Das Löwenmännchen Subali aus dem Tiergarten Nürnberg hat eine Diskussion über das Töten von Zootieren ausgelöst. Quelle: Jörg Beckmann/Tiergarten Nürnb

Tiergarten-Direktor: „Wir müssen auch über das Töten von Tieren reden“

Subali ist kinderlos – und wird es wahrscheinlich auch bleiben. Der schon 14 Jahre alte asiatische Löwe lebt mit Aarany, einem vier Jahren alten Weibchen, seit zwei Jahren im Tiergarten Nürnberg. Beide verstehen sich gut, doch von Nachwuchs keine Spur. Subali könnte unfruchtbar sein – wohlgemerkt könnte. Das stattliche Männchen ist zu einer Berühmtheit geworden, seit der Nürnberger Zoodirektor Dag Encke in einem Podcast über die Notwendigkeit des Tötens und Verfütterns von Tieren gesprochen hat und in diesem Zusammenhang auch Subalis Namen nannte. Er stellte darin die Frage in den Raum, was mit dem Raubtier passiere, wenn es tatsächlich steril sei und nirgendwo anders einen Platz finden würde. Schließlich sei es die Aufgabe von Zoos, den Fortbestand der Art zu sichern. Der Aufschrei, insbesondere in den sozialen Medien, war groß: Ein Tier töten, nur weil es keine Raubkätzchen zeugen kann? Unmenschlich.

Gleich mehrere Tierfreunde boten sich an, dass Männchen zu retten. Kürzlich meldete Antenne Bayern, dem Löwen die Reise in einen Wildkatzenpark nach Südafrika zu ermöglichen. Doch die Meldung war wohl eher eine Ente, Nürnbergs Bürgermeister Christian Vogel (SPD) und der Tierparkdirektor bekräftigten, dass Subali bleibe dort, wo er ist.

Dabei geht es um mehr als nur um den einen Löwen. Dag Encke hat ein ganz anderes Anliegen: „Wir müssen in der Gesellschaft auch über das Töten von Tieren reden“, sagt der Biologe gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Das sei eben manchmal aus Gründen des Artenschutzes notwendig. „Es ist nicht nur angenehm, im Artenschutz zu arbeiten, und wir müssen die romantische Vorstellung verlassen, dass Lebensraum selbstregulierend ist“, so Encke. In Dänemark sei man da weiter.

US-Medien berichteten über die herzlosen Dänen

Und tatsächlich geht man dort mit dem Thema anders um. Als 2014 Marius, ein gesundes Giraffenkalb, im Kopenhagener Zoo mit einem Bolzenschuss getötet, öffentlich zerlegt und dann den Raubtieren zum Fraß vorgeworfen wurde, war die Empörung groß. US-Medien berichteten über die herzlosen Dänen, Petitionen wurden gestartet. Nach Zooangaben war die Tötung von Marius wegen Inzuchtgefahr unausweichlich, eine Auswilderung sei zu riskant gewesen, eine Kastration „grausam“. In Dänemark regte sich kaum jemand über Marius’ Tod auf. Zu der öffentlichen Zerlegung des Giraffenkadavers kamen viele Schulklassen und Eltern mit Kindern. „Es ist wichtig, dass wir erklären, warum wir das tun“, hatte der wissenschaftliche Leiter des Zoos, Bengt Holst, damals gesagt.

Die Zerlegung helfe Kindern und Erwachsenen, ihr Wissen über Tiere, aber auch über Leben und Tod zu erweitern. In Dänemark gehört es schon seit längerer Zeit zum Lehrplan, dass Schüler bei einer Tiersektion zuschauen. Auch muss jedes Kind während seiner Schulzeit einmal einen Schlachthof besucht haben. Zoodirektor Holst bekam für die Marius-Aktion damals viel Kritik aus allen möglichen Ländern, sogar Morddrohungen. In Dänemark dagegen wurde er für seine sachliche Begründung zu dem Fall von Zeitungslesern als „Kopenhagener des Jahres“ gekürt.

Auch in deutschen Zoos ist es üblich, Tiere zu töten

Auch in deutschen Zoos ist es üblich, Tiere zu töten und zu verfüttern. Meist passiert es hinter den Kulissen. Nicht jedes Meerschweinchen ist tatsächlich im Winterlager, wie es mancherorts heißt, sondern landet irgendwann auf der Speisekarte der Greifvögel. In Nürnberg deckt der Tiergarten 15 Prozent des Fleischbedarfs für seine Tiere aus dem eigenen Bestand. Das sei doch besser, so Zoodirektor Encke, als Tiere aus industrieller Herstellung zu verfüttern. Doch auch er sagt: „Die Tötung von Tieren ist natürlich grundsätzlich ein ethisches Dilemma.“ Insbesondere für die Mitarbeiter im Zoo, die manche Tiere jahrelang betreuen – die „Emotionalsten in der Debatte sind doch wir“.

Weltweit werden in Zoos Tiere gezüchtet, getauscht, es gibt ein sogenanntes Populations­management. Dabei werden seit 2018 nicht nur die Population von in Gefangenschaft lebenden, sondern auch die in der freien Wildbahn lebenden Tiere miteinbezogen. Von den asiatischen Löwen gibt es noch eine einzige Wildpopulation in einem Park in Indien. Zootiere wie Subali gehören sozusagen zur Reservepopulation, sagt Encke. Und die müsse gesund gehalten werden. „Wir können es uns nicht leisten, dass eine Tierart durch Missmanagement ausstirbt“, so der Direktor.

Tötung ist die Ultima Ratio

Subalis Gefährtin Aarany gilt als genetisch sehr wertvolles Tier und wurde vom Europäischen Erhaltungs­zucht­programm für die Zucht empfohlen. Die Vierjährige gehört zu den wichtigsten asiatischen Löwenweibchen in Europa. Und in Nürnberg teilt sie sich ein Gehege mit einem Partner, der vielleicht nicht zeugungsfähig ist. Kürzlich hat der Circus Krone angeboten, Subali im Ernstfall zu sich zu holen. Zoodirektor Encke hätte damit kein Problem: Er schätzt die Arbeit von Löwendompteur Martin Lacey und sagt: „Ihm würde ich das Tier blind anvertrauen.“

Findet man keinen Platz für ein Tier innerhalb des Zuchtprogramms, sei die Tötung die Ultima Ratio, das letzte Mittel, sagt Direktor Encke. Was für die Tiere in Gefangenschaft gilt, gelte auch für die frei lebenden. Da die Ökosysteme schon derart gestört seien, müsse auch hier heftig eingegriffen werden.

Peta fordert Einstellung der Löwenzucht

Das sieht die Tierrechtsorganisation Peta ganz anders. Sie fordert nicht nur, alle Tötungsabsichten zu verwerfen, sondern auch, die Löwenzucht dauerhaft einzustellen. Peta weist darauf hin, dass Zoos mit ihren „Zuchtbemühungen vor allem wirtschaftliche Interessen verfolgen, um neue Tierbabys als Besuchermagnete zu missbrauchen“, heißt es in einer Erklärung auf der Internetseite der Tierschützer. „Ein Lebewesen – ganz gleich, ob Mensch oder Tier – ist nicht weniger wert, nur weil es unfruchtbar ist“, so Nadja Michler, Fachreferentin bei Peta. Zoologische Einrichtungen würden Tiere aus Profitgründen zur Fortpflanzung zwingen, doch nicht wenige von dem Nachwuchs „würden später als Überschusstiere getötet“.

Von Heike Manssen/RND