Die #metoo-Bewegung und was sie bewirkt hat: Dreieinhalb Jahre ist es her, dass unter diesem Hashtag Opfer von Missbrauch, Vergewaltigung und Belästigung in den sozialen Netzwerken ihre Erfahrungen teilten. Regisseur Harvey Weinstein (2. von links) muss aus diesen Gründen 23 Jahre in Haft, US-Präsident Donald Trump, Schauspieler Kevin Spacey und der deutsche Regisseur Dieter Wedel sind ebenfalls mit derartigen Vorwürfen konfrontiert. Quelle: imago images/ZUMA Wire/Eibner/fStop Images/dpa/RND Montage Behrens

Ist #MeToo am Ende? Wie die Anti-Sexismus-Bewegung an alten Denkmustern verzweifelt

Sie haben ein Denkmal gebaut, es steht vor dem New York County Criminal Court, einem Gerichtsgebäude in Manhattan. Hier, vor dem Supreme Court, ist der Hollywoodmogul Harvey Weinstein vor gut einem Jahr wegen Vergewaltigung und sexueller Belästigung in zwei Fällen zu 23 Jahren Haft verurteilt worden. Mehr als 100 Frauen hatten ihn am Ende beschuldigt. Die Statue des argentinischen Künstlers Luciano Garbati zeigt eine stolze, nackte Medusa, Heldin aus der griechischen Mythologie. In der linken Hand trägt sie ein blutiges Schwert, in der rechten den abgeschnittenen Kopf des Halbgottes Perseus.

Der Künstler hat die Geschichte umgekehrt: Im Original ist es Perseus, der das Haupt der toten Medusa triumphierend in der Hand schwenkt. Garbatis Medusa dagegen soll die #MeToo-Bewegung hier am Ort ihres größten Triumphes ehren, jene 2017 aus einem Hashtag geborene, schnell zu einer globalen Bewegung herangeschwollene Welle des Zorns über die giftige Unkultur struktureller, sexualisierter Gewalt - nicht nur, aber vor allem, von Männern in Machtpositionen gegen Frauen.

Prompt erregte Garbatis Medusa-Statue heiligen Zorn - nicht etwa bei denen, denen #MeToo das schändliche Handwerk legen will, sondern bei vielen Feministinnen. Viel zu klassisch schön, viel zu sexy erscheint ihnen diese Medusa, viel zu perfekt ihr nackter Körper. Und warum hält sie nicht den Kopf von Poseidon in den Händen, jenes Meeresgottes, der sie der Mythologie folgend zuvor doch vergewaltigt hatte? Und überhaupt: Spielt eine solche martialische Männermörderin nicht all jenen in die Karten, die hinter #MeToo bloß einen Rachefeldzug notorischer Antimaskulinistinnen wittern? Dabei ging es um etwas ganz anderes: um die Vision einer Gesellschaft ohne sexuelles, politisches, gesellschaftliches Machtgefälle. Um die Idee also, dass nicht nur Frauen von mehr Geschlechtergerechtigkeit profitieren würden, sondern am Ende auch die Männer. Oder schlicht: alle.

„Viele Demokraten fühlten sich wie Trottel“

Das Gezerre um die Medusa in New York steht sinnbildlich für die verzwickte Debatte um die #MeToo-Bewegung. Dreieinhalb Jahre nach seinem Aufflammen ist der Streit um Deutungsmacht und Denkungsarten an einem Scheideweg angelangt. Gerade muss sich der demokratische New Yorker Gouverneur Andrew Cuomo gegen Vorwürfe erwehren, er habe sich Mitarbeiterinnen in sexueller Absicht genähert, unter anderem seiner früheren Assistentin Charlotte Bennett. Cuomo dementiert nicht, murmelte halb zerknirscht etwas von „unglücklichen Missverständnissen“, „unerwünschten Flirts“ und „Fehlinterpretationen“ und bat um Entschuldigung. Auf dem beliebten Mann, der sich als Corona-Krisenmanager profiliert und als potenzieller US-Präsidentschaftskandidat in Stellung gebracht hat, liegt seither ein Schatten. Aber es sieht so aus, als würde er die Affäre überstehen.

