Ein Abschnitt aus dem Brief der 92-jährigen Leipzigerin Gertrute Schuster. Quelle: Mark Daniel

92-jährige schreibt Leserbrief mit Corona-Appell: „Bin froh, dass ich in Deutschland lebe“

Alles fing mit einem Leserbrief an, den im Dezember eine 92-Jährige an die „Leipziger Volkszeitung“ schrieb. Gertraute Schuster kritisierte das Jammern über die Corona-Beschränkungen in der Bevölkerung und mahnte mit Blick auf Notlagen wie in Kriegen zur Relativierung der aktuellen Nöte. LVZ-Chefredakteurin Hannah Suppa machte den Leserbrief mit einem Tweet bekannt – bis heute geht dieser viral.

Mit ihrem Brief habe sie aufrütteln und zum Nachdenken anregen wollen, schreibt die medienscheue Leipzigerin, die sich ungern fotografieren lassen möchte, in einem erneuten Brief an die Redaktion. Ihr Appell: mehr Vertrauen in die Regelungen der Regierung, „auch wenn sie oft sehr schmerzlich oder auch mal falsch sind“. Darüber hinaus macht Gertraute Schuster einen weiteren Standpunkt deutlich: „Wenn ich mir die Maßnahmen und Hilfspakete in anderen Ländern anschaue, möchte ich nicht tauschen, sondern bin froh, dass ich in Deutschland lebe.“

In ihrem erneuten Schreiben bekräftigt die Seniorin ihren Vorwurf, es ginge einigen Menschen zu gut. Frieden, ein gutes Leben, reisen und mit Freunden unbeschwert feiern zu können, sei für viele nicht nur selbstverständlich, sondern sie glaubten, ein Recht darauf zu haben. „Ein gewisser Egoismus macht sich breit“, so Schuster, die auch für Corona-Leugner kein Verständnis zeigt. Vielmehr ruft sie dazu auf, den Wissenschaftlern zu vertrauen, „denn deren Forschungsergebnissen in den letzten Jahrhunderten verdanken Sie schließlich Ihren heutigen Lebensstandard.“

Den Hang zum Meckern auf hohem Niveau hält Gertraute Schuster für eine typisch deutsche Eigenschaft. Nicht zuletzt registriert die 92-Jährige eine schleichende Gewichtsverschiebung zwischen materiellem Besitz und ideellem Reichtum in der Gesellschaft. „Ich hatte viele treue Freunde, auf die ich mich verlassen konnte. [...] Diese so genannten inneren Werte, die man nicht mit Geld bezahlen kann, gehen leider immer mehr verloren“, schreibt sie. „Möge Corona helfen, daß (!) wir sie wiederfinden!“

RND/liz/Mark Daniel