Mittwoch , 28. Oktober 2020
26.09.1980: Ein Sarg wird vom verwüsteten Tatort beim Oktoberfest weggetragen. Quelle: Frank Leonhardt/dpa

Oktoberfest-Attentat vor 40 Jahren: Ein Journalist erzählt von seinen Recherchen

München. Am 26. September 1980 um 22.19 Uhr explodierte am Haupteingang des Münchner Oktoberfestes eine in einem Papierkorb deponierte Bombe. 13 Menschen kamen ums Leben, 213 wurden verletzt. Das war vor 40 Jahren, der schwerste Anschlag in der Geschichte der Bundesrepublik.

Der Attentäter war rasch ausgemacht: Der 21 Jahre alte Geologiestudent Gundolf Köhler aus Donaueschingen in Baden-Württemberg hatte den Sprengsatz gezündet und kam dabei selbst ums Leben. Von einem rechtsterroristischen Anschlag war damals noch nicht die Rede. Und ziemlich lang sollte das auch so bleiben.

“Mechanismen des Wegschauens und Verdrängens”

Jetzt sitzt der Journalist Ulrich Chaussy bei Sonnenwetter in einem Münchner Biergarten, tippt auf eine alte Ausgabe seines Buches “Oktoberfest – Ein Attentat” von 1985 und sagt: “Da stand schon ziemlich viel drin.” Der heute 68-Jährige ist weiterhin Mitarbeiter des Bayerischen Rundfunks (BR) und einer der beiden hartnäckigsten Rechercheure, die immer an dem Fall drangeblieben sind.

Der andere ist der Münchner Rechtsanwalt Werner Dietrich, er vertrat und vertritt zahlreiche Opfer des Anschlags sowie Angehörige. Erstmals bekam es Chaussy 1982 mit dem Thema zu tun, als er Dietrich interviewte. Beide waren darüber irritiert, wie schnell die Generalbundesanwaltschaft ihre Ermittlungen beendet und sich auf Gundolf Köhler als Einzeltäter festgelegt hatte. “Die Mechanismen des Wegschauens und Verdrängens waren damals voll ausgeprägt”, sagt Chaussy heute, “es war wie beim NSU.”

Die Haltung der Ermittler: Köhler sei ein psychisch labiler und frustrierter Einzeltäter gewesen. Bei einer Prüfung war er durchgefallen, bei Frauen konnte er nicht landen. Und so fuhr er in seinem Ford Consul mit der Bombe nach München, um sich umzubringen und dabei möglichst viele andere Menschen mit in den Tod zu reißen. Dass Köhler bei der neonazistischen “Wehrsportgruppe Hoffmann” mitgemacht hatte, war den Ermittlern nicht entgangen – laut deren Bericht sei aber kein Zusammenhang zu dem Münchner Anschlag herzustellen gewesen.

Die Momente vor der Tat

Vermerkt wurde auch, dass Köhler ein Porträt von Adolf Hitler in seinem Zimmer hängen hatte. Wie er selbst als Unkundiger eine so komplexe Bombe hätte bauen können, blieb unklar. Bei ihm daheim jedenfalls wurden keinerlei Sprengstoffspuren entdeckt. Und war er lebensmüde? Kurz zuvor hatte er Geld in einen Bausparvertrag eingezahlt und per Zeitungsanzeige Musiker gefunden, die mit ihm eine Band gründeten. Ulrich Chaussy meint: “Köhler war in Donaueschingen nicht sozial isoliert, er hatte ein geselliges Leben.”

Dem Autor wurden die Ermittlungsakten zugespielt, und er kam aus dem Staunen kaum mehr raus. Laut Zeugenaussagen war Köhlers Auto in München gesehen worden – mit mehreren Insassen. Im Aschenbecher des Wagens wurden mehr als 40 Zigarettenstummel entdeckt von sechs unterschiedlichen Marken. Der Zeuge Frank Lauterjung sagte, er habe Köhler am Tatort 30 Minuten vor der Explosion beobachtet und gesehen, wie dieser mit zwei Männern lebhaft diskutiert hatte.

