Montag , 5. Dezember 2022
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Boykott Katar
Eindrucksvoller Katar-Protest bei 1860 München: „Jeder Platz in unserm Stadion steht für einen Toten“, stand auf einem großen Spruchband geschrieben. 15.000 Fans passen in das Grünwalder Stadion – viele hielten ein Kreuz in Gedenken an die Toten auf den WM-Baustellen hoch. (Foto: imago)

WM in Katar: Dieser Fußball ist kaputt

Es gibt so viele Gründe, die WM 2022 in Katar aus tiefstem Herzen zu ignorieren. Schon die Vergabe war einer der größten Skandale der Sportgeschichte. Doch was bringt ein Boykott jetzt noch?

Ab 20. November findet also die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar wirklich statt. In einem Land ohne Fußballtradition und Fankultur. In einem Land, das diese WM ganz offenkundig gekauft hat. In einem der reichsten Länder der Welt, das Millionen Arbeitsemigranten unter oft unmenschlichen Bedingungen schuften lässt. In einem Land, in dem Menschenrechte einen schweren Stand haben, in dem Lesben und Schwule nicht willkommen sind. Kurzum: Es ist eine Katastrophe nicht nur für den Fußball, dass die WM in diesem Emirat stattfindet.

Interesse hält sich deutschlandweit in Grenzen 

So sehen das auch viele Deutsche. Selbst bei einer Umfrage des kicker, an der sich sicherlich vor allem Fußball-Interessierte und -Nerds beteiligt haben, kündigte eine knappe Mehrheit an, die Spiele nicht vorm Fernseher zu verfolgen. Das einst so beliebte Public Viewing fällt allein schon aus jahreszeitlichen Gründen flach. Aber wie ernst ist uns ein Boykott? Was können wir damit überhaupt bewirken? Wenn ich jetzt sage: „Ich gucke mir keine Minute von dieser WM an“ – juckt das irgendjemanden?

Katar wird die anstehende WM als Weltbühne verstehen und wohl auch missbrauchen, um sich als ein unverzichtbarer Global Player darzustellen. Einfach diese WM ignorieren, bringt gar nichts. Aber sortieren wir erst einmal, warum diese Weltmeisterschaft eigentlich niemals dort stattfinden dürfte:

1. Die Vergabe:

Eine wirklich ehrenwerte Gesellschaft kam am 2. Dezember 2010 zusammen, um die Weltmeisterschaften 2018 und 2022 zu vergeben. 22 Männer, die damals das Exekutivkomitee des Fußball-Weltverbands FIFA bildeten. 22 Männer, die ihren Posten mehr oder weniger dreist als Gelddruckmaschine ansahen.

22 Männer, von denen im Laufe der folgenden Jahre 19 sich Korruptionsvorwürfen stellen mussten. 22 Männer, die ausnutzten, dass Bestechung seit jeher zur Vergabe von sportlichen Großveranstaltungen dazugehörte. Eigentlich wären es sogar 24 gewesen, doch die Herren aus Nigeria und Tahiti hatten das Pech, ihre Millionen-Forderungen Undercover-Journalisten der Sunday Times in den Block zu diktieren.

Da blieb selbst der FIFA nichts anderes übrig, als dieses Duo zu ächten. Ansonsten entzog und entzieht sich der Weltverband konsequent jeglicher Kontrolle von außen. Kein Wunder, gehörten der damalige FIFA-Boss Sepp Blatter und seine acht Vizepräsidenten doch alle auch zu diesem erlauchten Kreis.

1,5 Millionen Dollar für eine Stimme

Es waren 22 Männer, die oft von ihrer Liebe zum Fußball redeten und die Liebe zu ihrem Kontostand meinten. Notorisch gierige Funktionäre wie Jack Warner (Trinidad & Tobago) oder Ricardo Teixera, den Weltmeister Romario als „Krebs des brasilianischen Fußballs“ bezeichnete. Strippenzieher wie Putin-Freund und Staatsdoping-Planer Witali Mutko (Russland) oder Mohamed bin Hammann aus Katar, der Mann, der ein Jahrzehnt zuvor 6,7 Millionen Euro von Franz Beckenbauer überwiesen bekam, wofür auch immer. Beckenbauer selbst, die einstige deutsche Lichtgestalt.

Eine Million Dollar waren damals zu wenig, um Stimmen zu bekommen, wie die ARD jetzt in ihrer Dokumentation „Katar – WM der Schande“ offenlegte. 1,5 Millionen waren der Standardpreis, den Katar zu zahlen bereit war. Peanuts für die Emirate, die in diese vier Wochen Fußball inklusive aller Nebengeräusche knapp 150 Millarden investieren. Die „größte Show der Welt“ erwartet Blatters Nachfolger Gianni Infantino, der nicht von ungefähr mittlerweile in Katar wohnt. Das teuerste Sportspektakel aller Zeiten wird diese WM gewiss.

Im Vorfeld hatte eine FIFA-Kommission übrigens alle Bewerbungen bewertet. Katar schnitt im Vergleich mit seinen vier Konkurrenten USA, Japan, Südkorea und Australien am schlechtesten ab. Aber was zählte das schon? Nichts.

