Montag , 26. Oktober 2020
Menschen gehen zum U-Bahnhof Rathaus Neukölln. In Neukölln steigen die Infektionszahlen des Coronavirus seit mehreren Tagen an. Quelle: Christophe Gateau/dpa

Rekordzahlen im Corona-Hotspot Neukölln: Ein Vorbote für das ganze Land?

Berlin. Vielleicht wird der Bürgersteig in den nächsten Monaten ein ziemlich wichtiger Ort werden. Da kann man sich mit Freunden oder Nachbarn austauschen, an der frischen Luft. In Deutschland stecken sich immer mehr Menschen mit dem Coronavirus an. In keiner anderen Region sind zuletzt so viele Neuinfektionen gezählt worden wie im Berliner Bezirk Neukölln.

Der Amtsarzt befürchtet eine Entwicklung wie in seinem Bezirk auch anderswo. „Was wir jetzt schon in Neukölln erleben, sind nur die Vorboten von dem, was wir wahrscheinlich in allen Metropolen des Landes erleben werden“, sagte Nicolai Savaskan dem „Tagesspiegel“. Neukölln sei der Sensor für das ganze Land.

Berliner Süden rückt in den Fokus

Die Pandemie hat einen dieses Jahr schon oft einen Blick auf die Landkarte werfen lassen. Auf das österreichische Ischgl zum Beispiel. Oder den Kreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen. Jetzt rückt der Berliner Süden in den Fokus. In Neukölln ist der Wert von 50 Fällen pro 100 000 Einwohner in einer Woche längst überschritten. Und zwar um mehr als das Dreifache (Stand Samstag 157,6).

Wie fühlt es sich an, mitten in einem Corona-Hotspot? „Ich denke, wir müssen damit einfach umgehen“, sagte eine Frau. Klar sei das ein unangenehmes Gefühl, aber Angst habe sie nicht. Sie steht vor einer Bar im Weserkiez und will gerade mit dem Fahrrad los. Die Kneipe hinter ihr schließt – seit einer Woche gilt eine Sperrstunde in Berlin. Doch die wackelt nun.

Bundesweit haben Gerichte zuletzt Regelungen auseinander genommen – etwa das Beherbergungsverbot. In Berlin sind elf Gastronomen mit Eilanträgen gegen die Sperrstunde vorgegangen. Nach einem Beschluss des Verwaltungsgerichts dürfen sie nun auch nach 23.00 Uhr noch Gäste bewirten, aber weiterhin keinen Alkohol mehr ausschenken.

Was bringt eine Sperrstunde?

Eine Kneipe davon ist die „Bar am Ufer“ in Neukölln. Die Betreiber argumentieren, bei einer Sperrstunde sei davon auszugehen, dass sich junge Menschen dann an anderen Orten treffen, für die keine Hygienekonzepte gelten. „Damit haben wir nichts gewonnen, außer den kompletten Kollaps einer ganzen Branche bei trotzdem steigenden Infektionszahlen“, teilen sie mit.

Auch das Gericht befand, die Sperrstunde sei für eine nennenswerte Bekämpfung des Infektionsgeschehens nicht erforderlich. Es bezog sich auf das Robert Koch-Institut. Beobachtet worden seien Fallhäufungen bei Feiern im Familien- und Freundeskreis, in Einrichtungen wie etwa Alten- und Pflegeheimen, Krankenhäusern, bei religiösen Veranstaltungen und auf Reisen. Die Landesregierung legte Beschwerde ein. Der juristische Streit geht weiter.

Der Hotel- und Gaststättenverband hatte erwartet, dass nach dem Beschluss auch andere Kneipen länger öffnen. Auf der Neuköllner Weserstraße aber machen viele gegen 23.00 Uhr dicht. Die Polizei fährt vorbei und führt mit manchen „klärende Gespräche“. Die Sperrstunde sei natürlich scheiße, sagt eine Barbetreiberin. Manche Bars fürchten, nicht über den Winter zu kommen.

Wo kommen die Neuinfektionen her?

