Musiker wie etwa Neil Young, John Fogerty und Phil Collins machen kurz vor der Wahl gegen den Mann im Weißen Haus mobil. Quelle: Div/AP/dpa

„Keine Musik im Weißen Haus“ – Wie Popstars Trump loswerden wollen

Berlin. Die Botschaft kommt ohne Holzhammer aus. Zu leiser Hintergrundmusik zitiert Bruce Springsteen mit gedämpfter Stimme aus einem Gedicht und macht klar, was er von Donald Trump hält: „Es gibt keine Kunst in diesem Weißen Haus. Es gibt da keine Literatur, keine Poesie, keine Musik. Nie legt dieser Präsident seine Uniform aus blauem Anzug und roter Krawatte ab, um mal menschlich zu werden.“

Der Rock-Superstar („Born in The U.S.A.“) klagt mit den wohlgesetzten Worten der Poetin Elayne Griffin Baker über einen Staatschef, „der nicht tröstet, sondern spaltet“. Dann fragt er sich und seine Zuhörer, die ihn gern „Boss“ nennen: „Wohin ist dieses Land bloß gekommen? (...) Wir haben so viel verloren in so kurzer Zeit.“ Springsteens abschließende Empfehlung an eine Millionen-Gefolgschaft auf Twitter und Instagram: „Wählt sie raus am 3. November.“

Kampf gegen Trump eint viele Popstars

Der Wunsch, dass die auch kulturell so triste Trump-Präsidentschaft bald enden und der demokratische Herausforderer Joe Biden siegen möge, eint viele Popstars. Manche greifen den Amtsinhaber und seine Republikaner viel wütender an als Springsteen. Insgesamt war die Ablehnung eines Präsidenten durch die US-Musikschaffenden wohl noch nie so lautstark.

Zwar hat Trump durchaus einige namhafte Fans, etwa Rap-Rüpel Kid Rock. Für viele Beobachter eher unerwartet kam kürzlich die Unterstützung von Punk-Pionier John Lydon alias Johnny Rotten (The Sex Pistols). „Er ist die einzige vernünftige Wahl, jetzt, da Biden im Rennen ist“, sagte der Brite mit US-Pass. Der afroamerikanische Rapper 50 Cent bekannte sich ebenfalls zum Präsidenten, weil ihm Bidens Steuer-Programm nicht passt, und Lil Wayne lobte Trumps üppige Versprechen für Schwarze. Weniger überraschend war die Wahlhilfe des erzkonservativen Kiss-Mitgründers Ace Frehley.

US-Wahlkampf in den sozialen Medien

Bei Rock-Veteranen wie Neil Young und Michael Stipe und John Fogerty, afroamerikanischen Soul-Stars wie Stevie Wonder und Alicia Keys oder jungen Pop-Idolen wie Taylor Swift, Billie Eilish und Cardi B bekommt der blonde Mann im Weißen Haus indes keinen Stich. Viele sind in ihren sozialen Netzwerken aktiv, vom noch halbwegs neutralen, de facto jedoch pro-demokratischen „Vote!“-Aufruf bis zur glasklaren Biden-Unterstützung.

Stars spielen auf Youtube Lieder im „Team Joe Sings“, etwa Kesha, die Latin-Rock-Band Los Lobos oder Indie-Popper Matt Berninger (The National). Kanäle wie Twitter und Instagram oder auch Interviews nutzen Jeff Tweedy von der Folkrock-Vorzeigeband Wilco, Cher oder Ariana Grande, um als Trump-Gegner Flagge zu zeigen. Soul-Sängerin Alicia Keys feuerte mit ihrem Hit „Girl On Fire“ Bidens Vize-Kandidatin Kamala Harris bei einer Wahlkampfveranstaltung an.

