Schlagersänger Howard Carpendale. Quelle: picture alliance/dpa

Howard Carpendale: „Ich habe Angst, dass ich nie wieder auf der Bühne stehen werde“

An Konzerte war auch für Schlagersänger Howard Carpendale während der Corona-Pandemie nicht zu denken, dafür vollendete der Musiker („Ti Amo“, „Hello Again“) sein Album „Symphonie meines Lebens 2“ (seit Freitag erhältlich). Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) spricht der 74-Jährige über die Zusammenarbeit mit dem Royal Philharmonic Orchestra unter erschwerten Corona-Bedingungen, seine Angst um die Musikbranche und die Pläne nach der Pandemie.

Herr Carpendale, die Corona-Zahlen schnellen weiter in die Höhe. Welches Gefühl überwiegt bei Ihnen: die Angst vor einer Infektion oder die Sorge, auf längere Sicht nicht mehr auftreten zu dürfen?

Es überwiegt Zweiteres, ganz klar. Bezüglich einer möglichen Infektion tut man, was man kann, um Corona nicht zu bekommen. Angst verspüre ich jedoch nicht. Aber natürlich ärgert es mich sehr, wenn jemand das Bedürfnis hat, mit mir zu sprechen und dabei nur 20 Zentimeter ohne Maske von mir entfernt steht. Sehr viele Menschen verstehen nicht, worum es hier geht. Daher haben wir weltweit diese hohen Zahlen.

Woher kommt diese Gleichgültigkeit Ihrer Meinung nach?

Ich glaube, dass viele Menschen einfach coronamüde sind. Das sind wir zwar alle, doch jetzt ist der Moment gekommen, wo sich unser Charakter zeigen wird. Schaffen wir es oder schaffen wir es nicht?

Schaffen wir es nicht, wäre auch die Ausübung Ihres Berufes als Livekünstler in Zukunft Utopie.

Ich kann mir volle Säle, egal wie groß sie sein mögen, mit Blick auf das kommende Jahr nicht vorstellen – solange es keinen Impfstoff gibt. Daher geht mir die Angst schon durch den Kopf, dass ich nie wieder auf einer Bühne stehen werde.

Zuletzt durften Sie nicht einmal bei der Produktion Ihres Albums „Symphonie meines Lebens 2“ persönlich an der Seite des Royal Philharmonic Orchestra in den Abbey Road Studios dabei sein. Wie lief es genau ab?

Die musikalischen Aufnahmen wurden mir im Anschluss zugeschickt. Es war allerdings auch nicht zwingend notwendig, dass ich vor Ort bin – zumal wir bereits ein Album in den Abbey Road Studios aufgenommen hatten. Meine beiden Arrangeure spielten mir telefonisch ihre Vorstellungen am Klavier vor und ich konnte daraufhin meine Korrekturen machen. Wobei ich sagen muss, dass es kaum Korrekturen gab. Der Reiz ist es doch, dass jemand einen Titel arrangiert, den er vorher nicht gekannt hat. Ich habe den Eindruck, dass dieses zweite Album im Vergleich zum ersten noch wuchtiger und orchestraler geworden ist.

Vermutlich fällt es schwer, einen Lieblingssong herauszufiltern. Anders gefragt: Welcher Titel hat Sie in der neuen Version am meisten überrascht?

Es ist tatsächlich der Titel „Das schöne Mädchen von Seite 1“, weil ich das Gefühl habe, dass er irgendwie nicht ganz auf dieses Album gehört.

Das klingt wie ein Widerspruch.

Nun ja, der Song stammt aus dem Jahr 1970 und klingt von der Machart her alt. Solch einen Text würde ich heute eigentlich nicht mehr singen. Dank des Orchesters und eines kleinen Rapelements klingt das Lied jetzt ganz anders – so schön wie nie zuvor. Die bisherige Resonanz bestätigt das. Ich habe große Erwartungen und glaube, dass auch die Nostalgie dieses Songs den Menschen gefallen wird.

Neue Versionen Ihrer großen Hits wechseln sich mit etwas unbekannteren Titeln ab. Ist das die Mischung, aus der aus Ihrer Sicht ein musikalisches Lebenswerk bestehen sollte?

