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Retter suchen nach wie vor nach drei Vermissten nach dem Erdrutsch, 600 Menschen durften indes in ihre Häuser zurückkehren. Quelle: Hakon Mosvold Larsen/NTB/dpa

Nach Erdrutsch in Norwegen: 600 Menschen dürfen in ihre Häuser zurück

Oslo. Die Weihnachtsbäume stehen noch geschmückt in den Stuben, Kerzen stehen auf den Tischen, Geschenke liegen am Boden. In den Häusern von Gjerdrum in Norwegen ist die Zeit am 30. Dezember 2020 stehen geblieben. An jenem frühen Morgen gab es einen verheerenden Erdrutsch, der Dutzende Wohnungen und Bewohner in den Abgrund riss. Sieben Menschen sind tot, drei werden nach wie vor vermisst, zehn wurden verletzt – und Hunderte verloren ihr Zuhause.

Nun dürfen rund 600 Menschen in ihre Häuser zurück, berichtet die Zeitung „Dagbladet“. Am Mittwochnachmittag wurden die Wohneinheiten freigegeben – sie alle stehen weit genug von der Abbruchkante entfernt. Über Wochen hatten Experten die Böden untersucht – und nun eine erneute Gefahr von Erdrutschen in den Gebieten ausgeschlossen.

Bewohner evakuierter Häuser: „Ich weiß nicht, ob ich nachts alleine hier schlafen kann“

„Ich fühle mich hier sicher und wir vertrauen den Experten, aber trotzdem weiß ich nicht, ob ich nachts alleine hier schlafen könnte“, sagte die 63-jährige Hilde Olsen gegenüber „Dagbladet“. Zusammen mit ihrem Mann Jarle Sæther kam sie am Mittwochnachmittag in ihr Zuhause zurück, das die beiden am frühen Morgen des 30. Dezember in Todesangst verließen. Erst einmal wollen sie sich aber nur tagsüber dort aufhalten. „Ich fühle sowohl große Freude, aber auch Trauer und Erleichterung“, sagte sie.

Laut der Zeitung haben aber nicht alle Anwohner das Angebot direkt angenommen. Sie bleiben zunächst lieber in Übergangsunterkünften oder haben gar neue Mietverträge unterzeichnet. Der Schock sitzt noch zu tief. Zudem wurden offenbar viele Anwohner überrascht: Erst kürzlich durften jene, die ihre Häuser in „Zone 2″ besitzen, kurz nach Hause, um die wichtigsten Dinge zu holen. Viele rechneten damit, nicht vor Sommer oder Herbst zurückkehren zu können. Dementsprechend groß sind auch Skepsis und Angst.

Zwischen Freude und Trauer um die Toten und Vermissten

Trond Pedersen sagte gegenüber „Dagbladet“, dass er nicht zurückziehen werde, ehe er wüsste, was genau untersucht wurde und was genau dafür getan wurde, um das Areal zu sichern. Er hatte schon zuvor auf Facebook geschrieben: „Es ist schwer, wieder zu Hause zu sein, während noch immer nach drei Vermissten gesucht wird.“ Er selbst kannte sowohl Todesopfer als auch Verletzte.

Auch Tommy Kragseth Hansen, der die Bewohner von Gjerdrum auf Facebook über alle Neuigkeiten rund um den Erdrutsch informiert, bekam die SMS, dass er zurückkehren könnte. „Ich freue mich, nach Hause zu kommen. Aber ich weiß noch nicht, ob ich wieder dort einziehen werde“, sagte er. Seine Freundin und er hätten gerade einen neuen Mietvertrag unterschrieben – neun Kilometer vom Unglücksort entfernt.

Ein Kind und zwei Frauen werden noch immer vermisst

Bei dem Erdrutsch in Gjerdrum, zwischen Oslo und dem Hauptstadtflughafen Gardermoen gelegen, kamen am 30. April wahrscheinlich zehn Menschen ums Leben. Sieben Leichen, darunter die eines zweijährigen Kindes und seiner hochschwangeren Mutter, wurden in den Tagen nach dem Erdrutsch aus den Trümmern geborgen.

Drei Personen, darunter ein 13-jähriges Mädchen und seine Mutter, werden noch vermisst. Nachdem die Sucharbeiten wegen weiterer Erdrutsche viele Tage ruhen musste, wurden sie Ende vergangener Woche wieder aufgenommen. Die Vermissten werden tief unter den Trümmern in einem nicht so leicht zugänglichen Gebiet vermutet, berichtet „NRK“.

RND/msk