Dienstag , 6. Dezember 2022
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Zwei Frauen stehen vor einer Reihe von Telefonzellen. Das Bild ist von 1985.
Telefonzellen gehörten ab den 1920er Jahren zum vertrauten Bild öffentlicher Plätze und Straßen. Dieses Foto stammt aus dem Jahre 1985. (Foto: A/dpa)

Das Ende der Telefonzelle: Drei Lüneburger erinnern sich

Früher standen die kleinen gelben Häuschen an jeder Ecke in Lüneburg. Jetzt ist die Telefonzelle endgültig Geschichte. Die Telekom deaktiviert die Münzzahlung an den bundesweit noch 12.000 verbliebenen Fernsprechern. Lüneburger erinnern sich.

Lüneburg. Ab sofort ist es nicht mehr möglich, in den bundesweit noch rund 12.000 verbliebenen Fernsprechern Telefongespräche mit Münzen zu bezahlen. Nach mehr als 140 Jahren deaktiviert die Telekom die Münzzahlung. Ende Januar wird dann auch die Zahlungsfunktion mittels Telefonkarten und somit der gesamte Service eingestellt. Der Abbau der Telefonstellen erfolgt im Anschluss und wird voraussichtlich Anfang 2025 abgeschlossen sein.

Die Telefonzelle in der Großen Bäckerstraße in Lüneburg im Jahr 1999. (Foto: A/t&w)

Öffentliche Telefone werden kaum genutzt

Zum Hintergrund erklärt Pressesprecherin Stefanie Halle: "Der Bedarf an öffentlichen Telefonen ist seit Jahren stark rückläufig. Öffentliche Telefonstellen werden dementsprechend bereits seit Jahren einvernehmlich mit den Kommunen und Gemeinden zurückgebaut."

Mehr als 90 Prozent der ehemals über 160.000 öffentlichen Telefone seien in den letzten Jahren bereits abgebaut worden, weil sie niemand mehr genutzt hat. "Dabei haben wir die sogenannten Zellen, also Häuschen, bereits 2018 abgebaut. Verblieben sind noch rund 12.000 öffentliche Telefone als offene Kabine, die nun ebenfalls abgeschaltet werden", sagt die Sprecherin.

Auch am Schulzentrum Oedeme stand lange eine Telefonzelle. (Foto: A/t&w)

Diese Erinnerungen haben Lüneburger an die Telefonzelle

In Lüneburg waren Telefonzellen lange nicht aus dem Stadtbild wegzudenken. Jeder kannte sie und hat persönliche Erinnerungen an die gelben Telefonhäuschen. Die LZ hat Leserinnen und Leser gebeten, ihre Anekdoten zu teilen.

Claudia von Dielingen (42) aus Lüneburg denkt an ihre Studienzeit zurück:

"Ehrlich gesagt ist es ewig her, dass ich eine Telefonzelle genutzt habe. Seitdem die Handys omnipräsent sind, glaube ich nicht mehr. Früher konnte man sich da bei Regen reinflüchten. Da sahen die Zellen noch gelb aus und mit Quietschetür.

Eine erste Umstellung für mich war, als Münzen nicht mehr akzeptiert wurden und man eine Karte brauchte. Da habe ich das erste Mal geflucht. Wie unpraktisch. In Frankreich während eines Erasmus-Jahres war das dann aber wieder Übung, weil man mit internationalen Karten günstiger telefonieren konnte.

Eine witzige Begebenheit war als ich 1999 mit dem Studium anfing. Da gab es genau eine Telefonzelle im ganzen (alten) DDR Wohnheim, im Erdgeschoss. Da stapelten sich die Wartenden auf der Treppe bis in die 4. Etage hoch. Da wurden spontane Flurpartys draus und man lernte die Leute gut kennen. Mit der Verbreitung der Handys war dann wieder jeder für sich. Keine Nutzung der Telefonzelle, keine Flurpartys, keine Kontakte."

Rudolf Frauenberger-Marcks (77) aus Adendorf erinnert sich vor allem an den Geruch in den Zellen:

"Mir fällt sofort ein: Entweder fehlten Seiten im Buch und es hat fürchterlich nach kaltem Rauch gestunken. Und in einigen, allerdings seltenen Fällen, wurde die Zelle als Pissoir benutzt."

Dirk Koke (55) aus Ochtmissen fällt dazu eine Anekdote aus seiner Wehrdienst-Zeit ein: 

"Zu den Telefonzellen der Telekom erinnere ich mich an meine Wehrdienst-Zeit. Zum Teil mussten wir, wenn wir unsere Freundin anrufen wollten, wirklich sehr lange an diesen Telefonzellen anstehen. Die Kameraden hatten einfach sehr viel zu erzählen und es gab für jede Kompanie (gefühlt) eine Telefonzelle.

Ich erinnere mich an einen Tag, an dem die Schlange der Wartenden so lang war, dass einige Kameraden nicht mehr telefonieren durften, weil der allabendliche "Zapfensteich" ausgerufen wurde.

Und das hieß: Ruhe in der Kompanie. Mal abgesehen von den durchrutschenden "Groschen" oder "1-Mark-Stücke". Oder der manchmal wechselnden Gesprächs-Taktung. Umgangssprachlich wurde diese Telefonzelle auch "Groschen-Grab" genannt. So etwas war vor dem Handy zu erleben."

Alte Zelle, neue Funktion

Ein Lichtblick für Nostalgiker: Der Abschied von der Telefonzelle ist aber kein Abschied für immer. In Adendorf, Mechtersen, Radbruch und Etzen fungieren alte Telefonzellen als Bücher(tausch)schränke. Jeder, der mag, kann sich etwas nehmen oder hinstellen.

Vor dem Freibad in Adendorf wurde aus einer Telefonzelle ein Bücherschrank. (Foto: cw)

Kann man eine ausgediente Telefonzelle kaufen?

Die Hoffnung auf den Kauf einer alten Telefonzelle muss Telekom-Sprecher Niels Hafenrichter leider bremsen. "In der Vergangenheit hat die Deutsche Telekom alte Telefonzellen aufgearbeitet und an Interessierte verkauft. Ausrangierte Telefonzellen gibt es jedoch kaum noch. Die gelben Zellen sind längst ausverkauft und für die Rest-Exemplare der grau-magenta-farbenen Variante gibt es lange Wartelisten. Und das, obwohl die Schätzchen nur an Selbstabholer gehen und etwa 300 Kilogramm wiegen." Bei den heute noch vorhandenen Geräten handele es sich in der Regel um offene Kabinen aus Edelstahl, die nach deren Abbau fachgerecht recycelt werden, so der Sprecher.
 
Tipp: Nostalgiker können sich aber in Frankfurt am Main im Museum für Kommunikation Frankfurt weit über 50 Objekte rund um die öffentliche Telefonie ansehen. Gemeinsam mit den Museen für Kommunikation Berlin und Nürnberg gehört es zur Museumsstiftung für Post und Telekommunikation.
Von Anna Hoffmann