An diesem Montag protestieren viele Menschen in Madrid gegen die Lockdownmaßnahmen der spanischen Regierung. Quelle: Getty Images

Die Corona-Flut: Ab diesem Montag sollen 850.000 Madrider ihr Viertel nicht mehr verlassen

Madrid. Juan Carlos Monedero hat ein Universalprotestplakat dabei. “Basta” steht darauf, “es reicht”. Mit dem Plakat in der linken Hand und die rechte Hand zur Faust geballt hat er sich, umgeben von anderen Demonstranten, am Sonntagmittag fotografieren lassen und das Bild auf Twitter veröffentlicht. “In Vallecas”, schreibt er dazu, “mit einem Volk, das es satt hat.”

Vallecas ist ein Stadtbezirk im Südosten Madrids, hier liegt eine der insgesamt 37 Zonen in der spanischen Hauptstadt und deren Umland, für die ab diesem Montag wieder Ausgangsbeschränkungen gelten. Keine solch harschen wie während der ersten Corona-Welle im März und April. Aber harsch genug, um den Madrider Verband der Nachbarschaftsvereine auf die Barrikaden zu treiben. Hunderte, wahrscheinlich Tausende Menschen folgten seinem Aufruf und protestierten an diesem Sonntag auf etlichen kleinen Demonstrationen gegen ihre “Segregation” vom Rest der Welt. Rund 850.000 Menschen hauptsächlich im ärmeren Süden Madrids und in einigen Vorstädten noch weiter südlich sollen ihr Viertel die kommenden zwei Wochen möglichst nicht verlassen. Die anderen gut 5,8 Millionen Einwohner der Hauptstadtregion dürfen vorerst weiter leben wie bisher.

Trauriger Rekord: Madrid übertrifft alle anderen Regionen Spaniens

Nach einem langen heißen Sommer war am Freitag der Herbst über Madrid hereingebrochen. Am selben Tag kündigte die konservative Regionalregierung an, dass außer schlechtem Wetter neue Corona-Regeln die Madrider davon abhalten sollen, auf die Straße zu gehen. Die am Samstag veröffentlichte Verordnung ist ein einigermaßen verzweifelter und verspäteter Versuch, sich der Covid-19-Epidemie entgegenzustellen. Mit gut 680 Infizierten auf 100.000 Einwohner in den letzten vierzehn Tagen übertrifft Madrid alle anderen Regionen Spaniens. Im Großteil der 37 zu Ausgangsbeschränkungen verdonnerten Zonen übertrifft dieser Wert die 1.000. Zum Vergleich: In Deutschland belief er sich am Sonntag auf 25,8.

Nach der ersten Corona-Welle im Frühjahr gleicht diese zweite eher einer langsam anrollenden Flut. Die Politiker haben auf den beständig und vorhersehbar ansteigenden Infektionspegel wochenlang mit Unglauben geschaut und sind viel zu spät nervös geworden. Vom friedlichen Beginn an – zum Ende des Alarmzustands am 21. Juni – bis heute fehlte es an Personal in den Gesundheitsämtern, um die Ansteckungsketten nachzuvollziehen. Ein viel größerer Teil der positiv Getesteten als im Frühjahr zeigt gar keine oder nur schwache Krankheitssymptome, doch mittlerweile sind so viele Madrider ernstlich an Covid erkrankt, dass sie 22 Prozent aller Krankenhausbetten belegen (im spanischen Durchschnitt sind es 8,7 Prozent). Auf den Intensivstationen ist für andere Patienten kaum noch Platz. Die Regionalregierung bereitet sich darauf vor, wieder wie im Frühjahr Messehallen als Notlazarette herzurichten.

Dass Menschen gegen das Versagen der Politik demonstrieren, ist naheliegend. Bemerkenswert ist aber, dass auch Politiker auf die Straße gehen, wie der oben erwähnte Juan Carlos Monedero, einer der Gründer der Linkspartei Podemos, die heute in einer Koalition mit den Sozialisten in Spanien regiert. Die hat ihre Sache während der ersten Corona-Monate nicht besser gemacht als heute die Regionalregierungen, die seit dem Ende des Alarmzustands wieder für die Gesundheitspolitik zuständig sind. Im Frühjahr protestierte die Rechte gegen die Corona-Politik, heute ist es die Linke. Beiden geht es nicht um die Epidemie, sondern um ihre Verachtung für den politischen Gegner. Diese Haltung ist im Kern die Ursache des spanischen Desasters.

Von Martin Dahms/RND