„Wenn dieser Skandal vor einigen Jahren ausgebrochen wäre, hätten hochkarätige Demokraten keine andere Wahl gehabt, als Cuomo fallen zu lassen“, schreibt die „New York Times“-Kolumnistin Michelle Goldberg. Aber: Die Zeiten hätten sich geändert. Erstens habe sich der inneramerikanische Kulturkampf nach dem Tod von George Floyd vom Thema Sex auf das Thema Rassismus verlagert. Und zweitens seien viele Demokraten nicht mehr bereit, päpstlicher als der Papst zu sein und gute Leute wegen mitunter vagen Vorwürfen sofort politisch zu beerdigen. Viele Demokraten fühlten sich inzwischen „wie Trottel, wenn sie Opfer bringen, um Tugend zu demonstrieren, angesichts einer Opposition, die keine Tugend hat“.

Das sind ganz neue Töne. 2017 erklärte das Magazin „Time“ die „Silence Breakers“ noch zur symbolischen „Person of the Year“ - jene Frauen und Männer also, die allen Mut zusammengenommen und ihr Schweigen gebrochen haben. Auf den größten Triumph der #MeToo-Bewegung aber - die rechtskräftige Verurteilung von Weinstein 2020 - folgte auch gleich ihre größte Niederlage: die Tatsache nämlich, dass Donald Trump für seine vielfältigen sexistischen Äußerungen und mutmaßlichen Untaten bis zum Ende seiner Amtszeit nicht politisch zur Rechenschaft gezwungen wurde. Im Gegenteil: Millionen seiner Anhänger empfanden seine provozierenden Unflätigkeiten sogar als wohltuenden Kontrapunkt zur als „Hysterie“ verunglimpften Wut der #MeToo-Anklägerinnen.

„Die blaue Blume welkt dahin“

„#MeToo hat in den letzten Jahren viel Aufmerksamkeit bekommen, aber kaum etwas verändert“, bilanzierte bitter „Der Freitag“. „Kraftvoll erblühte im Herbst 2017 #MeToo, die blaue Blume des Internets“. Betroffene hätten sich damals „in einer idealtypischen romantischen Haltung“ Erlösung durch „Solidarität und Sprache“ erhofft. „Der Untergang des Patriarchats zeichnete sich deutlich ab am Horizont, nur eine Frage der Zeit schien die absolute Gleichberechtigung von Mann und Frau.“ Nun aber „wirkt die blaue Blume welk“. Denn: „Ein Hashtag allein revolutioniert noch nicht bestehende Verhältnisse.“

Natürlich gehört es zum Wesen sozialer Bewegungen, nach einer Phase der medialen Omnipräsenz an Schub einzubüßen. Selbst ein machtvolles Phänomen wie #MeToo kann diesem Schicksal kaum entkommen. Das bedeutet bedauerlicherweise nicht, dass die gesellschaftspolitischen Ziele erreicht wären und damit die Dringlichkeit nachlässt, sondern dass schlicht das mediale Interesse an immer neuen Anschuldigungen erlahmt und dass zweitens ein makaberer Gewöhnungseffekt eintritt, der - so bedauerlich er ist - sich schon im Fall Tara Reid gegen Joe Biden im Präsidentschaftswahlkamopf 2020 gezeigt hat. Die frühere Mitarbeiterin hatte Biden vorgeworfen, sie bedrängt zu haben, andere Stimmen schlossen sich an. Der Skandal blieb auf kleiner Flamme, bis er verrauchte.

Bei #MeToo ging es immer um mehr als um die entsetzliche Normalität des Vulgären - es ging auch um Macht, Teilhabe und Gerechtigkeit. „Alles hat sich verändert, und zugleich hat sich nichts verändert“, sagte die US-Journalistin Jodi Kantor, deren Recherchen den Fall Weinstein mit ans Licht gebracht hatten, in der „taz“. Sie sieht kaum Fortschritte. „Dieselben Systeme und Strukturen, die dies lange ermöglicht haben, existieren weiter. Frauen setzen weiter täglich ihre Unterschrift unter geheime Stillhalteverträge.“

Die Früchte des Zorns schmecken schal

Auch am Fall Cuomo, der noch vor wenigen Jahren ohne Zweifel sofort sein Amt hätte aufgeben müssen, lässt sich ablesen, wie hartnäckig tradierte Denkmuster sind. Sie dauerhaft zu verbiegen ist ein Kraftakt. Denn sie federn zurück wie ein Metall, sobald der Druck nachlässt. Die Frauen, die ihn anprangern, müssen sich nun selbst zahlreicher Angriffe erwehren. Wie könne man einen solch guten Mann zerstören wollen? Habe Trump nicht viel Schlimmeres gesagt und getan?

