Der Mörder von George Floyd wurde in allen Anklagepunkten schuldig gesprochen. Quelle: imago images/ZUMA Wire

Darnella Frazier: Die junge Frau, die mit ihrer Floyd-Aufnahme traurige Geschichte schrieb

Darnella Frazier hat im vergangenen Jahr ein Video aufgenommen, das um die Welt ging: Die damals 17-Jährige filmte am 25. Mai 2020 in Minneapolis im US-Bundesstaat Minnesota, wie der Schwarze George Floyd während eines Polizeieinsatzes starb – weil der weiße Polizist Derek Chauvin ihm minutenlang sein Knie auf den Hals drückte. Sie nahm ihr Smartphone, dokumentierte den Tod Floyds und teilte das Video auf Facebook. Rund ein Jahr später befanden die Geschworenen Chauvin am Dienstag in allen drei Anklagepunkten für schuldig, darunter wegen Mordes zweiten Grades ohne Vorsatz und Mordes dritten Grades.

Video legte brutales Vorgehen offen

Die gut zehnminütige Videoaufnahme der High-School-Schülerin beeinflusste den Fall maßgeblich, weil sie das brutale Vorgehen der anwesenden Polizisten für jeden sichtbar offenlegte.

Chauvin kniete mehr als neun Minuten auf dem Hals von Floyd, was nachweislich zum Tode des Afroamerikaners führte. Doch nicht nur der Vorfall an sich, sondern auch das Verhalten der Polizei nach dem Tod Floyds löste eine Debatte in den USA aus. So veröffentlichte die Polizei noch einen Tag nach dem Polizeieinsatz eine Mitteilung, in der Details fehlten und die den Vorfall so anders darstellte. Darin hieß es unter anderem: „Die Beamten konnten den Verdächtigen in Handschellen legen und stellten fest, dass er anscheinend unter medizinischen Problemen litt. Die Beamten riefen einen Krankenwagen. Er wurde mit dem Krankenwagen ins Hennepin County Medical Center gebracht, wo er kurze Zeit später starb.“

Kein Wort wurde zunächst darüber verloren, dass Chauvin übermäßige und unangemessene Gewalt anwendete, wie es die Staatsanwaltschaft im Prozess gegen den Ex-Polizisten erfolgreich beweisen konnte.

Doch Frazier hielt mit ihrem Smartphone fest, was wirklich passierte: Nämlich, dass Floyd minutenlang auf den Boden gepresst wurde und dass Chauvin sein Knie auf Floyds Hals drückte. Sie hielt auch fest, dass der Afroamerikaner nicht mehr atmen konnte und das auch mehrfach zu den Polizisten sagte. Frazier protokollierte so seine letzten Worte: „I can‘t breathe“ (zu dt. Ich kann nicht atmen).

Es sind Worte, die zur Parole von Black-Lives-Matter-Demonstrantinnen und -Demonstranten auf der ganzen Welt wurden. Frazier entfachte mit ihrer mutigen Entscheidung, sich nicht wegzudrehen, sondern das Unrecht im Video festzuhalten, die größte Protestbewegung in der US-amerikanischen Geschichte.

Frazier kämpft mit Schuldgefühlen

Frazier, die mittlerweile 18 Jahre alt ist, kämpft bis heute mit Schuldgefühlen. Sie erklärte im Prozess gegen Chauvin unter Tränen, dass sie es bereut, nicht physisch eingeschritten zu sein. „Es gab Nächte, in denen ich aufblieb und mich bei George Floyd entschuldigte und entschuldigte, weil ich nicht mehr tat und nicht körperlich eingriff und sein Leben nicht rettete“, sagte sie in ihrer Aussage im Gerichtssaal. „Aber es ist nicht das, was ich hätte tun sollen, es ist das, was er hätte tun sollen“, so Frazier in Bezug auf Derek Chauvin.

„Wenn ich George Floyd ansehe, dann sehe ich meinen Vater, meine Brüder, meine Cousins und meine Onkel, denn sie sind alle schwarz.“ Frazier sagte: „Es hätte einer von ihnen sein können.“ Sie war am besagten 25. Mai mit ihrem neunjährigen Bruder unterwegs zu dem Supermarkt, vor dem Floyd wegen des Verdachts einer gefälschten Banknote verhaftet wurde. Sie wollten sich Snacks kaufen, als sie auf den Polizeieinsatz trafen, erklärte sie im Zeugenstand. „Ich sehe einen Mann auf dem Boden, und ich sehe einen Polizisten, der auf ihm kniet.“ Die damals 17-Jährige sah Floyd „entsetzt, verängstigt und um sein Leben bettelnd“. Wie die „New York Times“ berichtet, leidet Frazier seit diesem traumatischen Erlebnis unter Angstattacken.

„Darnella Frazier hat die Welt verändert“

Fraziers Furchtlosigkeit wurde bereits ausgezeichnet: Im Dezember 2020 erhielt sie einen Preis für ihren Mut von der Organisation PEN America, die sich für Meinungsfreiheit einsetzt. Auch US-Präsident Joe Biden lobte Frazier nach dem Schuldspruch und erklärte, sie sei eine „mutige junge Frau“. Der US-amerikanische Journalist Wesley Lowerey des CBS-Nachrichtenprogramms „60 Minutes“ schrieb auf Twitter: „Darnella Frazier hat die Welt verändert.“

Bis auf einige Stellungnahmen bei Facebook meidet Frazier aber die Öffentlichkeit. Am Dienstag äußerte sie sich auf der Social-Media-Plattform zum Schuldspruch der Jury: „Ich weine gerade so sehr. Diese letzte Stunde schlug mein Herz so schnell, ich war so ängstlich, meine Angst stieg ins Unermessliche. Aber zu wissen, dass er in allen drei Anklagepunkten schuldig ist! Danke Gott. (...) George Floyd wir haben es geschafft! Der Gerechtigkeit wurde genüge getan.“

In den Kommentaren bedankte sich Darnella Frazier außerdem für die Hilfe, die sie bekommen hat. „Die Unterstützung, die ich seit dem ersten Tag hatte, hat mich weit getragen, also nochmals vielen Dank an alle.“

Von Alisha Mendgen/RND