Sich allein dem Lernstoff zu stellen, kann Kinder und Eltern überfordern. Um Lernrückstände aufzuholen, gibt es verschiedene Lösungen.

Bildungslücke durch Homeschooling? Diese Möglichkeiten haben Eltern und Kinder

Aufgrund des neuartigen Corona-Virus waren zahlreiche Schüler und Schülerinnen seit Mitte Dezember 2020 nicht im klassischen Schulunterricht. Für den Großteil der Kinder und Jugendlichen fiel im Rahmen der Pandemie bis zu einem halben Jahr Präsenzunterricht aus. Diese Einschränkungen wirken sich auf die soziale und psychische Entwicklung der Betroffenen aus. Gleichzeitig beeinträchtigen sie deren Lernstand zum Teil stark. Wie groß diese Lernrückstände tatsächlich sind, unterscheidet sich zwischen den Lernenden. Während einige mit dem Home Schooling gut zurechtkommen, fällt bei anderen der Notendurchschnitt deutlich.

Was lässt sich gegen Lernrückstände durch Corona unternehmen?

Dass der Distanzunterricht Schüler nicht nur belastet, sondern sich auf ihre Leistungen auswirken kann, belegt eine Studie aus den Niederlanden. Sie offenbart einen Lernrückstand von 20 Prozent der befragten Lernenden im Jahr 2020 gegenüber dem Vorjahr. Selbst Schulen mit einer guten digitalen Ausstattung müssen sich mit dieser Bilanz abfinden. Stammen die Kinder und Jugendlichen aus einem schwierigen sozialen Umfeld, konnte das Lerndefizit laut der Studie bis zu 50 Prozent betragen. In Deutschland gibt es bisher keine bundesweiten Lernstandserhebungen. Jedoch liegt der Verdacht nahe, dass auch hierzulande starke Bildungslücken zu befürchten sind.

Die Lernrückstände treten bei den Kindern entweder in einzelnen Fächern oder im gesamten Schulalltag auf. Viele von ihnen bemängeln nach einem Jahr Home Schooling Überforderung bei den Aufgaben und zu wenig Erklärungen. Speziell erklärungsbedürftige Fächer und Themen belasten die Schüler stark. Allein fällt es ihnen schwer, sich komplexen Sachverhalten wie im Matheunterricht zu stellen. Nicht immer können die Eltern ihnen hilfreich zur Seite stehen. Um Matheaufgaben zu lösen, wenden sich die Kinder beispielsweise an Schulkameraden, die den Stoff verinnerlicht haben. Über Online-Programme gelingt es, sich mit anderen Schülern auszutauschen und auf die Weise Hilfe zu erfahren.

Alternativ kann eine Online-Nachhilfe in Mathe eine gute Lösung darstellen. Bevor die Schüler diese in Anspruch nehmen, empfiehlt es sich, das entsprechende Thema nochmals genau zu beleuchten und klare Fragestellungen zu formulieren. Das erleichtert es, dem Nachhilfelehrer das Problem zu schildern. Die Online-Unterstützung erfahrener Lehrkräfte, Nachhilfelehrern oder Studierenden können die Schüler und Jugendlichen nicht nur in den Naturwissenschaften annehmen. Es gibt ebenfalls Nachhilfeangebote in Sprachen, Geschichte oder anderen Themenbereichen.

Kann eine Schuljahresverlängerung Lernrückstände ausgleichen?

Einige Schüler leiden aufgrund der aktuellen Situation an starken Lernrückständen, die auch Nachhilfeunterricht nicht vollständig abdecken kann. Zum Teil resultieren die Bildungslücken nicht nur aus der Corona-Zeit, sondern wurden aufgrund von Lehrermangel oder mangelndem Engagement aus den Vorjahren mitgenommen. Angesichts der Dringlichkeit der Angelegenheit bringen einige Experten die Idee, das Schuljahr bis in den Dezember zu verlängern, auf den Tisch. Zu ihnen gehört der Bildungsforscher Marcel Helbig. Im Februar 2021 schlug er in einem Interview mit dem „Spiegel“ vor, das Schuljahr bundesweit bis Weihnachten auszudehnen. In den zusätzlichen Monaten könnten die Schüler die verlorene Lernzeit aufholen.

Bereits andere Länder wie Portugal oder Brasilien entschieden sich für ein verlängertes Schuljahr. Allerdings beschränkte sich die Verlängerung hier auf wenige Wochen. Für Schüler, die zusätzliche Lernzeit benötigen, kann es alternativ sinnvoll sein, das Schuljahr freiwillig zu wiederholen. Das gibt ihnen die Möglichkeit, sich intensiv mit dem Lernstoff zu befassen und Bildungslücken zu schließen. Wer sich dafür entscheidet, sollte die „Ehrenrunde“ nicht als Strafe, sondern als zusätzliche Chance ansehen.

Schul- und Lernstress kann frustrierend sein und Schülern die Motivation rauben. Aufhol-Programme sollen nach der Pandemie Bildungslücken schließen.

Der Bund plant Unterstützung für die Lernenden

Im März 2020 rief das Bundesbildungsministerium ein bundesweites Förderprogramm zum Aufholen der Lerndefizite auf den Plan. Eine Milliarde Euro will der Bund gegen Lernrückstände ins Feld führen. Anja Karliczek, die Bundesbildungsministerin, schätzt, dass bis zu 25 Prozent der Schüler teils dramatische Lernlücken aufweist. Aufgrund dieser Sachlage geht jedoch der Lehrerverband davon aus, dass die veranschlagte Summe nicht reichen wird. Sie müsste verdoppelt werden, um Schüler und Schülerinnen angemessen zu unterstützen. Ein weiterer Kritikpunkt ist aus ihrer Sicht, dass das Förderprogramm erst im neuen Schuljahr beginnt.

Nach Vorstellung der SPD soll mit der Fördersumme jedem fünften Schüler in Deutschland ein individuelles Angebot zur Lernförderung gemacht werden können. Beispielsweise könnten sie über das Schuljahr verteilt zwei Extrastunden pro Woche in Kleingruppen in Anspruch nehmen. Alternativ nutzen sie vier Förderstunden wöchentlich für ein halbes Schuljahr. Diese Stunden werden beispielsweise von:

  • pensionierten Lehrkräften,
  • Lehramtsstudierenden,
  • Volkshochschulpersonal oder
  • Nachhilfeanbietern

übernommen.

Bereits im Jahr 2020 wurden entsprechende Kooperationsprojekte – beispielsweise in Form der Sommerschulen – in einigen Bundesländern durchgeführt. Auch 2021 sind sie erneut geplant. Über die Sommerferien sollen die Schüler und Schülerinnen mehrere Stunden Förderunterricht in der Woche in Anspruch nehmen können. Die Klassen fünf bis sieben sollen bei einem Projekt der Universität Augsburg und dem Schulwerk der Diözese Augsburg vier zusätzliche Wochenstunden in den Fächern:

  • Mathematik,
  • Deutsch und
  • Englisch

erhalten. Ob diese Unterstützung ausreicht, um Bildungslücken komplett zu schließen, bleibt jedoch abzuwarten.

Viele Forscher, darunter der Unterrichtsforscher Alexander Gröschner, bezweifeln, dass Sommerangebot allein die Lerndefizite ausgleichen kann. Zusätzlich steht die Frage im Raum, ob Schüler und Schülerinnen mit entsprechenden Lücken die Angebote annehmen. Aus Sicht des Experten sei es sinnvoller, die betroffenen Schüler im System abzuholen und sie nicht mit zusätzlichen Sommercamps zu belasten.

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