Gewiss wird es glücklicherweise kaum noch ein Hollywoodproduzent wagen, hoffnungsvolle Schauspielnachwuchskräfte zu sexuellen Gefälligkeiten zu nötigen. Doch das Ziel, auch die tiefer liegenden Strukturen, das eisenharte Machtgefüge zwischen den Geschlechtern ins Wanken zu bringen, scheint wieder in weitere Ferne zu rücken. Der kulturelle Wandel hat an Schwung verloren. Die Früchte des Zorns schmecken schal.

Gibt es einen #MeToo-Backlash? Die Debatte über die Theorie, wonach feministische Erfolge unweigerlich zu einem parallelen Erstarken rechtskonservativ-männlicher Beharrungskräfte führen, ist alt. Tatsächlich zerstört die #MeToo-Bewegung nicht nur Täterkarrieren, sondern inzwischen auch wieder öfter, wie zuvor, die manches mutigen Opfers. Wer sich öffnet, wird, so erleben es viele, wieder verstärkt zum Freiwild in den sozialen Medien. Es ist für Frauen, die ihr Schweigen brechen, wieder schwerer geworden, sich Gehör zu verschaffen. Oder wie Goldberg schreibt: „Für viele Menschen ist es immer noch einfacher, einem Mann zu vergeben, dass er jemanden sexuell belästigt, als einer Frau zu vergeben, dass sie die Karriere eines bewunderten Mannes beendet hat.“

Filme und Serien wie „The Morning Show“ (Apple+) oder „Bombshell“ sezierten präzise das Klima der Angst, in dem Frauen unendlichen Mut aufbringen mussten, um unter großen persönlichen Risiken ihre machtvollen Peiniger auszusagen. Gerade ist Anklage gegen den deutschen Regisseur Dieter Wedel erhoben worden. Auch ihm werden sexuelle Gewalttaten vorgeworfen.

Weit mehr als 300 Prominente aus Film, Musik, Medien und Politikwurden im Zuge der #MeToo-Bewegung zur Persona non grata: Schauspieler wie Kevin Spacey, James Franco, Gerard Depardieu, Dustin Hoffman oder Steven Seagal, Zauberer wie David Blaine und David Copperfield Komiker wie Louis C.K. oder Azis Ansari, TV-Stars wie Tom Brokaw, Sean Hannity, Bill O’Reilly und der langjährige Fox-News-CEO Roger Ailes, Regisseure James Toback, Unternehmer wie Casino-Mogul Steve Wynn und Uber-Gründer Travis Kalanick, Fußballer wie Cristiano Ronaldo, TV-Köche wie Mario Batali.

Selbstreflektion und Bewusstmachung nahmen zu

Umgekehrt wuchs auch die diffuse Angst nicht nur schuldiger Männer, ins Visier dieser vielköpfigen Medusa zu geraten, die - dem griechischen Mythenvorbild folgend - allein mit einem Blick ihrer verwunschenen Augen Menschen zu Stein erstarren lassen konnte. Das Gute daran: Selbstreflektion und Bewusstmachung nahmen zu. Viel mehr Männer überprüfen innerlich ihr Tun und Lassen. Das Schlechte: Argwohn, intergeschlechtlicher Verkrampftheit und eine Art denunziatorischer Ungeist nahmen ebenfalls zu.

Es kann keinen Zweifel daran geben, dass #MeToo ein überfälliges, mutiges, reinigendes und kraftvolles Phänomen war, das übelste Machtmissbräuche und Traumata sichtbar gemacht hat. In Deutschland erwarben sich Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf mit ihrem Pro7-Beitrag „Männerwelten“ große Verdienste, in dem die kundige Autorin und Journalistin Sophie Passmann 15 Minuten lang die Abgründe erbärmlicher männlicher Aggressionen dokumentierte.

Doch auf die große Frage, ob #MeToo gleichzeitig zu einem gesellschaftlichen Wandel mit dauerhafter Verbesserung des Geschlechterverhältnisses geführt hat, kennt etwa die Managementprofessorin Leanne E. Atwater von der Universität von Houston nur eine Antwort: Nein.

Lieber keine attraktive Frau einstellen

Zweimal hat ihr Team 450 Männer und Frauen befragt, zuerst 2018, dann 2019. Das Ergebnis: Zwar nehmen die Männer ihr eigenes Verhaltens bewusster wahr. Gleichzeitig aber schließen sie Frauen immer mehr von sozialen Aktivitäten aus - aus Angst, unbotmäßigen Verhaltens bezichtigt zu werden. Etwa die Hälfte der Männer fürchteten sich vor falschen Anschuldigungen, die Zahl männlicher Chefs, die „lieber keine attraktive Frau“ einstellen, ist gestiegen.

