kulinarik. Die Frankfurter Sängerin und Hochschul-Professorin Henriette Meyer-Ravenstein wählte ihn für den höchst unterhaltsamen Liederabend im ausverkauften Lüneburger Brömsehaus. Doch statt um üppige Kalorien und deren körperlichen Konsequenzen ging es eher um die unfreiwillige Komik des Alltags zwischen turbulenten Beziehungskurven und grassierender Prüderie, versetzt mit politischen Anspielungen. Im Mittelpunkt stand Autor und Komponist Ralph Benatzky (1884-1957), der mit seiner Revue-Operette „Im Weißen Rößl“ zu Weltruhm gelangte und im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts mit frechen Chansons literarisch musikalische Analysen allgemeiner Umstände treffend zu Papier brachte.

Die Bigotterie von Spießbürgern

Verglichen mit aktuellen Beiträgen zum populären Genre mit oft erschreckend simpler Lyrik fallen die vor rund 100 Jahren entstandenen Songs eher durch Intelligenz, Sprachwitz und gehöriger Doppelbödigkeit auf, entscheidende Vokabeln werden dabei meist nur angedeutet. Hinzu kommen erheblich substantiellere, feingliedrige Notenparcours mit individueller Handschrift, egal ob in Klavierfassung oder für Orchester. Ralph Bednatzkys Chansons umkreisen den quirlig umtriebigen Geist jener Epoche, parodieren die deutsche Seele, die Bigotterie von Spießbürgern oder die Neigung zum Mondänen ohne entsprechendes Budget.

Als profunden Begleiter hatte Henriette Meyer-Ravenstein den Pianisten Hedayet Jonas Djeddikar mitgebracht. Beide unterrichten an der Frankfurter Musikhochschule und kommen eigentlich gar nicht von der leichten Muse, sind überwiegend klassisch unterwegs. Ab und zu gönnen sie sich allerdings Ausflüge ins alternative Metier. Das bereitet ihnen großes und hörbares Vergnügen.

Frischzellenkur für Evergreens

Sie setzen dabei auf ebenso pointierte wie eigenständige Interpretation, die sich kaum an den einschlägigen Vorbildern orientiert. Das wirkt absolut authentisch, kongenial ergänzt und verpasst den Evergreens eine Frischzellenkur jenseits waghalsiger Aktualisierungen. Diese deutet die Sängerin gelegentlich nur dezent an und verleiht den Worten durch reichlich Mimik stets bühnenwirksame Bedeutung.

Manches drehte sich aber dann doch ums Essen, neben der gesanglich aufbereiteten „Mehlspeis“ enthüllte Henriette Meyer-Ravenstein die akuten Leiden einer misslungenen „Entfettungskur“. Bekanntes und Halbvergessenes reihte sich ansonsten zu einem amüsant kurzweiligen Abend. Die Ballade vom Büsumer Keuschheitsverein mit seinem Bannkreis gegen Fleischeslust war dabei oder die Satire über teutonische Attitüden unter der Überschrift „Piefke in Paris“.

Längst vorbei sind die seligen Chansonzeiten, wie schön aber, sie erneuert und so vital auferstanden zu vernehmen. Das Publikum reagierte darauf sehr zugewandt, erklatschte sich eine Zugabe.

Von Hans-Jürgen Rickert

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