Wo kommen die Neuinfektionen also her? Die Gesundheitsämter sehen in Berlin ein immer diffuseres Bild. Etwas über zehn Prozent der Fälle seien Ausbrüchen zuzuordnen, bei rund 90 Prozent sei die Quelle nicht eindeutig festzustellen, sagt Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci. Es gebe eine sehr breite Streuung.

Die SPD-Politikerin sagt zudem, die Amtsärzte bemerkten eine nachlassende Kooperationsbereitschaft von Infizierten. Insbesondere nach Ausbrüchen bei großen Hochzeitsfeiern sei beobachtet worden, dass manche Menschen Angaben über ihre engen Kontakte verweigerten. Das sei „ein echtes Problem“, sagt Kalayci.

Als „plötzliche Amnesie“ bezeichnet das Neuköllns Gesundheitsstadtrat Falko Liecke (CDU). Verschiedene Motive seien denkbar, womöglich gehöre eine Angst vor Bußgeld dazu. Wer nicht getestet wird und nicht in Quarantäne kommt, weil die Ämter nichts vom Risikokontakt wissen, kann das Virus weiterverbreiten.

Neukölln: Eine Stadt in der Stadt

Neukölln ist eigentlich eine Stadt in der Stadt. Rund 330 000 Einwohner hat der Bezirk, ähnlich wie Bonn. Auf dem Hermannplatz verkauft einer der Marktstände Handyhüllen und Stoffmasken. Ob er Angst habe wegen der Infektionszahlen? Der Verkäufer winkt ab. „Wenn’s passiert, passiert. Was willst du machen?“ Vor einem Aufzug stehen mehrere Leute, um in den U-Bahnhof zu fahren. Einer trägt seine Maske unter dem Kinn, einer gar keine. Es sind Bilder, die man auch aus anderen Gegenden kennt.

Mit einer neuen Kampagne wollten die Berliner Tourismusagentur und die Senatswirtschaftsverwaltung dafür werben, die Regeln einzuhalten. Das gab ziemlichen Wirbel. Die Zeitungsanzeige zeigte eine Seniorin mit Mund-Nasen-Schutz, die anderen den Mittelfinger zeigt. Der Text dazu: „Der erhobene Zeigefinger für alle ohne Maske.“ Regierungschef Michael Müller (SPD) bezeichnete das als peinlich, selbst der US-Sender CNN und der britische „Guardian“ berichteten.

Dabei spricht die Kampagne mit dem absichtlich verwirrenden Text eines an: Wer hält sich an die Regeln? Und wie bekommt man mehr Menschen dazu, sie einzuhalten? Berliner Politiker sind zuletzt oft gefragt worden, ob es denn wirklich neue Regeln brauche, wenn nicht einmal die alten durchgesetzt würden. Die Antwort: Man könne nicht vor jede Wohnungstür und neben jeden Feiernden einen Polizisten stellen.

„Absoluter Krisenmodus“

Neuköllns Gesundheitsstadtrat Liecke spricht von einem „absoluten Krisenmodus“. Mehr und mehr Personal werde für die Pandemie-Bekämpfung herangezogen. Er sagt auch: „Daran, dass wir das wieder einfangen können wie Mitte des Jahres, glaube ich nicht mehr.“ Es müsse nun vor allem um den Schutz von Risikogruppen gehen. Die Zahl der Krankenhausaufnahmen bei Menschen mit Covid-19 steigt bereits in Berlin, auf Normal- und Intensivstationen.

Amtsarzt Savaskan sagt im Zeitungsinterview noch etwas: Die Menschen seien hinsichtlich der Regeln hochgradig verunsichert. Die Verordnungen, die komplizierten Quarantänebestimmungen. Manches ist auch für Muttersprachler mit Abitur kaum mehr zu überblicken. Da kommt es zur unpassendsten Zeit, dass der Bezirk sich auch noch einer „neuen Dimension“ von Desinformation konfrontiert sieht: Flugblättern in den Briefkästen der Leute. Liecke warnte vor Irreführung. Auf den Zetteln würden Verschwörungsideologien bedient.

RND/dpa