Sonntag , 25. Oktober 2020

Brauchen wir noch Bankfilialen?

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie haben eine Entwicklung schnell vorangetrieben, die sich bereits in den vergangenen Jahren beobachten ließ: Immer mehr Banken schließen Filialen. Wo es auf der einen Seite einen Aufschrei um Arbeitsplätze und Kundennähe gibt, sehen viele diesen Schritt als längst überfällig an. Die Kritik: Deutschland wehrt sich in einem weiteren Sektor zu sehr gegen die Digitalisierung. Doch sind wir tatsächlich dazu bereit, vollständig auf Bankfilialen und persönliche Berater zu verzichten?

Bankfilialen & Berater vor Ort – vergebliches Wehren gegen die Digitalisierung?

Ähnlich wie die beständige Kritik am Bargeld kommt auch das Infragestellen des klassischen Bankfilialen-Konzepts zumeist von den jüngeren Generationen, die mit Online-Banking oder Banking-Apps auf dem Smartphone aufgewachsen sind, und die klassische Überweisung am Automaten oder per Überweisungsschein nur noch aus Erzählungen kennen. Seit einigen Jahren ist der Gedanke an die eigenen Finanzen dazu für viele vollständig vom klassische Bankenwesen entkoppelt: Investiert wird in Kryptowährungen wie Bitcoin, Kredite werden bei direkt bei Online-Anbietern wie Kredu aufgenommen und statt ein Konto bei einer der großen deutschen Banken zu führen, wechseln immer mehr Menschen zu einer modernen Online-Bank. Diese schaffen in immer mehr Varianten den Sprung aus dem Start-up-Bereich und entwickeln sich zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz für die bisherigen Marktführer.

Das hat einfache Gründe: Wo bei vielen klassischen Banken bereits Überweisungen via App als modernes Highlight präsentiert werden, gehen die Online-Banken den Weg zu Ende und setzen vollständig auf Digitalisierung. Das bedeutet: keine Filialen, keine persönlichen Berater und das Smartphone wird zum Mittelpunkt der eigenen Finanzen. Überweisungen werden so via Handy getätigt, Kontoauszüge digital abgerufen und die Bankkarte über einen einzelnen Klick in der App gesperrt, als gestohlen gemeldet und neu beantragt. Ziel der jungen Banken ist es natürlich, Kosten einzusparen. Die Kundenberatung läuft in den meisten Fällen über ein Call-Center-System, Live-Chats in der App oder über die Social-Media-Kanäle. Das funktioniert für einfache Anfragen bestens und bringt so ein großes Einsparungspotenzial mit sich.

Ein weiterer Pluspunkt der jungen Online-Banken: Kosten und Gebühren fallen vergleichsweise gering aus. Während sich viele Kunden klassischer Banken mit Kontoführungsgebühren oder sogar Negativzinsen herumschlagen müssen, lockt die junge Konkurrenz mit kostenloser Kontoführung. Kosten entstehen erst, wenn der Kunde spezielle Extrafunktionen freischalten oder zusätzliche Versicherungsangebote mit einbinden möchte.

Bankfilialen als Sicherheitspunkt

Ähnlich wie in der Diskussion um das Bargeld wird auch bei den Bankfilialen häufig das Rentnerargument genutzt: Ältere Menschen hätten häufig weder das Wissen noch die Möglichkeiten, um auf digitales Banking umzusteigen und sind deshalb schlichtweg auf Überweisungsscheine, ausdruckbare Kontoauszüge und persönliche Bankberater vor Ort angewiesen. Diese Zielgruppe lässt sich für die digitalen Banken bisher nur schwer erreichen und spielt gleichzeitig eine wichtige Rolle für das Tagesgeschäft klassischer Banken. Häufig sind es die Menschen im Alter von 50+, die über die Zeit ein größeres Vermögen angehäuft haben und somit auch wertvolle Kunden darstellen. Ein Großteil des Kundenstamms der digitalen Banken macht eine Gruppe unter 25 aus, die schlichtweg noch nicht die Möglichkeiten dazu hatte, viel Geld zu verdienen bzw. anzusparen.

Mit der Höhe der finanziellen Summen wächst auch ein Argument heran, das dafür Sorgen dürfte, dass die klassischen Bankfilialen wohl niemals vollständig aus dem Stadtbild verschwinden dürften: Vertrauen und Sicherheit. Für eine junge Zielgruppe mögen Aspekte wie Kundennähe häufig eine untergeordnete Rolle spielen und stattdessen stehen Faktoren wie Geldersparnis oder Flexibilität im Vordergrund – wer sich jedoch Gedanken über Anlagen, Bausparverträge oder eine Eigenheimfinanzierung macht, wird diese Themen nicht am Telefon oder über einen Live-Chat besprechen wollen. Der Wirecard-Skandal Mitte 2020 hat erneut gezeigt, dass mangelndes Vertrauen in Banken und Finanzdienstleister durchaus seine Berechtigung haben kann. Wer private Entscheidungen über hohe finanzielle Summen trifft, möchte persönliche mit jemandem sprechen, der Fachwissen sowie Erfahrung hat, sich Zeit nimmt und den Kunden im Optimalfall seit längerer Zeit kennt.

Das klassische Bankfilialen auch heute noch eine wichtige Rolle spielen und spielen werden hat daher nicht alleine mit Rentnern oder Digitalisierungs-Verweigerern zu tun. Viel mehr kommt das Unverständnis oft aus der Richtung junger Menschen, die schlichtweg noch nicht an einem Punkt stehen, an dem eine Bank Sicherheit ausstrahlen muss. Die digitalen Banken liefern interessante Ansätze und bringen den Vorteil mit sich, dass sie auch das etwas angestaubte Bankenwesen zum Handeln “zwingen”, um weiterhin konkurrenzfähig zu bleiben. Gleichzeitig ist erkennbar, dass sich die junge Online-Banken-Branche noch im Aufbau befindet und auch die eigene Zielgruppe kennt. Für die großen finanziellen Entscheidungen wird deshalb auch in den kommenden Jahren noch die klassische Filiale der Ankerpunkt bleiben. Dass sich dem weiteren Filial-Abbau dadurch nicht entgegenwirken lässt, machen die Banken selbst bereits seit Jahren deutlich: Die Kosteneinsparung steht häufig an erster Stelle – wer sich als Kunde zu lange gegen Digitalisierungsschritte wie Online-Überweisungen wehrt, bekommt früher oder später (Straf-)Gebühren auferlegt und wird so mehr oder weniger zur Anpassung gedrängt.

Bildquelle:
Pixabay