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Die Angeklagte sitzt im Gerichtssaal im Amtsgericht Hamburg-Barmbek. Quelle: Christian Charisius/dpa

250.000 Euro bei Dämonenaustreibung gestohlen: Hellseherin muss ins Gefängnis

Hamburg. Bei einem Ritual zur Dämonenaustreibung hat eine vermeintliche Hellseherin einer Hamburgerin 250.000 Euro gestohlen. Das Amtsgericht Hamburg-Barmbek verurteilte die 29-Jährige aus Kerpen bei Köln am Dienstag wegen Diebstahls zu drei Jahren Gefängnis. Die Angeklagte habe sich das Vertrauen der Hamburgerin erschlichen und die Notlage der 54-Jährigen ausgenutzt, sagte Richterin Eda Bacak in ihrer Urteilsbegründung. Die Darstellung der geschädigten Frau sei glaubwürdig.

Demnach hatte ihr die Angeklagte im August 2018 erklärt, sie könne deren schwer erkrankten Schwägerin durch ein Ritual helfen. Die 54-Jährige müsse dafür 300.000 Euro in Plastikfolie umwickelt unter ihrer Matratze verstecken und intensiv beten. Dann würden die bösen Dämonen vertrieben werden. Da die 54-Jährige nur 250.000 Euro in bar beschaffen konnte, wollte die vermeintliche Hellseherin noch 50.000 Euro von ihrem eigenen Geld dazulegen.

„Rechtlich ein Trickdiebstahl“

Der Heilungserfolg sei davon abhängig, dass die 54-Jährige anschließend keinesfalls unter der Matratze nachschaue. Drei Monate später tat sie es doch und stellte erschüttert fest, dass dort nur noch Spielgeld lag. „Das ist rechtlich ein Trickdiebstahl“, sagte die Richterin. Die Staatsanwältin hatte zwei Jahre und sechs Monate Haft beantragt, der Verteidiger Freispruch gefordert. Die Richterin begründete das härtere Strafmaß auch mit fünf einschlägigen Vorstrafen der Angeklagten. Die 29-Jährige, die vor Gericht schwieg, muss zudem die 250.000 Euro zurückzahlen und die Kosten des Verfahrens tragen.

Die beiden Frauen hatten sich im September 2015 bei einer Blind-Date-Veranstaltung in einer Bar an der Alster kennengelernt. Die 54-Jährige, die ihren Beruf mit Assistentin einer Geschäftsführung angab, hatte sich damals mit einem Mann getroffen. Als dieser kurz zur Toilette ging, sprach die jüngere Frau sie an und stellte sich als Hellseherin „Maria“ vor. Spaßeshalber habe sie nach der Zukunft mit dem Mann gefragt, sagte die Zeugin. Die Hellseherin habe gesagt, dass es nicht zu einer Beziehung kommen werde. Außerdem habe „Maria“ einige Dinge über ihr Leben gewusst, die sie recht beeindruckend gefunden habe. Die Frauen tauschten Telefonnummern aus. „Das war der Beginn der Freundschaft“, sagte die Zeugin.

„Ich wusste, dass das Geld weg sein würde“

Als im Jahr darauf die Schwägerin der Zeugin schwer erkrankte, sagte Maria, dass die Ärzte ihr nicht würden helfen können. Sie sei von Dämonen besessen. Doch bei einem ersten Ritual sollte es zunächst um die Heilung der wegen einer Scheidung unglücklichen 54-Jährigen und ihres Sohnes gehen. Dafür musste sie mehrere Tage ein Hühnerei unter ihrem Bett verwahren. Dann schlug die Hellseherin es bei einem Treffen in einem Topf auf. Es sei etwas Schwarzes, das sich bewege im Topf, sie solle besser nicht hinschauen, habe die Angeklagte gerufen. Das heilige Ei müsse zusammen mit 5000 Euro verbrannt werden. „Ich wusste, dass das Geld weg sein würde“, sagte die 54-Jährige im schwarzen Mantel. Aber sie habe das Geldopfer damals als eine Art Glaubensprüfung gesehen. Sie habe Zuneigung und Liebe für Maria empfunden.

Dann kam der 28. August 2018. Dieser Tag sei wegen Mariä Himmelfahrt besonders günstig für die Vertreibung des Dämons, der die Schwägerin weiterhin plage, erklärte die Hellseherin. Um genug Energie zu haben, müsse das Ritual mit 300.000 Euro in bar vollzogen werden. Sie selbst habe ein weißes Kleid tragen müssen und habe bei Kerzenschein und Weihrauch ständig laut gebetet, sagte die Zeugin. Maria habe ein dunkles Kleid und Handschuhe angehabt, weil Geld schmutzig sei.

Die Seherin habe die gebündelten Scheine in eine Kosmetiktasche mit dem Aufdruck „Love“ gesteckt und sei ihr über die Treppe ins Schlafzimmer gefolgt. Dort habe sie selbst weiter mit gefalteten Händen gebetet, während Maria etwas in einer unverständlichen Sprache gemurmelt und das Täschchen unter die Matratze gelegt habe.

Ritual aus Verzweiflung

Nach wenigen Wochen sei sie glücklich gewesen, weil es ihrer Schwägerin besser ging, erklärte die 54-Jährige. Doch Maria habe gesagt, die Besserung sei nur vorübergehend. Die Schwägerin sei von einem besonders mächtigen asiatischen Dämon besessen. Jetzt helfe es nur, wenn Klöster in Montenegro und Lourdes für 50.000 Euro eingriffen. Die 54-Jährige kratzte daraufhin noch einmal 26.500 Euro zusammen und übergab das Geld der Hellseherin. Dann brach der Kontakt zwischen den Frauen schnell ab. Maria hatte sich angeblich in ein Kloster ohne Handyempfang verabschiedet.

Als die 54-Jährige fast drei Monate nach dem Ritual unter ihrem Bett nachschaute, habe die Kosmetiktasche nur 500-Euro-Scheine mit dem Aufdruck „Poker-Party“ enthalten. Ihr neuer Lebensgefährte, ein 56 Jahre alter Finanzberater, traf seine Frau wenig später völlig verstört zu Hause an. „Hätte sie kein Kind, wäre sie in großer Lebensgefahr gewesen“, sagte er als Zeuge vor Gericht. Das Geld hatte sich die Frau von ihrem Bruder und dessen erkrankter Frau zur Finanzierung eines Hauskaufs geliehen.

Warum sie an das Ritual geglaubt habe, wollte der Verteidiger wissen. Die Zeugin antwortete: „Ganz einfach, weil es medizinisch keine Hoffnung gab. Ich habe gesagt, ich lasse keine Chance aus. Ich hätte mir nie verziehen, wenn ich eine Chance vertan hätte, meiner Schwägerin zu helfen.“

RND/dpa