Samstag , 24. Oktober 2020
Menschen auf der Straße Gran Via in Madrid. Quelle: Getty Images

Corona-Hotspot Madrid macht die Stadtgrenzen dicht

Seit Wochen ist absehbar, dass Madrid die Covid-19-Pandemie nicht in den Griff bekommt. Die Lage in Spanien ist ein Desaster, die in Madrid ein noch größeres. Damit der Rest des Landes nicht mehr als nötig unter seiner Hauptstadt leidet, hat die spanische Regierung am Donnerstagmorgen eine Verordnung veröffentlicht, die Madrid und neun Vorstädte dazu verpflichtet, ihre Grenzen dichtzumachen: Wer seinen Wohnort verlassen will, muss dafür gute Gründe haben. Ausflüge, Urlaubsreisen oder Verwandtenbesuch jenseits der Stadtgrenzen sind in den kommenden Wochen unmöglich. Allgemeine Ausgangssperren gelten vorerst nicht, der Bewegungsraum ist allerdings aufs Stadtgebiet beschränkt. Mit Freunden oder Angehörigen darf man sich höchstens noch zu sechst treffen.

Die spanischen Infektionszahlen sind bei Weitem die schlimmsten Europas: 330 Fälle auf 100.000 Einwohner in den vergangenen 14 Tagen, gut zehnmal mehr als in Deutschland. In der Region Madrid – sie umfasst die Hauptstadt und ihr Umland – mit knapp 6,7 Millionen Einwohnern lag der entsprechende 14-Tage-Wert am Mittwochnachmittag noch deutlich höher, bei 735. Die Pandemie ist hier nahezu außer Kontrolle. Ein Viertel aller Krankenhausbetten in der Region ist mit Covid-19-Patienen belegt, von den Intensivbetten sind es mehr als 40 Prozent. Das Gesundheitssystem nähert sich wieder dem Kollaps.

Regionalpräsidentin will gegen Corona-Maßnahmen klagen

Die Madrider Regionalregierung, die dafür eigentlich zuständig wäre, konnte sich bisher trotz der beunruhigenden Daten nicht zu einschneidenden Schutzmaßnahmen durchringen. Deswegen ist jetzt die nationale Regierung eingesprungen, nach Absprache mit allen 17 regionalen Gesundheitsministern: Die einigten sich am Mittwochnachmittag bei einer Videokonferenz mehrheitlich auf ein neues Handlungsprotokoll für ganz Spanien, das nun zum Einschreiten in Madrid zwingt – zum Ärger der Madrider Regionalpräsidentin Isabel Díaz Ayuso. Sie hält das Eingreifen der nationalen Regierung für illegal und will deswegen vor Gericht ziehen. Sie sei aber keine Rebellin und werde den Anweisungen erst einmal, wenn auch unwillig, folgen.

Der politisch-juristische Streit hat Spanien gerade noch gefehlt. Hinter der Konfrontation zwischen National- und Regionalregierung steckt nichts als parteipolitisches Kalkül. Die Konservative Ayuso legt sich mit der Sánchez-Regierung an, weil die eine linke Regierung ist. Bessere Gründe hat sie nicht.

Bald werden wohl wieder ganze Städte unter Quarantäne gestellt

Zwischen den Mühlsteinen der Politik wird das Gesundheitssystem zerrieben. Die Schließung der Madrider Stadtgrenzen ist eine aus der Not geborene Maßnahme, nachdem erst die Sánchez-Regierung (die dafür bis zum Auslaufen des Alarmzustands am 21. Juni zuständig war) und dann die Ayuso-Regierung an der Aufgabe gescheitert sind, Land und Region vorbeugend vor dem gewaltigen Anschwellen der zweiten Corona-Welle zu bewahren. Von Beginn an hat es an rastreadores gefehlt, den Kontaktermittlern, die schnell und energisch Angehörige und Bekannte von Infizierten in Quarantäne schicken.

Nun müssen stattdessen bald wieder ganze Städte unter Quarantäne gestellt werden. Die Madrider rechnen schon länger damit. Sie hoffen nur eines: dass ihnen nicht wieder die Parks geschlossen werden.

Von Martin Dahms/RND