Keine Konzerte wegen Corona

Ein Problem politisch engagierter Musiker wegen der Corona-Pandemie: Im Gegensatz zu früheren US-Wahlen sind große Konzerte zugunsten der Demokraten diesmal unmöglich. Also kein Staraufgebot wie 2004, als Springsteen, Pearl Jam, R.E.M. und Dixie Chicks für John Kerry auf der Bühne standen. Stattdessen eine oft ins Netz verlagerte Mobilisierung für Biden und Harris.

So präsentierte Pop-Superstar Taylor Swift auf Twitter ein Foto von sich mit Keksen, deren Zuckerguss-Aufschrift „Biden/Harris/2020“ keine Zweifel ließ. In einem Interview erläuterte die einstige Lieblingssängerin vieler Trump-Wähler: „Ich glaube, dass Amerika unter ihrer Führung eine Chance hat, den Heilungsprozess in Gang zu setzen, den es so dringend braucht.“ Biden weiß natürlich, was solche Wahlhilfe einer jungen Frau mit 140 Millionen Instagram-Abonnenten wert ist - er bedankte sich umgehend.

Neben Sängerin Jennifer „J.Lo“ Lopez trat das Ehepaar Biden Mitte Oktober in einem heimeligen Video auf - mit dem Ziel, Trumps Gegner möglichst viele Stimmen der wichtigen Latino-Wählerschaft zu sichern. Sängerin Demi Lovato kritisierte den US-Präsidenten in ihrem Song „Commander In Chief“: Wie es sich anfühle, noch atmen zu können, während das Land in einer Krise versinke und Menschen sterben, hieß es dort in Anspielung auf Pandemie und Polizei-Rassismus.

Billie Eilish: “Es steht gerade so viel auf dem Spiel.”

Grammy-Gewinnerin Eilish, die schon früh für die US-Demokraten getrommelt hatte, begründete dies kürzlich erneut im Online-Magazin „Pitchfork“: „Es steht gerade so viel auf dem Spiel. Nach vier Jahren Donald Trump werden die Dinge immer schlechter und derzeit wirklich gruselig.“ Klimawandel, Rassismus in der US-Gesellschaft („Trump stützt die Rassisten“) und der Umgang mit Covid-19 seien Beispiele.

Ohne Trumps Namen zu nennen, positionierte sich Soul-Ikone Stevie Wonder. Seine beiden Comeback-Lieder unterstützten den Protest der Bewegung Black Lives Matter gegen Ungerechtigkeit und Rassismus in den USA, sagte er. Ein anderes Idol der afroamerikanischen Community, Rapper Chuck D (Public Enemy), ermahnte schwarze Biden-Skeptiker: „Es ist nicht an der Zeit, minimale Unterschiede zu pflegen, wenn man dem Faschismus direkt ins Gesicht blickt.“

Trump-Kampagne bekommt immer wieder Ärger, wenn sie Songs nutzen

Auch wegen der Nutzung von Songs für ihren Wahlkampf haben die Republikaner viel Ärger. So klagte Neil Young gegen Trump nach der unerlaubten Vereinnahmung von „Rockin' In The Free World“. Ähnliche Proteste kamen zuletzt von CCR-Gründer John Fogerty („Prodigal Son“) und auch dem Briten Phil Collins („In The Air Tonight“). „Verwenden Sie weder unsere Musik noch meine Stimme für Ihr schwachsinniges Affentheater von Wahlkampagne“, schimpfte Ex-R.E.M.-Sänger Stipe.

Traditionell haben die Konservativen in der linksliberal geprägten US-Musikszene kaum Gefolgschaft (oder dubiose wie den rechtsradikalen Hardrocker Ted Nugent und den erratischen Rapper Kanye West). Trump erfährt dies nun aber besonders intensiv. Schon für die Nationalhymne bei seiner Amtseinführung 2017 fand Trump nur ein drittklassiges Popsternchen namens Jackie Evancho. Acht Jahre davor, zum Antritt des ersten schwarzen US-Präsidenten Barack Obama, hatte noch die wohl größte Soul-Künstlerin überhaupt gesungen: Aretha Franklin.

RND/dpa