Montag , 5. Dezember 2022
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Schwitzen mit dem Pezziball im verschneiten Garten: Kein Wetter hält Henrika Jeske (vorne) und ihre Nachbarinnen von ihrem Workout ab. Susanne Busch (links) hatte Anfang November die Idee. (Foto: t&w)

Nur die Harten kommen in den Garten

Nicht nur quatschen, sondern sich bewegen - diese Idee kam zwei Nachbarinnen in Lüneburg, als im November wieder einmal ein Lockdown drohte. Mittlerweile haben die beiden einige Mitstreiterinnen gefunden, die sich bei Wind und Wetter fit halten. Nur an einem einzigen Tag fing das Training mal eine Stunde später an.

Lüneburg. Die Idee kam Susanne Busch im Garten, beim Austausch mit ihrer Nachbarin Anfang November. Der zweite Lockdown stand kurz bevor. „Jetzt sitzt man wieder zu Hause. Wollen wir uns nicht über den Zaun hinweg gemeinsam bewegen, statt nur zu quatschen?“, fragte sie Henrika Jeske und stieß bei der Physiotherapeutin auf offene Ohren. Für ein Training auf Abstand sind die schmalen Grundstücke der Reiherhäuser am Bockelsberg wie gemacht.

Durch kniehohen Zaun getrennt und doch vereint

Sie holten auch Nachbarin Heidi Sommer ins Boot und schwitzen seit dem 5. November in ihren drei nebeneinander liegenden Gärten gegen den Corona-Blues. Durch einen kniehohen Zaun voneinander getrennt und doch vereint. Jeden Morgen, halb neun, bei jedem Wetter. Und sie bekamen bereits Zuwachs.

Angefangen haben die Frauen mit 10 Minuten, sich dann auf 20 gesteigert, inzwischen endet das tägliche Workout zwischen Blumenbeet und Wäscheleine erst nach 30 Minuten. „Wir sind richtig fit und es ist so schön, dabei Sauerstoff zu tanken“, schwärmt Margarete Oswald. Auf ihrer Hunderunde war sie auf die Frühsportler aus der Nachbarschaft gestoßen, ihr Weg führt an den Gärten vorbei. Sie war Feuer und Flamme. „Ich trainiere eigentlich beim MTV Treubund, aber da ist zurzeit leider alles dicht.“ Sie fand auf dem Rasen von Heidi Sommer Unterschlupf, Kontakt zu einer Person eines weiteren Haushalt erlaubt die neue Corona-Verordnung.

Bezahlt wird mit Keksen

Henrika Jeske geht es aus Trainersicht ähnlich: „Ich darf mit meinen Gruppen auch keinen Sport machen, biete stattdessen Zoomtraining an“, erzählt die Physiotherapeutin, die täglich neue Übungen mit in den Garten bringt. Honoriert wird ihr Engagement ausschließlich mit Süßem. „In der Weihnachtszeit gab es ordentlich Kekse für mich“, erzählt die 48-Jährige, die stolz ist auf ihre Nachbarinnen. „Wir sind der beste Beweis, dass man sich auch jetzt bewegen und etwas für sich tun kann.“

Die Utensilien bringt jeder coronakonform von zu Hause mit. Skrupel, sich bei Temperaturen um die 2 Grad auf die Gymnastikmatte zu legen, hat keiner. Immerhin wartet die heiße Dusche nur wenige Meter entfernt im eigenen Badezimmer. „Und bei Regen wird eben eine Regenjacke angezogen“, lässt Margarete Oswald keine Ausrede gelten. Nur an Neujahr gab eine kleine Ausnahme, da starteten sie mit Rücksicht auf die lange Silvesternacht erst um halb zehn.

Mit dem Pezziball über den verschneiten Rasen

Beim LZ-Termin ist Sport mit dem Pezziball angesagt. Fünf Frauen sitzen - auf drei Gärten verteilt - wippend auf ihren Bällen. „Wir bleiben in Bewegung, tun jetzt aber so, als würden wir ein Lasso schwingen“, motiviert Henrika Jeske die Gruppe. Die Lacher lassen nicht lange auf sich warten, auch der erste Kommentar nicht. „Wie war das, ich will `nen Cowboy als Mann“, ruft Sigrid David, während sie ihre Arme durch die Luft fliegen lässt.

Fröhliches Gelächter war es auch, das sie eines Morgens wahrnahm und neugierig machte. „Ich wohne auf der anderen Straßenseite und wollte natürlich wissen, woher das kommt“, berichtet Sigrid David. Seitdem ist sie ein gern gesehener Gast im Garten von Susanne Busch. Wächst die Gruppe weiter, müsste ein weiterer Garten zur Sportfläche werden. „Oder man ist vom Balkon aus dabei“, so Jeske.

In der Morgenruhe gestört fühlt sich bisher niemand in der Nachbarschaft, allerdings im eigenen Haushalt: Während des Workouts entdeckt Heidi Sommer ihre Tochter oben am Fenster, die noch Ferien hat. „Oh, jetzt haben wir Paula geweckt. Ich habe vergessen, das Fenster zuzumachen.“ Wieder Gelächter. Doch auch der Nachwuchs hat schon die ein oder andere Einheit mitgemacht, wenn er denn aus dem Bett kommt.

Wegen des Fototermins ist die Gruppe heute statt der geplanten 30 bereits 40 Minuten bei leichtem Schneefall in Bewegung, der Wunsch nach heißem Kaffee und Brötchen wird langsam größer.

Vor dem ersten Kaffee kriegt die Bandscheibe Frühstück

„Aber erstmal gibt‘s noch Frühstück für unsere Bandscheibe“, verspricht Henrika Jeske und lässt die Frauen zum Abschluss im festen Stand bei ausgestreckten Armen den Oberkörper rotieren. „Schön in der Ausatmung nach rechts hinten ziehen“, animiert sie noch einmal. Ihr ist wichtig, den Nachbarinnen auch Übungen für den Alltag an die Hand zu geben.

Vermutlich werden sie morgen mit Muskelkater aufwachen, aber dennoch um kurz vor halb neun wieder in ihrem Garten stehen. Egal, welche Bedingungen sie da draußen erwarten.

Von Kathrin Bensemann

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