Fingernägel kauen bei Kindern: Was hilft?

Etwa zehn Prozent der deutschen Kinder und Teenager knabbern regelmäßig ihre Nägel ab. Eltern, die ihre Kinder erwischen, verbieten ihnen oftmals unter Androhen von Strafen das Nägelkauen. Dabei ist es Erfolg versprechender, mit dem Kind Bewältigungsstrategien einzuüben. Denn anders als Erwachsene kauen Kinder verstärkt an ihren Nägeln, weil sie versuchen, emotionale Konflikte zu bewältigen.

Warum rund zehn Prozent aller Kinder an den Nägeln knabbern

Die lästige Angewohnheit des Nägelkauens beginnt mitunter bereits in jungen Jahren. Häufig ist das Laster lediglich ein Begleitsymptom, nicht jedoch die eigentliche Ursache. Die Gründe für medizinische Onychophagie sind vielseitig: Bei Kindern ist zwanghaftes und unkontrolliertes Kauen häufig auf starke emotionale Belastungen zurückzuführen. Auch dann, wenn Kinder großen Erwartungs- und Leistungsdruck ausgesetzt sind, können sie im Nägelkauen ein Ventil zur Stressbewältigung suchen. Eher weniger Kinder und Jugendliche knabbern aus reiner Langeweile.

Fingernägel kauen bei Kindern – wann Handlungsbedarf besteht

Sollten Kinder gelegentlich und unregelmäßig auf ihren Nägeln herumkauen, besteht für Eltern grundsätzlich erst einmal kein Grund zur Sorge. Anlass zum Handeln ist dann erst gegeben, wenn das Kind nicht von seinen Nägeln ablässt oder selbst erkennbar unter der Zwangshandlung leidet. In diesen Fällen ist es sinnvoll, zunächst ein offenes und klärendes Gespräch zu suchen. Jedoch raten Experten davon ab, das Fingernägelkauen bei Kindern grundsätzlich mit Sanktionen zu belegen. Stattdessen führen Belohnungen zum Ziel. Spendieren Sie Ihrem Kind beispielsweise ein Eis oder laden Sie es ins Kino ein, wenn es die Angewohnheit für einen bestimmten Zeitraum unterlässt. Bei kleineren Kindern kann ein spezieller, in Apotheken erhältlicher Nagellack aus bitteren Tinkturen Abhilfe schaffen. Da dessen Bitterstoffe ungenießbar sind, vergeht Nagelkauern schnell die Lust an ihrer „Beschäftigung“.

Hilfsmittel einsetzen: Wie den Kindern das Nägelkauen abgewöhnen?

  • Eine Ersatzbeschäftigung ist hilfreich, wenn das akute Bedürfnis des Nägelkauens auftritt. So finden kleinere Kinder etwa an einem „Anti-Stress-Ball“, den sie bei Bedarf fest drücken, Gefallen. Alternativ lässt sich die Fixierung auf die Fingernägel in etwas Positives umwandeln: etwa in eine rituelle Pflege oder abendliche Massage.
  • Eine andere Strategie besteht darin, die Fingernägel für Kinder unzugänglich zu machen. Dies gelingt beispielsweise mit Pflastern, welche die Fingernägel abkleben, oder mit Handschuhen. Nachteilig bei Handschuhen ist, dass sie die Bewegungsfreiheit der Hände einschränken.
  • Schlechte Angewohnheiten erfordern mitunter die ein oder andere Notlüge. Da kleine Kinder sehr empfänglich für Märchen sind, lässt sich aus dem Nägelkauen eine kreative Geschichte bauen. Der Clou: Selbstverständlich sind diejenigen, die an ihren Nägeln kauen, im Nachteil. Da sich Kleinkinder normalerweise nicht mit Bösewichten identifizieren und zu „den Guten“ gehören wollen, sind sie angespornt, mit dem Nägelkauen aufzuhören.
  • Bei regelmäßigem Nägelkauen empfiehlt sich eine andere Strategie: Dem Laster einen zeitlichen Rahmen aufzuerlegen. Um das Nägelkauen in den Griff zu bekommen, können Eltern dieses „Hobby“ beispielsweise für wenige Minuten am Tag erlauben. Später lässt sich dieser „legale“ Zeitraum schrittweise weiter reduzieren. Wichtig bleibt dabei, trotz der Erlaubnis weiterhin auf eine gründliche Handhygiene zu achten.
  • Liegt dem Nägelkauen eine emotionale Belastung zugrunde, helfen gezielte Entspannungstechniken dabei, das Erlebte zu verarbeiten. Stressgeplagte Kinder gelangen mit einer Fantasiereise oder einem autogenen Training zu mehr Entspannung.

Entkopplungs- oder Ersatztherapien anwenden

In der Psychologie haben Experten in den vergangenen Jahren vielversprechende Möglichkeiten gefunden, um Betroffene bei ihrer lästigen Angewohnheit zu helfen. Eine junge Methode, die von dem Neuropsychologen Steffen Moritz erfunden wurde, trägt den Namen „Entkopplungsmethode“. Sie konnte etwa 50 Prozent der Betroffenen nachhaltig Linderung verschaffen. Als Grundgedanke dieser Methode gilt eine Ersatzhandlung, die das betroffene Kind anstelle des Nägelkauens vornimmt. Solch eine Handlung besteht aus einem anderen motorischen Bewegungsablauf (etwa die Fäuste ballen). Alternativ lassen sich die Finger zu den Ohren oder zum Hals anstelle des Nagels führen.

Eine andere Methode geht auf die Verhaltenstherapie zurück. Beim Habit-Reversal-Training besteht das Ziel im Erlernen einer oder mehrere entgegenwirkenden Verhaltensweisen(n). Diese Therapie richtet sich ausschließlich an ältere Kinder und Jugendliche, die ihre Angewohnheit schon reflektieren können. Zunächst geht es um das Schulen der Selbstwahrnehmung. Gemeinsam mit Ihrem Kind analysieren Sie die Situationen, in denen es zum Nägelkauen kommt. Anschließend geht es darum, mithilfe einer Belohnung (langfristig) eine gesundheitsverträglichere Ersatzhandlung zu etablieren. Wichtig ist hierbei, die Motivation des Kindes fortwährend aufrechtzuerhalten. Idealerweise übt ein Kind die Ersatzhandlung (oder die Vorstellung, diese anstelle des Nägelkauens durchzuführen) täglich für etwa zehn bis fünfzehn Minuten.

Gesundheitliche Folgeerscheinungen vermeiden

Kritisch wird es dann, wenn durch die Angewohnheit gesundheitliche Probleme entstehen. Bei Kindern, die ständig knabbern, können entzündete Stellen oder Warzen auf den Händen entstehen. Auch ein abgerissener Nagel ist extrem schmerzhaft und verheilt oftmals erst nach Tagen. Ist trotz offener Gespräche keine Besserung in Sicht, ergibt es Sinn, den Kinderarzt behandelnd hinzuzuziehen.

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