Der Mount Everest ist der höchste Berg der Welt. Quelle: Zhang Rufeng/XinHua/dpa

Forscher zweifelt an, dass Bergsteiger alle Achttausender erklommen haben

Wann ist man am höchsten Punkt eines Berges angekommen? Und wie lässt sich das nachweisen? In über 8000 Meter Höhe, mit Sauerstoffnot und in eisiger Kälte ist das menschliche Wahrnehmungsvermögen mit Sicherheit beeinträchtigt. Trotzdem behaupten insgesamt 44 Bergsteiger, dass sie die 14 Achttausender bestiegen haben, darunter den berühmten Mount Everest und den K2. Zehn der insgesamt 14 Berge, die über 8000 Meter in die Höhe ragen, liegen im Himalaya, vier im angrenzenden Karakorum-Gebirge.

Jeder Einzelne von ihnen ist eine Herausforderung für sich, die Besteigung eine große Leistung. Das möchte auch der australische Forscher Damien Gildea nicht anzweifeln, und trotzdem stellt er derzeit einige äußerst unbequeme Fragen. Zusammengefasst kann man sagen: Gildea zweifelt an, dass alle 44 Bergsteiger, die behaupten, die 14 höchsten Berge der Welt bestiegen zu haben, dabei auch wirklich an ihrem höchsten Punkt waren.

Forscher will Bergsteigern nicht den Ruhm nehmen

Ist das wirklich so wichtig, möchte man dem Australier entgegenwerfen. Doch Gildea geht es nicht darum, den Bergsteigern ihren Ruhm wegzunehmen oder ihre Errungenschaft zu schmälern. Er stört sich rein daran, dass einige Kletterer – wie er glaubt – bewusst gelogen haben. „Niemand versucht, ihnen wegzunehmen, dass sie einen langen Weg auf einen großen Berg hinter sich gebracht haben“, sagte Gildea dem australischen Sender ABC. Er selbst wisse, wie schwer es sein könne. „Und wir alle machen Fehler, besonders wenn man kalt und müde und in großer Höhe ist.“

Doch für die Rekordbücher und für die Integrität des Sports müsse man einige Grenzen ziehen, ist seine Meinung. Schließlich bringt die Leistung, die Achttausender bezwungen zu haben, nicht nur Ehre mit sich. Ganze Karrieren und Einkommen werden darauf aufgebaut.

Wer hat wirklich alle 14 Gipfel erreicht?

Gildea arbeitet bereits seit 2007 mit einem Forscherteam daran, Diskrepanzen zwischen den Behauptungen der Kletterer und den Fotos oder Berichten, die es von ihren Expeditionen gibt, herauszufiltern. Dabei fand das Team heraus, dass einige Bergsteiger den falschen Gipfel erreicht oder eben nicht an der höchsten Stelle des jeweiligen Berges waren. Im Interview mit der ABC berichtete Gildea, wie einem Teammitglied – dem deutschen Berg-Chronisten und Forscher Eberhard Jurgalski – Ungereimtheiten auf Fotos vom Aufstieg auf den Manaslu, den achthöchsten Berg der Welt in Zentralnepal, aufgefallen seien. Inzwischen geht das Forscherteam davon aus, dass nur sehr wenige der 44 Bergsteiger tatsächlich alle 14 Gipfel erreicht haben.

Viele der Bergsteiger reagieren auf die unbequemen Fragen Gildeas mit Schweigen – und das, obwohl sich inzwischen auch der internationale Kletterverband UIAA mit dem Thema beschäftigt. Der deutsche Bergsteiger Ralf Dujmovits ist einer der wenigen, die auf Gildeas Forschungen eingegangen sind. Er hat seinen Rekord inzwischen korrigiert. Die öffentliche Reaktion auf das Eingeständnis war überwältigend positiv, weil er – wie Gildea sagte – „wirklich ehrlich war“. Er habe gesagt, dass er wirklich versucht habe, den Gipfel des Manaslu zu erreichen, dabei aber einen Fehler gemacht habe. „Und alle sagten, ja, okay, kein Problem“, so Gildea.

Wie stellt man sicher, wirklich am höchsten Punkt eines Berges zu sein?

Brigitte Muir, eine bekannte australisch-belgische Bergsteigerin, die den jeweils höchsten Berg auf jedem Kontinent bestiegen hat, schilderte dem australischen Sender, wie schwierig es sein kann, sicherzustellen, dass man tatsächlich am höchsten Punkt eines Berges angekommen ist. „Menschen machen Fehler“, sagte sie. Manche Berge hätten Gipfel, die alle ziemlich gleich aussähen. Dann gäbe es aber auch die Berge, bei denen man das schon genau wüsste, aber die letzten paar Meter seien so gefährlich, dass man sich eben dagegen entscheide. Als Beispiel nannte sie ihre eigene Besteigung am Shishapangma 1994, einem der Achttausender in Tibet. Der höchste Punkt des Shishapangma liegt auf einem horizontalen Grat. „Der ist messerscharf und kann sehr gefährlich sein“, sagte Muir. Sie habe sich dagegen entschieden und habe das dann auch ehrlich so gesagt.

Aus Gewinndenken heraus Lügen zu erzählen, ist in ihren Augen jedoch „ein großes No-Go“. „Früher kletterten die Leute mit Integrität und ohne die enorme Hilfe, die heute verfügbar ist“, meinte sie. Auch der Forscher Gildea wünscht sich letztendlich nichts anderes als ein wenig mehr Ehrlichkeit: „Sagen Sie nicht, dass Sie auf dem Gipfel waren, wenn Sie nicht auf dem Gipfel waren“, sagte er. Wenn es zu gefährlich sei, die Spitze zu erreichen, dann sei das „völlig in Ordnung“. Wichtig wäre einfach nur, ehrlich zu sein.

Von Barbara Barkhausen/RND