Donnerstag , 23. September 2021
Starautor Frank Schätzing hat gerade erst ein Buch zum Thema Klimawandel herausgebracht. Quelle: picture alliance / Geisler-Fotopress

Frank Schätzing über Unwetter: „Das war eine Katastrophe mit Ansage“

Herr Schätzing, Sie haben in Ihrem Buch „Was, wenn wir einfach die Welt retten? Handeln in der Klimakrise“ Szenarien für extreme Wetterlagen entwickelt. War die Flutkatastrophe vorige Woche ein Déjà-vu für Sie?

Déjà-vu ist noch untertrieben. Das war eine Katastrophe mit Ansage. Aber natürlich bin ich zuallererst entsetzt angesichts der Bilder. Traurig und wütend.

Wütend worüber?

Hier brechen sich jahrzehntelange Versäumnisse im Klimaschutz Bahn, gerade auch in Deutschland. Wir haben es uns zu lange in unserer vermeintlichen Komfortzone bequem gemacht und uns vorgemacht, bei uns könne es keine Extremwetterlagen geben wie andernorts auf der Welt.

Die Wetterannalen verzeichnen aber solche „Jahrhundertkatastrophen“ auch in früheren Zeiten.

Sicher hat es Wetterextreme durch alle Jahrhunderte hindurch gegeben. Auch in der jüngeren Vergangenheit kam es zu Flutkatastrophen: etwa die Hochwasserjahre 1993 und 1995 oder 2001 bis 2003 in Köln. Nur muss man unterscheiden, was sie auslöst, und sein Verhalten anpassen. Damals wurde festgestellt, dass man zu viele Flächen versiegelt und zu viele Wasserläufe in künstliche Betten geleitet hatte, in denen das Wasser weder versickern noch seitlich abfließen kann. Danach wurden munter weiter Flächen versiegelt. Das ist eine Ursache im Kleinen.

Jetzt hat es aber doch gar nicht so sehr zugebaute Städte an großen Flüssen getroffen, sondern Ortschaften in naturnahen Gebieten.

Gerade in kleinen Orten, die unmittelbar an fließende Gewässer grenzen, war man immer bemüht, sich baulich gegen die Natur abzuschotten. Oft sind aber gar nicht mal die großen Ströme das Problem, sondern die kleinen Seitenarme und Zuflüsse. Weil sie kanalisiert wurden; kleine Bäche, die ursprünglich in natürlichen Betten durchs Dorf flossen, wurden in Betonröhren gezwängt. Und Wasser hat nun mal eine unangenehme Eigenschaft: Nimmt die Menge zu und es gibt keine Ausweichmöglichkeit, steigen Staupegel und Fließgeschwindigkeit dramatisch. Auch das haben wir jetzt erlebt: mit welcher Wucht Wassermassen durch Ortschaften rasten, wo zuvor ein gemütliches, wenige Meter breites Flüsschen dahindümpelte.

Die Menschen dort waren besonders entsetzt über die Geschwindigkeit, mit der das passierte. Wie erklärt sich das?

Natürliche Systeme unterliegen der sogenannten Kipppunkt-Dynamik: Sie können ein System relativ lange stressen. Es kann viele Belastungen wegstecken. Lange Zeit spüren wir kaum, wie es sich verändert, also denken wir, das System sei unverändert stabil. Tatsächlich gerät es mehr und mehr an den Rand der Instabilität. Und plötzlich kippt es. Es entwickelt sich in eine neue, nicht umkehrbare Richtung. Die Böden in den Katastrophenregionen beim Dauerregen der vorigen Woche haben sich über lange Zeit mit Wasser vollgesaugt, bis nichts mehr reinpasste. Dann gaben sie nach. Ihre Strukturen kollabierten, das Wasser brach sich Bahn, riss Erdreich mit sich, Kettenreaktionen waren die Folge – etwa so, als ob Sie nacheinander Dosen aus einem Konservenstapel ziehen. Lange bleibt der Stapel stabil. Eine Dose zu viel, und es kracht in sich zusammen.

Sie sagten, die Versiegelung sei eine Ursache im Kleinen. Die große Ursache …

… ist der anhaltende Verbrauch fossiler Energien, der die Erderwärmung beschleunigt. Man hätte weltweit sehr viel früher die Vollversorgung durch erneuerbare Energien anstreben müssen, um stabile klimatische Rahmenbedingungen zu erhalten, auch in Deutschland. Wenn manche Politiker jetzt mit Gummistiefeln und Betroffenheitsmiene durch den Schlamm waten und „mehr Tempo“ beim Klimaschutz einfordern, als hätte sie diese Einsicht plötzlich und unvermittelt ereilt, muss man sie fragen, wo sie die ganzen Jahre über gelebt haben. Dann waren sie entweder schlecht informiert, oder sie haben ihnen bekannte Risiken ignoriert. Beides qualifiziert nicht unbedingt fürs höchste Amt.

Was macht Sie eigentlich so sicher, dass die aktuellen Phänomene auf den Einfluss des Menschen zurückgehen? Daran gibt es doch auch erhebliche Zweifel – und dementsprechend Kritik.