Lauterjung konnte Köhler exakt beschreiben und die Plastiktüte mit einem großen Gegenstand drin. Eine Zeugin beschrieb, wie Köhler und ein weiterer Mann sich direkt vor der Explosion gestritten und an einem weißen Gegenstand gezogen hätten. Jemand hat gehört, wie am Tatort ein Mann gerufen hatte: “Ich wollt’s nicht, ich kann nichts dafür, bringt’s mich um.”

Beweise aus Platzmangel vernichtet

Chaussy erinnert sich: “Die nächsten 20 Jahre ging in diesem Fall dann gar nichts voran. Ich war fassungslos, dass auf mein Buch nicht reagiert wurde, ich war auch sehr resigniert.” In München sei das Attentat ein “No-Go-Thema” gewesen. 2006, bei der Recherche für eine Doku, kam ihm die Idee, dass man die Asservate nach DNA untersuchen könnte. Diese Möglichkeit hatte es 1980 noch nicht gegeben.

Chaussy fragte nach – und ihm wurde mitgeteilt, dass die Gegenstände von dem Anschlag aus Platzmangel längst vernichtet worden seien. Auch jene abgetrennte Hand vom Tatort, auf die er immer wieder zu sprechen kommt: Sie stammte von keinem Opfer und auch nicht von Gundolf Köhler. Möglicherweise von einem Mittäter? Fingerabdrücke von ihr waren in Köhlers Wohnung gefunden worden.

Die Bundesrepublik 1980: Der schlimmste RAF-Terror war überstanden. Die politische Stimmung war aufgeheizt, kurz vor der Bundestagswahl spaltete der Unions-Kanzlerkandidat Franz Josef Strauß das Land. Im europäischen Ausland und in Deutschland organisierten sich rechtsextreme Terroristen. Doch speziell im CSU-dominierten Bayern stand der Feind ausschließlich links. Strauß hatte sich über den Wehrsportgruppen-Chef und Nazi Karl-Heinz Hoffmann lustig gemacht und gesagt, man solle diesen doch “in Ruhe lassen”.

“Eventuell war der Anschlag so nicht geplant”

Doch was war das Motiv von Gundolf Köhler und möglichen weiteren Tätern? “Dieser Anschlag ist ganz schwer lesbar”, sagt Chaussy. Er weiß es auch nicht. Vielleicht sollte der Anschlag Linken in die Schuhe geschoben werden. Vielleicht sollte Chaos gestiftet werden, um die Chancen zu erhöhen, eine Rechtsdiktatur einzuführen. “Eventuell war der Anschlag so nicht geplant”, meint Chaussy. “Ich bin mir sicher, dass der Köhler nicht sterben wollte.”

Die Rufe nach einer Wiederaufnahme der Ermittlungen wurden ab den 2000er-Jahren lauter. Schließlich ordnete der Generalbundesanwalt Harald Range diese Ende 2014 an. Im Juli 2020 wurden sie beendet mit dem Ergebnis, Köhler habe aus einer “rechtsextremistischen Motivation heraus gehandelt”. Mittäter wurden keine entdeckt, das hatte Ulrich Chaussy auch nicht mehr erwartet. Er wünscht sich aber einen Landtags- oder Bundestags-Untersuchungsausschuss mit dem Ziel, “die Systematik der damaligen Vertuschung aufzudecken”. Wer wollte was und warum unter die Decke kehren?

Gedenkakt am 26. September

In dieser Woche erst haben sich Bund, Freistaat und die Stadt München auf einen gemeinsamen Hilfsfonds für die Verletzten und Hinterbliebenen in Höhe von insgesamt 1,2 Millionen Euro geeinigt. An diesem Samstagvormittag, 26. September, findet am Ort des Attentates ein Gedenkakt statt, auf dem auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht.

Von Patrick Guyton/RND