2. Die WM-Arbeiter:

Katar lässt arbeiten. Auf jeden Katari kommen ungefähr sechs Arbeitsmigranten, überwiegend aus Bangladesch, Indien, Nepal, den Philippinen und Pakistan. Die Männer schuften auf den WM-Baustellen, die Frauen führen den Haushalt vieler reicher Familien. Die ARD hat jetzt die Vorwürfe wiederholt, die Zeitungen wie der Guardian oder Amnesty International seit Jahren erheben: Es gab Tausende Todesfälle rund um den Bau der Stadien und der Infrastruktur (die Schätzungen reichen von 6500 bis 25.000), viele bedingt vor allem durch die mörderische Hitze. Und es gibt seitens des WM-Gastgeberlands offenbar kein Interesse daran, diese Zustände zu ändern oder auch nur zu erfassen. „Todesursache unbekannt“, heißt es in der Regel.

Kafala-System faktisch immer noch beherrschend

Heftig umstritten ist das Kafala-System, das in vielen arabischen Golfstaaten galt oder gilt. Wer vor der Armut in seiner Heimat flieht, braucht einen Bürgen, der seinen Pass einbehält, über seine Arbeitsstätte entscheiden und ihn auch ausweisen lassen kann. Die Folge war quasi eine Versklavung der Migranten, die Monate auf ihr Gehalt warten mussten und keine Möglichkeit hatten, ihre Rechte auch durchzusetzen. Beckenbauer hat nie einen Sklaven gesehen. Offenbar hat er nicht besonders genau hingeguckt.

Katar hat Reformen vorgenommen, Schlichtungsstellen eingesetzt – allein, an den schlimmen Verhältnissen hat sich nichts geändert, wie auch die ARD-Dokumentation aufzeigte. Wer mit Streik droht, fliegt raus aus dem Land und wird niemals sein ihm zustehendes Geld erhalten. Besonders leiden müssen viele Frauen als Hausangestellte, die geschlagen, gedemütigt und vergewaltigt werden, wie Regina Spöttl im Buch „Das rebellische Spiel“ beschreibt. Es ist eine Schande, dass die Mehrheit in einem der reichsten Länder der Welt arm und praktisch rechtlos vor sich hin vegetieren muss. Es grenzt an Rassismus.

3. Sportswashing:

Wenn Bayern München und Paris St. Germain im Achtelfinale der Champions League aufeinandertreffen, dann könnte Qatar Airways diesen Kick wieder als „Qlassico“ verkaufen, als Duell zwischen zwei „ihrer“ Teams. Die Bayern fliegen seit 2011 regelmäßig ins Trainingslager an den Persischen Golf, die Fluggesellschaft ist seit 2017 Sponsor des deutschen Meisters – trotz aller Widerstände aus dem Fanlager.

PSG ist seit 2011 in Besitz einer katarischen Investorengruppe, die Megastars wie Neymar, Messi oder Mbappé nach Paris lockte. Wozu das alles? Um weltweit größtmögliche Aufmerksamkeit zu bekommen, damit nicht ein großer böser Nachbar den Wüstenstaat irgendwann einmal schluckt, wie es der Irak einst mit Kuwait versuchte. Um sich für die Zeit nach Öl und Gas zu positionieren. Und um Sportswashing, dem Versuch, mit möglichst glamourösen Events von Missständen abzulenken.

Kein Motor für Reformen 

China hat es mit den Olympischen Spielen 2008 und 2022 vorgemacht, Russland mit Sotschi 2014 und der Fußball-WM 2018. Wer auch immer glaubte, dass solche Großereignisse Anlass für Fortschritt und Reformen sein könnten, sah sich regelmäßig getäuscht. Vorgemacht haben es die Nationalsozialisten bereits 1936 bei den Olymischen Spielen. Ein paar Wochen lang wehte ein Hauch von Freiheit und Weltoffenheit durch Berlin, danach wurden die Daumenschrauben umso stärker angezogen.

Katar räumt im Vorfeld der WM auf wie China oder Russland, schließt Kritiker weg, verwandelt das Land in eine einzige Sicherheitszone. Und der Fifa-Boss Infantino spielt den Fiffi der Kataris, verlangt von den 32 teilnehmenden Verbänden allen Ernstes ein Ende aller politischen Diskussionen: „Konzen-trieren wir uns auf den Fußball.“ Als wenn es bei der Vergabe dieser WM jemals um den Fußball gegangen wäre.

Und die Konsequenzen?

Das System Fußball, wie es die Fifa und Katar verstehen, funktioniert nur mit Geld, sehr viel Geld. Das kommt vor allem durch Sponsoren und TV-Einnahmen zustande. Unzählige Fans haben in deutschen und anderen Stadien bereits gezeigt, was sie von dieser WM halten: nichts. Die größte Show der Welt droht zu einem PR-Debakel zu werden.

Katar lässt sich nicht mehr verhindern, aber der gewünschte Effekt kann sich ins Gegenteil verkehren. Die TV-Quoten müssen miserabel werden. All diese unnötigen Produkte mit WM-Logo und bunten Fähnchen drauf sollen in den Regalen verrotten.

Alternativen vor Ort 

Pünktlich zum Eröffnungsspiel, den deutschen Partien oder dem Finale können wir uns öffentlich treffen und etwas ganz anderes veranstalten. Oder wir schauen Bezirksliga und Kreisklasse, ehrlichen Fußball. Was da in Katar passiert, hat mit Fußball nur noch wenig zu tun. Und mit Ehrlichkeit gar nichts.

Auf den Seiten www.boycott-qatar.de und www.back2bolzen.de/supporter sind Infos und Aktionen zum Thema WM-Boykott zu finden, noch ohne Lüneburger Beteiligung. Aber das kann sich ja noch ändern.

Von Andreas Safft

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