Ja, solange Lebenswerk nicht bedeutet, dass dieses Album der Schlusspunkt ist. So ist es nicht gemeint. Aber es schließt sich der Kreis, ja. Mir war es wichtig, in erster Linie nicht auf neue Erfolge abzuzielen, sondern meine Persönlichkeit hineinzubringen. Das ist eine wunderbare Luxussituation. Die unbekannteren Titel auf dem Album konnte ich übrigens in den vergangenen Jahren in Livekonzerten bereits austesten. Ich weiß, dass Lieder wie „Ein paar sind immer über den Wolken“ oder „Mit viel, viel Herz“ beim Publikum super ankommen.

Diese beiden – in den legendären Abbey Road Studios aufgenommenen – Alben sind Werke, von denen andere Künstler nur träumen können. Sie haben sich neu erfunden. Ist diese Herangehensweise ein Grund dafür, warum Sie heute noch gefragt sind?

Das ist der Grund, ja. Wir versuchen immer, neue Wege zu gehen – auch wenn man vielleicht mal Fehler macht. Es gibt viele Menschen, die sich darüber beklagen, dass Musik heute sehr eintönig klingt. Und genau das ist für mich Stillstand, darauf habe ich keine Lust.

Worauf haben Sie heute Lust – nach all Ihren Erfolgen?

Ich war zum Beispiel einer der wenigen Künstler, die gesagt haben, dass sie in einer Halle, in einer Stadt arbeiten wollen. Ich könnte mir vorstellen, ein halbes Jahr lang – ähnlich wie bei Musicals üblich – in Hamburg oder Berlin zu spielen, mit fünf, sechs Konzerten pro Woche. Die Frage ist, ob das in Deutschland funktioniert. Wir haben es in Berlin bereits einmal geschafft, als neun Konzerte ausverkauft waren.

An Konzerte ist aktuell nicht zu denken. Ist es immerhin eine Art Trost, dass Ihr Album fertiggestellt werden konnte?

Es ist eine riesige Erleichterung. Im Vergleich zu anderen Menschen waren meine vergangenen sechs Monate nicht schlecht, ich bin ganz gut durchgekommen. Dennoch habe ich etwas vermisst. Ich glaube an Karma und bin heilfroh, dass diese Platte jetzt erschienen ist. Dank dieser Arbeit konnte ich die Enttäuschung über die ausgefallenen Konzerte ein wenig aus dem Kopf verdrängen – wohlwissend, dass das Thema wieder aufkommen wird.

Zumal ein Entertainer, wie Sie es sind, auf die Bühne gehört. Einige Ihrer Musikerkollegen beteiligen sich an Demonstrationen, um deutlich zu machen, dass Musik systemrelevant ist. Gehen Sie da inhaltlich konform?

Ich gehe sehr konform damit. Natürlich kann man ohne uns leben. Man kann aber auch ohne Fußball leben oder man kann essen, ohne in ein Restaurant zu gehen. Das hat dann mit „Leben“ jedoch nichts mehr zu tun. Ich mag zwar den Ausdruck „systemrelevant“ nicht, wobei die deutsche Sprache schon immer zu genau war, aber natürlich nervt mich die Situation. Es geht nicht um mich, sondern um unzählige Menschen, die Freude an Konzerten hatten und zum Teil ihren Lebensunterhalt damit verdient haben. Zudem weiß ich nicht, was mit den großen Arenen passieren soll, die es gewohnt sind, regelmäßige Mieteinnahmen zu kassieren. Es ist eine Katastrophe.

Corona, Trump und Co.: Wir hatten sicherlich schon mal bessere Zeiten. Dennoch heißt ein Song auf Ihrem Album „Das ist unsere Zeit“. Was steckt dahinter?

Weil wir unsere Zeit auf Erden trotz allem Negativen so gut es geht genießen müssen – und zwar jeden Tag. Mein Motto lautet: Heute beginnt der Rest deines Lebens!

RND

Von Dennis Ebbecke/RND