Bei einem Anschlag auf ein Konzert der Sängerin Ariana Grande starben im Mai 2017 22 Unschuldige und der Selbstmordattentäter.

Terroranschlag auf Ariana-Grande-Konzert: Untersuchung zum Attentat beginnt

In Manchester startet am Montag die öffentliche Untersuchung zum Terroranschlag beim Konzert von Ariana Grande im Mai 2017. Die Eltern der getöteten achtjährigen Saffie Roussos hoffen auf Antworten: “Das Schlimmste wäre zu wissen, dass Saffie hätte gerettet werden können.”

Manchester. Sie war das jüngste Opfer des Terroranschlags von Manchester. Als sich der Selbstmordattentäter Salman Abedi im Mai 2017 am Ende eines Konzertes von US-Superstar Ariana Grande in die Luft sprengte, tötete er 22 Menschen, darunter auch die achtjährige Saffie Roussos. Ihre Eltern hoffen nun, dass eine öffentliche Untersuchung des Anschlags, die am Montag mit der Beweisaufnahme beginnt, endlich Licht ins Dunkel bringt – und kritisiert, dass Hinterbliebenen­vertreter teilweise vom Verfahren ausgeschlossen werden.

Im Interview mit dem britischen Rundfunksender BBC fordern Andrew und Lisa Roussos ein transparentes Verfahren. Es solle deutlich gemacht werden, ob und inwiefern die Behörden Wissen über Salman Abedi und seinen Bruder Hashem Abedi, der jüngst wegen Unterstützung eines Terroranschlags zu einer Gefängnisstrafe von 55 Jahren verurteilt wurde, hatten und ob die Tat damit hätte verhindert werden können. Außerdem soll geklärt werden, was vor, während und nach dem Anschlag passierte und wie britische Sicherheitskräfte reagierten.

“Man ließ verletzte Menschen stundenlang in der Arena liegen – das ist der Wahnsinn!”

“Am schlimmsten wäre es für mich zu wissen, dass Saffie hätte gerettet werden können. Daran zu denken – nicht nur an Saffie, auch an die anderen Opfer. Daran zu denken, dass man verletzte Menschen stundenlang in der Arena liegen ließ. Das ist einfach der Wahnsinn”, wird Lisa Roussos zitiert. Die Mutter war mit ihren Töchtern, der achtjährigen Saffie und ihrer älteren Schwester Ashlee auf dem Konzert. Lisa und Ashlee wurden bei dem Anschlag verletzt. Sie erinnere sich, wie sie auf dem Boden gelegen habe und gedacht habe, dass bald Hilfe kommen würde, aber es fühlte sich an, als wäre sie für Stunden alleingelassen worden, sagt Lisa Roussos, die nach dem Anschlag vorübergehend gelähmt war.

“Es war ein völliges Chaos. Niemand hatte eine Ahnung, was zu tun war, wie man reagieren sollte.” Sie wünscht sich, dass Fehler zugegeben würden. Vater Andrew war zur Arena gefahren, um zusammen mit seinem elfjährigen Sohn Xander seine Familie abzuholen. Nach dem Anschlag fand er Ashlee leicht verletzt auf einem Bürgersteig und suchte selbst im Chaos nach Saffie und Lisa. “Verletzte Kinder schrien, lagen auf dem Boden. Alle weinten. Ich fragte jeden Polizisten, den ich sah, sie sagten alle nur, ich solle zwischen den Opfern weitersuchen. Niemand hatte die Kontrolle.”

Vater erfuhr 14 Stunden später von Saffies Tod

Besonders bitter sei es, dass seine Frau und seine jüngste Tochter nur wenige Meter von ihm entfernt lagen, verängstigt und schwer verletzt. “Ich hätte bei ihnen sein können, ich hätte Saffies Hand halten können anstelle eines Fremden. Wie muss sie sich gefühlt haben, als sie dort lag?”, fragt sich der Vater. Erst 14 Stunden nach der Explosion hatte die Familie Gewissheit, dass Saffie tot war.

Für Andrew und Lisa Roussos sei es wichtig, dass bei der öffentlichen Anhörung die Wahrheit herauskommt und Fehlverhalten benannt wird – auch wenn sie nicht wirklich daran glauben. “Ich höre immer wieder, dass man aus dem Vorfall gelernt habe, aber es wurde nicht daraus gelernt und wird auch nie daraus gelernt werden”, sagte Andrew der BBC, “solange es keine Transparenz und Ehrlichkeit der beteiligten Personen gibt, die uns Antworten geben können.”

Öffentliche Untersuchung findet zum Teil unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt

Die beiden hätten das Gefühl, dass ihnen wichtige Informationen über die letzten Stunden ihrer Tochter vorenthalten würden. “Ich will nichts über ihre genauen Verletzungen wissen, nichts darüber, was sie durchgemacht hat. Aber wir haben noch einige Fragen zu den Umständen”, sagt Lisa Roussos.

Die öffentliche Untersuchung wird in einem speziell umgebauten Gerichtssaal stattfinden und am Montag beginnen. Auch ein hochrangiger MI5-Offizier soll aussagen. Es handelt sich um ein Verfahren abseits der Straf- und Zivilprozesse, das die Umstände aufklären und Versäumnisse aufzeigen soll, um künftige Terrorattacken zu verhindern. Teile des Verfahrens werden unter Ausschluss der Öffentlichkeit debattiert, um die nationale Sicherheit nicht zu gefährden, heißt es in einem Bericht der “Daily Mail”.

Terroranschlag in Manchester: Hinterbliebene und Überlebende dürfen Ermittlern keine Fragen stellen

Das wiederum stößt auf Kritik bei den Roussos – denn damit würden wichtige Details zum Tode ihrer Tochter geheim gehalten werden. Sie schlugen deshalb vor, dass die insgesamt sechs Kanzleien, die die Hinterbliebenen vertreten, permanent Zugang zum Verfahren erhalten. “Ich habe nicht das Gefühl, dass es Transparenz geben wird, wenn wir keinen Vertreter im Gerichtssaal haben”, sagte der Vater.

Nach Angaben der Zeitung hatten Anfang des Jahres 50 Überlebende und Hinterbliebene beantragt, bei der öffentlichen Untersuchung zugegen sein zu dürfen. Sie hätten dann im Voraus Beweise erhalten und an den Ermittlungen beteiligt werden müssen und bei der Untersuchung Fragen stellen dürfen. Der Leiter des Untersuchungsverfahrens lehnte die Anträge ab, ein Gericht bestätigte die Absage später.

Saffies Eltern trauern: “Sie stirbt an jedem Tag, jeden Tag aufs Neue”

Auch über ihr eigenes Unglück sprachen die Eltern bei der BBC: “Wir fühlen uns, als würden wir im Mai 2017 feststecken. Darüber kommt man nicht hinweg, niemals”, sagt Lisa Roussos. “Jeden Morgen wacht man auf. Es passiert wieder. Sie stirbt an diesem Tag, jeden Tag aufs Neue.” Durch die öffentliche Untersuchung sei der Schmerz derzeit so groß wie eh und je.

RND/msk