Bild der Rettungsaktion nach dem Vulkanausbruch (Archivfoto). Quelle: New Zealand Defence Force via Ge

Tödlicher Vulkanausbruch in Neuseeland: Wer haftet für die Reise in den Tod?

Wellington. Der 9. Dezember 2019 hat sich ins Gedächtnis vieler Neuseeländer eingebrannt. Vor fast genau einem Jahr brach der Whakaari aus, ein Vulkan auf der Insel White Island vor der Küste der neuseeländischen Nordinsel. Zum Zeitpunkt der Eruption waren 47 Menschen auf der Insel – Urlauber des Kreuzfahrtschiffes „Ovation of the Seas“, das den Besuch auf der Insel in seinem Programm hatte, sowie einige lokale Touristenführer. Unter den Besuchern waren vier Deutsche sowie Besucher aus China, den USA und Großbritannien. 22 Menschen starben während des Ausbruchs oder später im Krankenhaus. Das letzte Opfer, ein deutscher Urlauber, erlag erst im Juli seinen schweren Verletzungen, sieben Monate nach dem Ausbruch. Viele der Überlebenden sind bis heute in Behandlung.

Am Montag hat die neuseeländische Arbeitsschutzbehörde Work Safe New Zealand nach fast einjähriger Untersuchung des Unglücks Anzeigen gegen zehn Reiseveranstalter und Organisationen sowie drei Einzelpersonen erstattet. Man habe festgestellt, dass die Organisatoren von Touren nach White Island den gesetzlichen Sicherheitsverpflichtungen nicht nachgekommen seien, hieß es in einer Mitteilung. Der Vulkan war seit einiger Zeit wieder verstärkt aktiv gewesen, trotzdem fuhren immer wieder Boote mit Touristen dorthin. Das Betreten der Insel war nur mit ausgebildeten Führern gestattet. „Dies war ein unerwartetes Ereignis, aber das bedeutet nicht, dass es unvorhersehbar war. Und die Betreiber sind verpflichtet, die in ihrer Obhut befindlichen Personen zu schützen“, so die Schutzbehörde.

Auch strafrechtliche Folgen?

Unter den betreffenden Organisationen sind laut lokalen Medienberichten der Tourveranstalter White Island Tours sowie die Regierungsbehörden GNS Science und National Emergency Management Agency (Nema). GNS Science ist die geologische Forschungsagentur Neuseelands, die das Gefahrenlevel für einen Ausbruch des Vulkans angegeben hatte. Die Nema ist die Katastrophenbehörde des Landes.

Eine erste Anhörung soll Mitte Dezember vor dem Bezirksgericht in Auckland stattfinden. Den Organisationen droht eine Strafe von bis zu 1,5 Millionen Neuseeländischen Dollar, umgerechnet rund 880.000 Euro. Die drei Einzelpersonen müssen mit einer Strafe von bis zu 300.000 Dollar (rund 175.000 Euro) rechnen. Eine gesonderte Untersuchung, die prüft, ob strafrechtliche Anklagen wie auf Totschlag erhoben werden könnten, ist noch nicht abgeschlossen.

„Wir wollen einfach jeden nach Hause bringen“

Der Vulkanausbruch hatte ganz Neuseeland erschüttert. Rauch und Asche waren mehr als 3500 Meter hoch in die Luft geschleudert worden. Um die toten Urlauber von der Insel zu holen, wurde eine militärische Spezialeinheit eingesetzt. Dieser gelang es in den Tagen nach dem Unglück, sechs Tote von der Vulkaninsel zu bergen. Zwei weitere Vermisste wurden vermutlich ins Meer geschwemmt und konnten nicht mehr gefunden werden. Obwohl die Aktion sehr gefährlich war, lag Neuseeland viel daran, den trauernden Angehörigen ihre toten Familienmitglieder zurückzubringen. „Wir wollen einfach jeden nach Hause bringen“, hatte Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern im Interview mit dem australischen Sender ABC gesagt. Viele der Opfer kamen aus Australien.

Bereits wenige Tage nach dem Unglück war die Frage aufgekommen, wer genau für die Sicherheit der Touristen auf White Island verantwortlich gewesen war. Damals hieß es, die rechtliche Lage in Neuseeland ermögliche es nicht, Zivilklagen gegen die Reiseveranstalter zu erheben, die Touristen auf die Insel gebracht hatten. Ein Unfallentschädigungssystem der neuseeländischen Regierung decke zwar die Kosten für die Behandlung der Verletzungen ab – auch für Ausländer –, doch Opfer oder Familienangehörige könnten normalerweise nicht wegen Fahrlässigkeit klagen, schrieben lokale Medien damals. Aufgrund dieser Rechtslage habe sich der „innovative Abenteuertourismus“ des Landes überhaupt erst entwickeln können, hieß es von den Rechtsexperten.

Von Barbara Barkhausen/RND