Montag , 5. Dezember 2022
Anzeige
Der ukrainische Journalist Stanislav Aseyev.
Der ukrainische Journalist Stanislav Aseyev berichtete von 2015 bis 2017 undercover aus der von Russland besetzten "Volksrepublik Donezk". Er wurde verraten, wurde fast 1000 Tage in einem Foltergefängnis inhaftiert. Ein Dokumentarfilm erzählt seine Geschichte. (Foto: Film & Medienbüro Niedersachsen)

Niedersächsisches Filmforum in Lüneburg beleuchtet den Krieg

Der Wandel macht auch vorm Zelluloid nicht halt. Öko- und gendergerechtes Filmen wird gefordert. Und im Krieg geraten auch harmlose Dokumentarfilmer ins Visier des Geheimdienstes. Das 13. Film- und Medienforum Niedersachsen in Lüneburg schwenkt den Scheinwerfer auf aktuelle Brennpunkte.

Lüneburg. Die Dokumenarfilmerin Vivien Pieper war in Sibirien, als Russland die Ukraine überfiel. Sie drehte ein Porträt einer 80-Jährigen, die allein am Baikal-See lebt. Noch am Abend der Invasion suchten Geheimdienstler sie und ihr Team. Sie flohen sofort. "Aus Russland raus kamen sie letztlich nur zu Fuß, über die Brücke, die ins estnische Narwa führt", berichtet Johannes Bünger – ebenfalls Dokumentarfilmer und Piepers Ehemann. "Da hatte ich einige schlaflose Nächte." Die Frage, wie man vom Krieg erzählen kann, ist der Schwerpunkt des diesjährigen Film- und Medienforums Niedersachsen in Lüneburg.

"Darauf kann Lüneburg schon stolz sein"

Zum 13. Mal treffen sich Filmschaffende und Interessierte vom Mittwoch, 23. November, bis zum Freitag im Kloster Lüne. Parallel zeigt das Scala-Programmkino ausgewählte Dokumentar- und Spielfilme. "Darauf kann Lüneburg schon stolz sein", findet Bernd Wolter, Geschäftsführer des Film- und Medienbüros Niedersachsen, das das Forum veranstaltet.

Auch dessen weitere Themen sind brandaktuell: Am Donnerstag wird die Herausforderung "Green Shooting" beleuchtet, also die Vorgabe von Filmförderern und Sendeanstalten, ökologisch nachhaltig zu drehen. "Da wird etwa die Verwendung von Ökostrom, die Buchung von Biohotels und die Ausgabe von veganem Essen gefordert", erläutert Wolter. "Ein Essenstagebuch oder minutengenaue Beleuchtungsprotokolle aber sind von 4-Personen-Doku-Filmteams unter Kriegsbedingungen schwer zu liefern", gibt Johannes Bünger zu bedenken.

Frauenrollen fernab von Klischees zu inszenieren ist am Donnerstag ein weiteres Themenfeld. Am Donnerstag und Freitag bieten Filmemacher einen Blick hinter die Kulissen, stellen Ausschnitte noch nicht fertiger Filme vor, berichten vom Dreh. Am Mittwoch und Freitag stehen Film-Pitchs auf dem Programm, also Speed-Datings für Filmschaffende. 21 Filmemacher stellen in fünf Minuten ihre Filmidee vor, Produzenten und Sender greifen zu – oder eben nicht. "Seit vier Jahren sind diese Treffen Teil des Forums", sagt Bernd Wolter, "wieder im Museum Lüneburg, aber unter Ausschluss der Öffentlichkeit". Angemeldete Teilnehmer können auf Anfrage als Publikum teilnehmen.

Wie erzählt man vom Krieg?

Ausdrücklich erwünscht sind Gäste dagegen bei der Podiumsdiskussion am Freitag über den Krieg und seine Auswirkungen auf Dokumentarfilmer: Kann man unabhängig vom Krieg berichten? Wie erleben ukrainische Filmer die Situation in ihrem Land? Welche Einschränkungen gibt es bei Reportagen aus Russland?

Es diskutieren: Alexander Pavlov, ein ukrainischer Journalist, der auch westliche Film-Teams in seinem Land betreut. Maxim Kirew, ein russischer Journalist, der "trotz aller Gefahr gerade wieder aus St. Petersburg berichtet hat", wie Bünger weiß. Der WDR-Journalist Jürgen Döschner, der in Russland Korrespondent war, als Putin an die Macht kam. Und Vivien Pieper, deren Film "Die alte Frau und der See" parallel im Scala-Kino gezeigt wird. Die von ihr Porträtierte bleibt trotz aller Schicksalsschläge am Baikal-See. Denn: "Hier kann meine Seele fliegen."

Bei Pieper und den drei weiteren Frauen ihres Film-Teams flogen eher die Ängste hoch, als sie von ihrer Vermieterin erfahren hatten, dass Agenten des russischen Geheimdienstes FSB nach ihnen gesucht hatten und wiederkommen wollten. Sie brachen sofort auf. Doch die Grenze nach Finnland war nur noch für Finnen offen, über andere russische Grenzen kam man nur mit dem eigenen Auto rüber. Was blieb, war die Flucht zu Fuß über die Brücke über der Narwa. "Panik kommt in solchen Situationen nicht auf", sagt Johannes Bünger, der selbst schon in Afghanistan gedreht hat. "Der Schlag kommt erst, wenn man wieder hier ist."

Von Joachim Zießler

Programm vom 23. bis 25. November

Film- und Medienforum

Mittwoch

14 Uhr, Museum Lüneburg: Pitch von Projektideen (Fiction) mit Niedersachsen- und Bremen-Bezug.

19 Uhr, Scala: Ein großes Versprechen. Ehedrama.

21 Uhr, Scala: Miss Holocaust Survivor. Dokumentarfilm über 14 Frauen, die den Holocaust überlebten.

Donnerstag

10 Uhr, Kloster Lüne: Green Shooting.

14.15 Uhr: Komplexe Figuren erzählen, inszenieren und spielen.

15.45 Uhr: Work in Progress.

16.45 Uhr: Vertrieb von Kurzfilmen.

19 Uhr, Scala: Heller Weg. Doku über einen ukrainischen Journalisten, der undercover aus der besetzten "Volksrepublik Donezk" berichtete, verraten und in ein Foltergefängnis verschleppt wurde.

21 Uhr: Die alte Frau und der See. Winter am Baikal.

Freitag

9 Uhr, Kloster Lüne: Krieg erzählen in Deutschland.

10.45 Uhr: Work in Progress.

11.30 Uhr: Zur Situation von Kinos und Festivals – auf der Suche nach dem Publikum.

13.15 Uhr: Zur Zukunft des NDR-Regionalprogramms.

15.30 Uhr, Museum: Pitch von Projektideen im Bereich Doku.

19 Uhr, Scala: The Ordinaries. Preisgekrönter Spielfilm.

Kommentare

Sie wollen die Kommentare unter diesem Beitrag lesen und kommentieren?
Dann werden Sie LZ+-Abonnent. Informationen zum Digital-Abo der LZ finden Sie hier.