Erst zuschauen, dann kaufen: Rennpferde in Paris können nach ihrem Einsatz neuerdings ersteigert werden. Quelle: Daniel Bockwoldt/dpa

Auktion für Zocker: In Paris kann man jetzt direkt nach dem Rennen ein Pferd ersteigern

„10.000 Euro! 15.000 Euro! 20.000 Euro!“ Die Summen fliegen nur so durch den Raum. Geboten werden sie für Diego, der als vielversprechendes Rennpferd gilt, erst vier Jahre alt ist und heute ein gutes Rennen abgeliefert hat. Vor einer Kamera lässt sich das Pracht­exem­plar gehorsam auf und ab führen, während seine Daten von der Herkunft bis zu bisherigen Leistungen auf dem Bildschirm aufscheinen. „Wer bietet mehr?“ Schließlich wechselt Diego für 40.000 Euro den Besitzer und darf zurück in seine Box im Hippodrom von Vincennes.

Was das Investitionsobjekt kann, hat es beim Rennen gezeigt

Die Pferderennbahn am Rande des Stadtwaldes Bois de Vincennes im Osten von Paris geht neue Wege, um das lukrative System aus Rennen und Wetten zu erhalten: Im Anschluss an einen Wettbewerb werden einige Pferde vom Fleck weg versteigert. Was das Investitionsobjekt kann, hat es ja eben schon gezeigt.

„Es handelt sich um eine in sich recht geschlossene Welt, die wir dem breiten Publikum mehr öffnen wollen“, sagt Jean-Pierre Barjon, Präsident der Trabrennen in Frankreich. „Das ist nicht nur ein Sport für Reiche. Man geht ein gewisses Risiko ein, aber man kann auch viel gewinnen.“ Ein junges Pferd sei ab etwa 10.000 Euro zu erwerben. Ein erfahreneres Renntier wechselt für 25.000 bis 100.000 Euro den Besitzer. Mit einem guten Trainer könne es in der Folge hohe Gewinne einfahren, sagt Barjon.

Er selbst habe mal ein Pferd für 8000 Euro gekauft – das ihm einen Nettogewinn von 4 Millionen Euro einbrachte. Solche spektakulären Erfolgsgeschichten seien selten, aber möglich. „Es ist eine Leidenschaft, mit der man reich werden kann“, verspricht der Präsident der Trabrennen.

Jährlich werden 225 Millionen Euro Preisgelder ausgeschüttet

Dem Pferdesport kommt in Frankreich schon immer eine immense Bedeutung zu. Es geht um jede Menge Geld. 8 Milliarden Euro werden jährlich bei Pferdewetten ausgegeben und 225 Millionen Euro Preisgeld an Besitzer, Trainer, Züchter und Rennreiter ausgeschüttet.

Die hohen finanziellen Einsätze erklären auch die scharfen Kontrollen, sagt Emmanuelle Morvillers, zuständig für internationale Beziehungen im Hippodrom von Vin­cennes. „Die Pferde werden vor und nach dem Rennen untersucht, ihre Ställe werden gereinigt und desinfiziert. Beim geringsten Zweifel überprüft eine Kommission die Videoaufzeichnungen.“

Die Rennen finden auch bei Glatteis statt

Mehr als 11.000 Wettbewerbe finden jedes Jahr auf den 2150 Pferderennbahnen des Landes statt. Vin­cennes gehört zu den wichtigsten Rennstätten. Zwar spritzt die schwarze Schlacke den Jockeys bei den Rennen bis ins Gesicht und auch ihre hautengen Anzüge sind über und über voll, doch diese Schlacke erlaubt es, das ganze Jahr über Rennen auszurichten – ob es regnet, gefriert oder ob die Sonne auf die Bahn brennt. Regen wird ohne Pfützenbildung absorbiert, bei Glatteis muss bestenfalls etwas Salz gestreut werden. „Unsere traditionellen, größten Rennen, der Grand Prix de France und vor allem der Grand Prix von Amerika mit 40.000 Zuschauern, finden im Winter statt, einfach, weil das hier anders als auf anderen Rennbahnen immer möglich ist“, sagt Morvillers.

Wettsport ist eine Leidenschaft – oder auch eine Sucht

Für Stammbesucher ist der Wettsport eine Leidenschaft – oder auch eine Sucht: Gebannt blicken sie während der Rennen auf die Bildschirme im Innern oder die riesige Leinwand über der Rennbahn, die die Position aller Pferde anzeigt. Dann wieder beugen sie die Köpfe über ihre Wettscheine und die Magazine mit Informationen über die Leistungen – und damit die Gewinnchancen – der Tiere. Die Atmosphäre erinnert durchaus an die eines Casinos.

Zugleich bemüht sich das Hippodrom, Familien mit einer Art Volksfest anzuziehen: Es gibt Stände mit Zuckerwatte und Crêpes, ein Kinderkarussell, auch Spielgeräte. Hier werden die nächsten Wettenden herangezogen. Oder – so je­den­falls die Hoffnung – auch zukünftige Pferdekäufer.

Von Birgit Holzer/RND