Ibilya El Kourchi steht in ihrem Haus in der Barackensiedlung Cañada Real außerhalb von Madrid, einer illegalen, informellen Siedlung, die sich über mehrere Jahrzehnte ausgebreitet hat, als arme Spanier, Roma und marokkanische Migranten einen Platz zum Leben suchten. Quelle: Manu Fernandez/AP EM/dpa

Das Armutsdorf Cañada Real: Eine Elendssiedlung im reichen Europa

Madrid. Am Freitag kam immerhin Brennholz: elf Tonnen für die 3000 oder 4000 Menschen im Sektor 6 der Cañada Real, mit besten Grüßen von der Linkspartei Unidas Podemos. Seit Anfang Oktober gibt es keinen Strom in der Cañada Real; das Holz soll helfen, zumindest der Kälte zu widerstehen. Seit gut einer Woche erlebt Madrid Minustemperaturen, die man hier sonst kaum kennt. Mit dem Frost kam das schlechte Gewissen von Medien und Politikern über einen jahrzehntelangen Skandal: die Existenz der Elendssiedlung Cañada Real am Rande der spanischen Hauptstadt. Brennholz ist keine Lösung für diesen Skandal. Aber besser als kein Brennholz.

Man kann sich die Cañada Real als eine lang gezogene Favela vorstellen, eine improvisierte Straßensiedlung, in der jeder gebaut hat, was er eben konnte, um ein Dach über dem Kopf zu haben. „Fern von Gottes Hand“ (die konservative Tageszeitung ABC), „ein Paralleluniversum“ (die Netzzeitung „El Español“), „es scheint, als wären wir nicht in Europa“ (der Marokkaner Mustafa, Bewohner der Cañada Real, zitiert in „El País“). Und jetzt auch noch ohne Strom. Ein Skandal im Skandal.

Etliche Hüttendörfer in Madrid in den 90ern

Jeder Spanier dürfte schon mal von der Cañada Real gehört haben, aber aus eigener Anschauung kennt sie fast niemand. Sie liegt am südöstlichen Stadtrand von Madrid, ist per Bus, Metro oder Taxi zu erreichen und von älteren oder gerade neu entstehenden Wohnvierteln umgeben. Im Laufe der Jahrzehnte ist viel über die Cañada Real geschrieben worden. Aber ernstlich gestört hat sie niemanden. Sie behindert auch keine großen Immobilienprojekte. Das ist der einzige Grund, weswegen es sie noch gibt.

Wer Madrid noch aus den 1990er-Jahren kennt, erinnert sich an etliche Hüttendörfer nahe den großen Einfallstraßen. Sie sind eines nach dem anderen verschwunden. „Adiós al chabolismo“, verkündete eine Pressemitteilung der Stadt Madrid Ende 2008: „Abschied von den Elendssiedlungen.“ Und das stimmte beinahe. Nur eine Siedlung blieb: die Cañada Real.

2011 gab konservative Regionalregierung Siedlung auf

Ihr Name bedeutet „königlicher Weideweg“. Ein viele Tausend Kilometer langes Netz solcher Wege für die Viehtrift überzieht Spanien seit dem Mittelalter. Sie stehen bis heute grundsätzlich unter Schutz und dürfen nicht bebaut werden. Aber Grundsätze sind da, um sie zu brechen. An der Madrider Cañada Real siedelten sich seit den 1940er-Jahren spanische Binnenmigranten an, später spanische Roma, die Gitanos, danach Immigranten, hauptsächlich aus Marokko und Rumänien. Sie errichteten ihre Häuser und Hütten, illegal, ohne Baugenehmigungen, ohne vernünftige Infrastruktur, unter den Augen der Behörden, die nicht eingriffen.

2011 fand die damalige konservative Regionalregierung von Madrid, das Kind sei in den Brunnen gefallen, und brachte ein „Cañada-Real-Gesetz“ durchs Regionalparlament, das den Schutz des alten Weideweges im Südosten Madrids auf 14,2 Kilometern aufhob. Danach brauchte es weitere sechs Jahre, bis sich die Regionalregierung mit der Stadt Madrid und den anliegenden Gemeinden Rivas und Coslada auf einen Pakt über die Zukunft der Cañada Real und ihrer damals 7283 Einwohner (davon 2543 Minderjährige) einigten. Der nördliche, besser entwickelte Teil der Siedlung sollte legalisiert werden, der südliche, ausgesprochen elende Teil – bekannt als Sektor 6 – geräumt.

Wahrscheinlich der größte Drogenumschlagplatz Madrids

Geschehen ist seitdem fast nichts. Eine Handvoll Familien ist in Sozialwohnungen umgesiedelt worden, die meisten blieben. „Für die Leute, die dort leben, ist es ihr Zuhause“, sagt Susana Hernández von Caritas. Ein ungemütliches Zuhause. Anfang Oktober brach die Stromversorgung zusammen, weil Marihuana-Bauern das Netz überlasteten.

Der Sektor 6 ist wahrscheinlich der größte Drogenumschlagplatz Madrids, weswegen man neben Elendshütten auch mal einen Porsche parken sieht. Die Elektrizität ist noch nicht wieder zurückgekehrt; und sowieso hat hier keiner einen Vertrag, sondern zweigt den Strom illegal von einer vorbeilaufenden Hauptleitung ab. Die Politiker schauen zu und schicken im besten Fall Brennholz vorbei.

Von Martin Dahms/RND