Dienstag , 21. September 2021
Ein Mann steht neben einem zerstörten Fachwerkhaus im Schutt in dem Ort im Kreis Ahrweiler am Tag nach dem Unwetter mit Hochwasser. (Symbolfoto) Quelle: Thomas Frey/dpa

„Katastrophale Lage“ im Landkreis Ahrweiler – ein Anwohner berichtet

Harscheid. Überflutete Straßen, vollgelaufene Keller, eingestürzte Häuser: Der Landkreis Ahrweiler in der Eifel ist Mittwochnacht von Wassermassen schwer getroffen worden. In dem kleinen Ort Schuld reißen sie mindestens sechs Häuser mit sich, viele weitere sind einsturzgefährdet. Mindestens fünf Menschen verlieren ihr Leben, rund 70 Personen werden am Mittag noch vermisst (Stand: 15. Juli, 12 Uhr).

Die Überschwemmungen haben auch in anderen Ortschaften des Landkreises extreme Folgen. Dort sollen ebenfalls Häuser von den Wassermassen mitgerissen worden sein, berichtet Olaf Buchali, der eine Gebäudereinigungsfirma in Harscheid (keine zwei Kilometer nördlich von Schuld) betreibt. Er bekommt die Überschwemmungen hautnah mit und spricht von einer „katastrophalen Lage“.

Buchali: „Wasser stand teilweise schon hüfthoch“

Am Abend sollte Buchali im südlich von Schuld gelegenen Antweiler mit seiner Firma die dortige Grundschule von Schlammmassen befreien. Er und seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sollten mit entsprechenden Geräten seines Unternehmens im Auftrag der Stadt das Gebäude retten. „Wir mussten den Einsatz allerdings abbrechen, es kam immer mehr Wasser. Wir haben nur noch schnell die Sicherungen rausgemacht, damit es keinen Kurzschluss gibt, und sind dann los.“

Auf dem Rückweg zur Firma konnte der Gebäudereiniger bereits das Ausmaß der Überschwemmungen sehen. „Man kann sich nicht vorstellen, was ich heute Nacht für eine Wanderung gemacht habe. Das Wasser stand teilweise schon hüfthoch“, erzählt Buchali. „Wir haben einen Weg zurück gesucht, mussten aber immer wieder umkehren. Bäume, die da vorher noch standen, waren später umgestürzt. Das war schon extrem.“ Über Umwege kamen Buchali und seine Angestellten unverletzt zu Hause an.

Stromausfälle im ganzen Landkreis

Am Donnerstagmorgen sitzt der Gebäudereiniger in seinem Büro am Schreibtisch und versucht, die Aufträge der kommenden Tage abzusagen. Gar nicht so einfach, denn Strom gibt es in vielen Orten des betroffenen Gebiets und der Umgebung nicht mehr. „Wir sind einmal in die Steinzeit zurückgeschickt worden. Ich muss heute noch das Nötigste einkaufen, vor allem Kerzen. Das wird dauern, bis wir hier wieder Strom haben. Viele Verteilerkästen gibt es einfach nicht mehr“, erzählt er dem RND. Harscheid selbst ist nicht von den Wassermassen durchflutet worden. „Wir liegen zum Glück auf einem Berg. Alles, was unterhalb liegt, ist komplett eingeschlossen. Die kommen nicht nach links oder nach rechts. Die sind von der Außenwelt abgeschnitten.“

Bevor sich Buchali nach einer kurzen Nacht an die Arbeit gemacht hat, hatte er ein Ehepaar getroffen, deren Haus den Wassermassen zum Opfer gefallen ist. „Bevor das Haus zusammengekracht ist, sind sie noch rausgekommen. Danach war ihr Haus weg“, berichtet Buchali aus dem Gespräch.

Kein Durchkommen

Von Bekannten hat Buchali außerdem erfahren, dass mehrere Orte nördlich und südlich von Schuld komplett unter Wasser stünden. „Manche Kreis- und Landstraßen gibt es nicht mehr. Die sind komplett unterspült.“ Das erschwert auch den Einsatz der Rettungskräfte. „Das Technische Hilfswerk kommt hier gar nicht durch. In der Nacht wurde Alarmstufe sechs ausgerufen. Das bedeutet den Einsatz der Bundeswehr. Nicht mal die haben es zu den betroffenen Ortschaften geschafft“, erzählt Buchali weiter. „Es gibt kein Vorankommen und es fehlt an allen Hilfsmitteln.“

Menschen flüchten auf Hausdächer

Die Polizei gibt an, dass der gesamte Landkreis Ahrweiler von der Unwetterlage betroffen ist. Mehrere Orte sind laut Polizei wegen des Hochwassers von der Außenwelt abgeschnitten. Ungefähr 50 Menschen befanden sich demnach zeitweilig auf Hausdächern. Die Rettungsmaßnahmen dauern aktuell noch an.

Die Polizei hat für Angehörige, die Menschen vermissen, eine Hotline unter der Nummer (0800) 6565651 eingerichtet. Die Nummer 110 bittet sie nur in Notfällen anzurufen.

RND mit dpa

Von Nico Schwieger/RND