Katja Dunkel und Rebecca Richter haben eine Kanzlei für Frauen und LGBTQ-Menschen gegründet. Quelle: René Fietzek

Kanzlei für Frauen und queere Menschen: Anwältinnen „möchten sicheren Ort schaffen“

Berlin. Rebecca Richter und Katja Dunkel möchten eine etwas andere Kanzlei führen. „Ein Gegenentwurf zum Status quo“, schreiben die Rechtsanwältinnen auf ihrer Website. Die jungen Frauen, sie sind erst 30 und 33 Jahre alt, haben eine eigene Kanzlei in Berlin gegründet. Eine Anwaltspraxis nur für Frauen und Menschen, die der LGBTQ-Gruppe zugehörig sind.

„Mit unserer Kanzlei möchten wir einen sicheren Ort (…) schaffen“, sagen sie im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Der wird dringend benötigt.“ Denn nicht alle Juristinnen und Juristen würden sensibel mit Frauen und queeren Menschen umgehen, erzählen die Anwältinnen. „Teilweise werden sie sogar abgelehnt oder nicht ernst genommen.“

Frauen haben es in Kanzleien nicht leicht

Die Rechtsanwältinnen kamen während ihrer letzten Anstellungen auf die Idee, etwas Neues zu wagen. „Im Laufe unserer Karriere entwickelte sich der Wunsch, eine Kanzlei zu gründen. Wir waren nicht frei darin, unsere Arbeitszeiten und Mandate selbst auszuwählen“, erzählt Katja Dunkel. „Wir haben auch gemerkt, dass Frau- und Queersein in herkömmlichen Kanzleien nicht immer genügend akzeptiert wird. Deshalb wollten wir eine Kanzlei gründen, um Frauen sowie queere Menschen zu unterstützen.“

Sie betreuen Opfer von Hass im Netz

Die Anwältinnen arbeiten unter anderem im Medien- und Urheberrecht. Sie betreuen zum Beispiel Autorinnen und Filmemacherinnen beim Vertragsabschluss, aber auch Opfer von Hass oder sexualisierter Gewalt im Netz.

Richter und Dunkel wollen ihrer Zielgruppe den Weg in die Kanzlei erleichtern – vor allem bei solchen sensiblen Fällen. „Für Frauen und queere Menschen ist es schön, dass sie mit unserer Kanzlei direkt angesprochen werden. Die Sorge ist groß bei ihnen, dass sie sich in anderen Kanzleien erklären oder seltsame Fragen beantworten müssen“, sagt Dunkel. „In unserer Kanzlei muss sich niemand erklären oder Berührungsängste haben.“ So gebe es zwar noch andere Anwaltspraxen, die ebenfalls äußerst sensibel seien, aber Dunkel und Richter würden diese Menschen direkt ansprechen.

Richter zufolge ist die Anwaltschaft „konservativ und männerdominiert“. Das habe sie im Laufe ihrer Karriere gemerkt: „Als wir angefangen haben zu arbeiten, hatten wir nur männliche Vorgesetzte. So sieht der Status quo aus.“ Sie habe erst wenige Frauen in Führungspositionen erlebt. Historisch gesehen seien die Gesetze von Männern für Männer gemacht worden, pflichtet Dunkel ihrer Kollegin bei. „Das ist auch an der Sprache und am Text sichtbar. Deswegen kann die Rechtslage niemals ganz objektiv und neutral sein.“ Ein Beispiel sei das Abstammungsrecht: „Das ist nicht gerecht für alle.“

Anwältinnen zeigen Haltung

Das Abstammungsrecht wird seit vielen Jahren diskutiert, weil gleichgeschlechtliche Paare mit Kinderwunsch darunter benachteiligt werden. So gilt nur die schwangere Frau, die das Kind in einer Partnerschaft ausgetragen hat, als rechtliche Mutter. Die andere Mutter muss das Kind adoptieren – ein mitunter langwieriger und komplizierter Prozess. Bei hetereosexuellen Ehepaaren gilt der Vater automatisch als rechtliches Elternteil. Bei unverheirateten Paaren kann der Mann die Vaterschaft schnell anerkennen lassen.

Das Obergericht Celle in Niedersachsen und das Berliner Kammergericht stufen das Abstammungsrecht bereits als verfassungswidrig ein. Im Mai 2021 wurde bekannt, dass SPD, FDP, Linke und Grüne an einer Reform arbeiten. Ob das Abstammungsrecht wirklich in naher Zukunft modernisiert wird, bleibt aber unklar.

Richter beobachtet den „Beginn einer Veränderung“. Themen wie das Abstammungsrecht würden mehr in den Medien und auf politischer Ebene diskutiert. „Aber diese Veränderung verläuft sehr langsam“, sagt sie.

Die Juristinnen wollen Haltung zeigen. Auf Instagram betreiben sie einen Account, auf dem sie Bilder aus ihrem Arbeitsalltag teilen, aber auch über aktuelle Geschehnisse aufklären. Zum Beispiel über gerechte Bezahlung oder die rechtlichen Entwicklungen zu gendergerechter Sprache.

„Wir sind auf Instagram aktiv, weil wir gerne unsere Sichtweise auf die Rechtslage geben und eine Diskussionsplattform bieten möchten“, erklärt Richter. Das komme gut bei den Followern an. So würden viele Mandate über Instagram an die Anwältinnen herangetragen werden. Laut Dunkel positionieren sich nur wenige Anwältinnen und Anwälte öffentlich. „Das wollen wir ändern.“

Das Konzept ihrer Kanzlei komme aber auch bei Kolleginnen und Kollegen gut an. „Einige schreiben uns, dass sie unsere Idee gut finden. Wir konnten bisher ein gutes Netzwerk über Instagram aufbauen.“ Doch manchmal müssen sie sich Kritik gefallen lassen. Richter erzählt: „Wir erleben auch negative Kommentare – viele von Männern. Die kritisieren, dass wir uns auf Frauen und LGBTQIA+-Menschen konzentrieren.“

Dabei gibt es auch Ausnahmen. „Wir lehnen keine Mandate ab, nur weil sie von cisgeschlechtlichen Männern kommen. Aber die Mandate müssen unseren Werten entsprechen. Wenn wir Kapazitätsprobleme haben, dann fokussieren wir uns auf die Mandate von Frauen und LGBTQIA+-Menschen.“ Durch das Unverständnis mancher Leute werden die jungen Frauen eher angespornt. „Diese Kommentare zeigen uns, dass unsere Art von Kanzlei benötigt wird.“

Von Alisha Mendgen/RND