Sonntag , 4. Dezember 2022
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Die Städtische Cantorei und die Sinfoniette Lübeck im Forum der Musikschule. (Foto: t&w)
Die Städtische Cantorei und die Sinfoniette Lübeck im Forum der Musikschule. (Foto: t&w)

Europäisch, japanisch, dramatisch

Sir Karl William Pamp Jenkins, geboren 1944 in Penclawdd, Wales, gehört zu den schillerndsten und kreativsten Komponisten der Gegenwart. Die Städtische Cantorei Lüneburg unter der Leitung von Birgit Agge zeigte mit der Aufführung des Requiems von Jenkins, wie der Multiinstrumentalist zu diesem Ruf kam.

Lüneburg. November ist die Zeit der Totenmessen und Requiem-Aufführungen. Birgit Agge, seit 1993 Leiterin der Städtischen Cantorei Lüneburg, hat von jeher auch diesen Monat vor der Adventszeit mit ihrem Chor begleitet und Lüneburgs Kulturlandschaft durch interessante, oft selten zu hörende Konzertprogramme bereichert. Zuletzt studierte sie mit ihrer Cantorei das zeitgenössische, 2005 uraufgeführte Requiem des walisischen Komponisten, Oboisten und Jazzrockmusikers Karl Jenkins ein: ein effektreiches, lautmalerisch von rockigen Rhythmen und eigenwilligen, eindringlichen Klanginspirationen durchdrungenes Werk.

Zum Auftakt eine Sinfonie des 18-jährigen Mozart

Im ausverkauften Forum der Musikschule wurde die absolut gelungene Aufführung mit der Städtischen Cantorei, der erweiterten Sinfonietta Lübeck und der Solosopranistin Dorothea Gotthelf unter Birgit Agges Leitung begeistert gefeiert. Einleitend musizierte die Sinfonietta Lübeck die A-Dur Sinfonie des achtzehnjährigen Mozart, nach der alten Mozartausgabe als Sinfonie Nr. 29 bekannt.

Birgit Agge ließ das mit zwei Oboen, zwei Hörnern und Streichern besetzte Ensemble in gemäßigten Tempi beginnen. Sie dirigierte präzise, propagierte dabei im Ausdruck genießerisch heiteres, tänzerisch beflügeltes Zusammenspiel. Der Schlusssatz dann erklang rasant, frisch, klassisch elegant. Gut gelaunt applaudierte das Publikum.

Karl Jenkins' Requiem ist von einer pochenden Energie kontrastierender Sounds geprägt, die stets textauslegend fungieren. Europäisch klassische, spätromantische und zeitgenössisch poppige beziehungsweise rockige Töne interpretieren übliche lateinische Messetexte (plus „Pie Jesu“ und „In paradisum“), und jene verknüpfen sich mit japanischen Haiku-Gesängen zu einer besonderen, fremdartig anmutenden Stilmixtur: Zu den japanischen, mit englischen Titeln wie „The Snow of Yesterday“ oder „From deep in my heart“ versehenen Poemen zaubert etwa die Soloquerflöte gefühlvolle Melodien voller Tonhöhen-Schwankungen, auch Harfe, Keyboard und das von vier Schlagwerkern bearbeitete, sehr umfangreiche Trommel-, Becken- und Klangstab-Instrumentarium sowie Streicher und Bläser erzeugen spektakuläre Klangvariationen. Insgesamt überwiegt eine von klassischer Musik abgerückte, frei empfundene und fernöstlicher wie populärer Musik bzw. dem Jazzrock zugeneigte, nachdenklich machende Ausdruckskraft, die den Zuhörer – dem Wunsch des Komponisten entsprechend – zu eigener Auseinandersetzung mit Todesgedanken anregt.

Spontaner Applaus des verblüfften Publikums

Was zunächst erstaunen mag: Dennoch wurde während der anschaulichen Interpretation von Karl Jenkins' dreizehnteiligem Requiem einmal gelacht und spontan applaudiert. Das soundgewaltige „Dies irae, dies illa“ – Tag des Zornes, Tag der Klage – hatte die Zuhörer hautnah ergriffen und verblüfft. Die pauken- und trommellastige Akustik war körperlich fühlbar geworden. Total dominante rockige Rhythmen sowie schlagwortartig ausgestoßene Silben des Chores hatten äußerst bedrohlich einen Todesmarsch realisiert. Dieser zweite Satz des Requiems gipfelte im Aufschrei gequälter Seelen, bei einem Höllenlärm des gesamten Klangkörpers.

Ähnliche Bildkraft und Eindringlichkeit besitzen ebenfalls die anderen, an eine breite Palette von Emotionen appellierenden, mit starken Kontrasten arbeitenden Sätze des Requiems. Die Cantorei brillierte in Einschüben auch a cappella, bezwang mit Leichtigkeit sämtliche anspruchsvollen, schwierig zu intonierenden Passagen, evozierte Dramatik und schwebende Klangteppiche, jeweils mit viel Einfühlungsvermögen und Engagement. Die hohe Qualität des instrumentalen Apparates mit großartigen Soloeinlagen überzeugte ebenso wie die Ausdruckskraft der schlicht geführten, klaren Sopranstimme von Dorothea Gotthelf.

Am Ende belohnte das Publikum Birgit Agge und alle Mitwirkenden mit verdienten Bravos und lange anhaltendem Beifall.

Von Antje Amoneit

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