Mittwoch , 28. Oktober 2020
Polizisten sichern den Zugang zu einem Hinterhof eines Hauses im Bereich Harburger Berg. Nach einem Tötungsdelikt in der Stadt hat die Polizei am Montagabend Anwohner gebeten, in ihren Wohnungen zu bleiben. Quelle: Moritz Frankenberg/dpa

Messerattacke in Celle: Neffe soll Onkel getötet haben – Polizei brachte ihn zum Ausnüchtern dahin

Celle. Zwei fast zeitgleiche Gewaltverbrechen, ein Toter und noch einige offene Fragen: Nach den Messerattacken auf zwei Männer in Celle nur wenige Kilometer voneinander entfernt war die Lage am späten Montagabend für einige Stunden unübersichtlich. Terror schlossen die Ermittler aber schnell aus. Ein 54-Jähriger starb nach dem Angriff in seiner Wohnung, ein 59-Jähriger wurde notoperiert und schwebte am Dienstag nicht mehr in Lebensgefahr. Am späten Nachmittag teilte die Polizei mit, dass es keinen Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen den beiden Gewalttaten gebe.

Im Fall des toten 54-Jährigen nahmen die Beamten den 45 Jahre alten Neffen des Opfers noch am Tatort fest. Ihm wird vorgeworfen, im Verlauf eines Streits im alkoholisierten Zustand seinen Onkel einmal in den Oberkörper gestochen zu haben. Der 45-jährige Neffe war den Angaben zufolge erst vor wenigen Tagen aus dem Gefängnis entlassen worden. Er hatte eine Haftstrafe wegen Eigentumsdelikten, Bedrohung und Beleidigung sowie wegen räuberischer Erpressung verbüßt. Zu dem Vorwurf, seinen Onkel getötet zu haben, schweigt er bislang.

Laut “Cellescher Zeitung” (CZ) hatte die Polizei den Betrunkenen zum Ausnüchtern zu seinem Onkel gebracht, nachdem der 45-jährige Neffe stark alkoholisiert in der Innenstadt randaliert habe. Etwa eine Dreiviertelstunde später war der Onkel tot. Die Polizei bestätigte der CZ, dass der Mann zum Ausnüchtern dorthin gebracht worden sei. Auf die Frage, warum er nicht in eine Ausnüchterungszelle gebracht worden sei, sagte eine Sprecherin der Zeitung: “Der alkoholisierte Tatverdächtige war wegen Diebstahl, Beleidigung und Körperverletzung auffällig geworden. Es gab allerdings keine Haftgründe, weswegen wir ihn nicht in Gewahrsam genommen haben.” Der Sohn des Opfers erhebt in der CZ deshalb nun schwere Vorwürfe gegen die Beamten, er nennt seinen Cousin einen „Intensivstraftäter”.

Zweite Messerattacke: Opfer gibt an, von Radfahrer attackiert worden zu sein

Bei der zweiten Messerattacke am Montagabend, die nicht tödlich ausgegangen ist, hatte das 59-jährige Opfer angegeben, er sei von einem Radfahrer attackiert worden. Dieser sei zunächst geflüchtet. Die Warnung wurde gegen Mitternacht wieder zurückgenommen, weil der 20 Jahre alte mutmaßliche Angreifer gefasst werden konnte. Den entscheidenden Hinweis hatte eine Zeugin gegeben. Sie hatte der Polizei mitgeteilt, dass der 20-Jährige ihr gesagt habe, er habe jemanden mit einem Messer verletzt. Dem festgenommenen 20-Jährigen wird versuchter Totschlag vorgeworfen. Sein Motiv sowie eine mögliche Beeinflussung durch Alkohol oder Drogen seien Gegenstand der weiteren Ermittlungen, hieß es. In beiden Fällen sind die mutmaßlichen Täter und Opfer nach Angaben der Sprecherin Deutsche.

Celle war erst kürzlich Schauplatz einen Raubüberfalls

Die 70.000-Einwohner-Stadt am Südrand der Lüneburger Heide war erst vor zwei Wochen wegen eines Raubüberfalls auf einen Juwelier in den überregionalen Schlagzeilen. Der 71 Jahre alte Inhaber des Geschäftes erschoss die beiden Räuber. Gegen den Mann wird wegen Verdachts des Totschlags ermittelt. Er habe eine Aussage über seinen Anwalt angekündigt, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Lüneburg. Geprüft werde eine Notwehr- beziehungsweise Nothilfelage. In einem Interview mit der “Bild”-Zeitung hatte der Juwelier erklärt, er habe mit den Schüssen seine Frau retten müssen. Nach dem Überfall war die Polizei ebenfalls mit einem Großaufgebot im Einsatz.

Anfang April war ein 15 Jahre alter Radfahrer auf der Straße in Celle erstochen worden. Zeugen, die die Attacke beobachtet hatten, hielten damals den Angreifer fest. Der Junge, dessen Familie aus dem Irak stammt, war nach ersten Ermittlungen ein Zufallsopfer. Das Motiv des mutmaßlichen Täters lag zunächst im Dunkeln. Die Ermittler fanden laut Staatsanwaltschaft keine Anhaltspunkte für eine politische Motivation oder einen rassistischen Hintergrund des Deutschen. Der inzwischen 30-Jährige muss sich vom 6. Oktober an vor dem Landgericht Lüneburg wegen Totschlags verantworten.

RND/hsc/dpa