Das heißt mit anderen Worten: Die Kerle bleiben lieber unter sich - aus Sicherheitsgründen. Das ist für Atwater und Sturm ein „Rückschritt“. Frauen also stärker als zuvor ausgeschlossen aus männlichen Buddy-Zirkeln, aus Freizeitaktivitäten mit Kollegen, bei denen Kontakte geknüpft, Karrieren gefördert, Loyalitäten geschmiedet werden. Man spricht vom „Pence-Affekt“ - nach einem Zitat von Ex-Vizepräsident Mike Pence. Er hatte gesagt, er vermeide es inzwischen, allein mit einer anderen Frau als seiner Ehefrau zu speisen. Nach einer anderen Studie von 2019 fühlen sich sogar 60 Prozent der befragten Männer dabei unwohl, allzu eng mit einer Frau zusammenzuarbeiten.

Gesellschaftliche Veränderungen verlaufen in Wellen

Nun darf das Unwohlsein der Männer kein Anlass sein, im Bemühen für mehr Geschlechtergerechtigkeit und gegen strukturelle Gewalt und hartnäckig verteidigte Privilegsysteme nachzulassen. Es ist nackter Sexismus, wenn einer der befragten Manager sagt, er „verzichte grundsätzlich Verabredungen zum Dinner mit Frauen, die jünger seien als 35 Jahre“. Ganz so, als müsse er sich selbst beschützen - vor der Attraktivität jüngerer Frauen, die seinen Avancen zweifellos erliegen würden. Dahinter steht das alte Machotrugbild von der sexuell verfügbaren Frau ohne eigenen Willen.

Doch auch außerhalb der untersten Schublade ist die Diskussion komplex. Denn gesellschaftliche Veränderungen verlaufen in Wellenbewegungen. Nach der Hochkonjunktur folgt zur Zeit ein - auch durch Coronafrust begünstigter - Backlash.

„Der Widerstand des Patriarchats gegen seine Überwindung ist groß“, schreibt Carolin Wiedemann in ihrem im Januar erschienenen Buch „Zart und frei“. Sie beschreibt darin, wie sich Sexismus und Frauenfeindlichkeit verstärkt als Sorge über Sprechverbote, Männerdiskriminierung oder den Fortbestand der traditionellen Kleinfamilie tarnen - und zwar nicht nur in konservativen Milieus. Sie wirbt beharrlich dafür, Feminismus nicht als Angriff auf die Männlichkeit, sondern als gesellschaftliche Notwendigkeit zum Wohle aller zu begreifen.

„Wenn heute ein Podium nur mit Männern besetzt ist, fällt das auf“

Für „Spiegel“-Kolumnistin Margarete Stokowski sind die Trotzreaktionen des Patriarchats eben gerade ein Beleg für das Fortschreiten der „feministische Revolution“. Schon vieles habe sich verändert, sagte sie dem „Zeit“-Jugendportal Ze.tt: „Wenn heute ein Podium nur mit Männern besetzt ist, fällt das auf. Wenn es heute ein Foto vom Innenministerium gibt, auf dem nur alte weiße Männer in Anzügen sind, machen sich Leute darüber lustig.“ Das alte System sei dabei, sich zu verabschieden - „aber nicht ohne Geschrei“. Wenn sie über Gleichberechtigung schreibe und sich Leser darüber aufregten, „geben sie mir damit ja recht. Sie bestätigen mir ein Problem und zeigen mir, dass mein Job noch für ein paar Jahre gesichert ist. Ich sehe dadurch, wie viel Scheiße es noch gibt und versuche es zu nutzen wie Forschungsmaterial. Ich muss nicht auf die Straße gehen und Interviews führen, die Leute schicken mir alles von alleine. Das Wissen: Es gibt echt noch viel zu tun.“

„Die entscheidende Frage ist, ob die Mechanismen der Demokratie in irgendeiner Weise in der Lage sind, solche Männer zu kontrollieren“, schreibt die Autorin Laurie Penny (“Bitch Doktrin“) im „Freitag“ mit Blick auf die Karriere von Männern wie Donald Trump oder Harvey Weinstein. „Und die Antwort auf diese Frage lautet: nein, nicht im Geringsten.“ Denn: Männer wie Weinstein und Trump hätten herausgefunden, „dass neun von zehn Menschen in neun von zehn Fällen wegschauen werden, wenn sie mit einem Laster voller weißen Selbstvertrauens durch die Regeln brettern.“ Diese Menschen schauten nicht weg, weil sie die Regeln nicht mögen - „sondern weil sie wollen, dass die Dinge geregelt bleiben“.

Von Imre Grimm/RND