Sonntag , 25. Oktober 2020

Die unbezahlte Arbeit der Frauen – so viel ist sie wert

Um das gleich vorwegzunehmen, die Arbeit, die Frauen leisten, ist eigentlich unbezahlbar. Das gilt natürlich auch für Männer, welche die als typisch weiblich geltende Care-Arbeit übernehmen. Sorge-Arbeit hat immer etwas mit einem Subjekt zu tun, sie findet stets zwischen oder für Personen statt oder bezieht sich auf diese, anders als etwa die Arbeit in einer Fabrik oder am Bildschirm. Diese Arbeit wird manchmal bezahlt, dann aber schlecht, zu einem großen Teil aber unbezahlt und meistens von Frauen erledigt.
Doch gehen wir zum Anfang und schauen wir, wie sich das Ganze eigentlich entwickelt hat.

Rund um die 50er-Jahre

Haushalte waren bis in die 1950er-Jahre der wichtigste Erwerbsbereich für Frauen und Mädchen. Das galt in ganz Europa und sogar in stark industrialisierten Ländern wie England. Dann nahm die Zahl der erwerbstätigen Personen in Haushalten zunächst einmal stark ab, stieg aber bald wieder an, und zwar in Form von haushaltsnahen und personenbezogenen Dienstleistungen. Diese wurden vorrangig von Frauen verrichtet und waren in der Regel schlecht bezahlt.

Ohne die vielen Haushaltsgeräte, die wir heute haben, war die Arbeit zudem schwer. Wäsche wurde in Töpfen gekocht und umständlich gemangelt, das Essen konnte nicht perfekt portioniert gekauft werden und von Reinigungsgeräten wie einem Staubsauger oder einem Fensterwischer konnte man nur träumen. Zudem gab es nur „Hausmittel“ zum Putzen, sodass Sauberkeit nur mit dem entsprechenden, körperlichen Einsatz erzielt werden konnte. Ganz zu schweigen davon, dass Frauen sich auch um die bedürftigen und kranken, sowohl kleinen als auch älteren Menschen kümmerten.

Heute unterscheidet sich die Sorge- und Versorgungswirtschaft in verschiedenen Ländern deutlich, doch eines ist immer gleich: Es handelt sich bei diesen Tätigkeiten um solche, die sehr viel Zeit benötigen, und sie werden vorwiegend von Frauen verrichtet.

Ab den 50er-Jahren

In den 50er-Jahren änderte sich einiges bei der Hausarbeit, jedoch nur was die technische Ausstattung, nicht was die Wertschätzung betraf. Nach dem 2. Weltkrieg wurden zahlreiche Haushaltsgeräte erfunden, und durch den wirtschaftlichen Aufschwung konnten viele Haushalte sie sich auch leisten. Das bedeutete gleichzeitig, dass die Hausangestellten verschwanden und die Ehefrauen mit technischer Unterstützung nun die Hausarbeit übernahmen – unbezahlt natürlich. Die zeitliche Ersparnis wurde zu einem Teil dazu benutzt, um den Lebensstandard daheim deutlich zu erhöhen. Zudem gab es große Umwälzungen im Gesundheitswesen, das immer mehr professionalisiert wurde.

Heute stecken wir mitten in großen Umwälzungen, denn erneut wird die Care-Ökonomie komplett verändert, und damit auch die Geschlechterverhältnisse. Dass die Rollen immer noch in alten Mustern stecken, ist etwa daran zu erkennen, dass sich während der Corona Krise wieder die Frauen zu einem Großteil um die Kinder, die nun zu Hause bleiben mussten, gekümmert haben.

Natürlich, möchte man jetzt einwenden, wenn die Männer eben den Hauptjob haben und das meiste Geld nach Hause bringen! In dieser Ansicht sind zwei Probleme verborgen: Männer werden anscheinend nicht als verantwortlich für die Kinder gesehen, besonders nicht von ihren Chefs und Kollegen, denn schließlich gibt es ja immer eine Frau, die sich kümmert. Und der Wert dieser weiblichen Arbeit, der Care-Arbeit, inklusive Kochen, Waschen, Pflegen, Beschäftigen, Einkaufen, Ausführen, Versorgen, Verarzten, wird nur höchst selten in konkreten Zahlen beziffert.

Das Finanzportal Jonkoo hat sich die Mühe gemacht und die entsprechen Fakten zusammengetragen. Dabei kam heraus, dass Frauen, mit einem durchschnittlichen Lohn gerechnet, im Lauf ihres Lebens Arbeit im Wert von mehr als zwei Millionen Euro leisten.

Der Wert der Care-Arbeit wird komplett ignoriert

Würden Frauen ihre unbezahlte Arbeit vergütet bekommen, entspräche das einem zusätzlichen Nettoeinkommen von 29.466,45 Euro pro Jahr. Das Thema Altersarmut wäre Schnee von gestern, keine Frau müsste sich am Ende ihres Lebens sorgen.

Trotz der immensen Größenordnung der Care-Ökonomie ist sie weder in der Wirtschaftsgeschichte noch in der Wirtschaftstheorie wirklich Thema. Niemand hat sich bisher mit ihr als eigenständigem Bereich beschäftigt, sie taucht meist nur im Zusammenhang mit anderen Fragestellungen auf.

Das liegt unter anderem daran, dass man davon ausgeht, Wohlstand werde nur im Erwerbssektor geschaffen. Im Produktions- und Dienstleistungsbereich findet eine zunehmen Rationalisierung statt, sodass der Lebensstandard zu-, die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit jedoch abnimmt. Doch im Care-Bereich kann vieles nicht rationalisiert werden, und wenn es versucht wird, dann hat es teilweise sehr unmenschliche Folgen, siehe die Entwicklung in Altenheimen.

Kein Wirtschaftstheoretiker hat sich bisher wirklich für die Care-Arbeit interessiert, lediglich feministische Ökonominnen haben das Thema behandelt. Etliche Lektüren wurden allerdings über Taylorisierung, Industriearbeit oder Entfremdung in der Güterproduktion geschrieben. Das eigentliche Wesen der Care-Arbeit, ihre Personenbezogenheit, unterscheidet diese Arbeit jedoch von allen anderen. Dass sie nur im Zusammenhang mit Herrschaft und Ausbeutung funktionieren kann, muss unbedingt besprochen werden. Doch wer will das tun? Wahrscheinlich hängt das Desinteresse auch damit zusammen, dass diese Arbeiten zu einem Großteil von Frauen erledigt werden, die eben nicht an den Unis sind und ökonomische Aufsätze schreiben.

Vom gesamtgesellschaftlichen Aspekt einmal abgesehen muss jede Frau sich selbst darum kümmern, nicht wirtschaftlich abhängig und von Altersarmut bedroht zu sein. Dazu kann etwa zählen, sich die zu Hause anfallende Arbeit mit dem Partner zu teilen und, wenn Kinder kommen, auf eine Ausgleichszahlung zu bestehen, die dem Rentenkonto zugutekommt. Das gilt natürlich für jeden der Partner, der sich überwiegend um die Kinder kümmert, unabhängig vom Geschlecht.

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igorovsyannykov von Pixabay