Die Kritiker sind im Allgemeinen schlecht informiert. Wir beobachten zweierlei: Erstens Extremwetter in Gegenden, in denen man das in dieser Häufung bislang nicht kannte. Natürlich ist es auch hierzulande immer wieder zu Naturkatastrophen gekommen. In Australien oder Kalifornien gab es seit jeher Wald- oder Buschbrände, in den Tropen Überschwemmungen. Alles richtig. Aber das Ausmaß und die Unkontrollierbarkeit etwa der aktuellen Brände ist eindeutig zurückzuführen auf eine bisher nicht dagewesene Trockenheit der Luft, der Böden, der gesamten Vegetation in den betroffenen Regionen. Davon sind wir in Europa noch ein gutes Stück entfernt. Aber Wetterzustände, die unsere ausgeklügelten Schutzmaßnahmen – etwas, worauf Deutschland immer stolz war – einfach so aushebeln, nehmen zu. Das ist neu.

Und zweitens?

Zweitens verzeichnen Klimaforscher zurzeit die Überstressung eines natürlichen Kippelements, nämlich des Jetstreams. Dieses Starkwindband in der nördlichen Hemisphäre, das in großer Höhe um die Erde zirkuliert, sorgt für eine schnelle Abfolge von Hoch- und Tiefdruckgebieten. Der Jetstream erlahmt gerade, was nachgewiesenermaßen auf die rapide Erderwärmung zurückzuführen ist. Als Folge verharren Hochs und Tiefs länger auf der Stelle, wo sie kreisen und kreisen. Genau das war vergangene Woche der Fall: Tief „Bernd“ wollte einfach nicht abziehen. Gleiches gilt für Hochdruckgebiete mit extrem langen Trockenperioden. Das ist so offensichtlich menschengemacht, dass man bei den Einwänden der „Klimaleugner“ die Ohren getrost auf Durchzug stellen kann.

Aber was heißt offensichtlich?

Glücklicherweise beherrschen wir seit Längerem die hohe Kunst des Messens. Damit hebelt man Klimaleugner ruckzuck aus. Normalerweise vollziehen sich signifikante klimatische Veränderungen in Hunderttausenden oder gar Millionen von Jahren. Die Temperaturkurve der Erderwärmung aber steigt seit dem Beginn des Industriezeitalters im 19. Jahrhundert unnatürlich rasch an und wird zusehends steiler. Klimaleugner führen das gerne auf Schwankungen der Sonnenaktivität, den veränderlichen Abstand der Erde zur Sonne oder Vulkanismus zurück. Für alle diese Phänomene liegen uns Messungen aus den letzten 150 Jahren vor. Ein allgemeiner Anstieg ist nicht zu verzeichnen. Wohl aber eine Zunahme des atmosphärischen Kohlendioxids und CO₂-äquivalenter Treibhausgase wie Methan und Lachgas. Deren Zuwachskurve – Überraschung! – deckt sich eins zu eins mit der Temperaturkurve, und für den vermehrten Treibhausgasausstoß sind alleine wir verantwortlich. Das ist ein unumstößliches Faktum.

Was tun gegen das Gefühl der Vergeblichkeit?

Erstens muss man sich klarmachen: Jeder Mensch hat einen Gestaltungsspielraum. Natürlich hat die Kanzlerin einen größeren als Sie oder ich. Aber ohnmächtig ist keiner von uns. Die Bilder von der Hilfsbereitschaft in den Krisenregionen zeigen das auf bewegende Weise. Jede helfende Hand bewirkt etwas. Sie können aber auch einfach auf ein schwedisches Mädchen schauen, das sich vor wenigen Jahren mit einem Pappschild vor das schwedische Parlament setzte und im Alleingang eine Weltbewegung auslöste. Niemand ist machtlos. Wir müssen Klimaschutz begreifen als Dreiklang von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Was meinen Sie konkret mit diesem Dreiklang?

Das ständige Weiteradressieren, wer die Krise zu lösen hat, ist Teil der Krise. Die anderen sind immer schuld und sollen handeln, selber kann man nichts machen! Grundfalsch: Wir bekommen es nur gemeinsam hin. Und dafür müssen wir raus aus dem Kuschelmodus. Spätestens im Pariser Klimaabkommen von 2015 hat jedes Land seine Hausaufgaben aufbekommen. Auch Deutschland.

Mit 2 Prozent der CO₂-Emissionen.

Es gehört zu den unausrottbaren Ammenmärchen, wir hätten mit unseren 2 Prozent Emissionsausstoß kaum Einfluss auf die Klimaveränderung. Offenkundig hat sie aber sehr viel Einfluss auf uns. Fakt ist, Deutschlands politisches Gewicht in der Welt wiegt weit schwerer als 2 Prozent. Wir können Einfluss nehmen auf Großmächte wie die USA oder China, wo der Klimaschutz übrigens gerade besser in die Gänge kommt als hier. Als Innovations- und Technologieführer – würden wir uns dieser Rolle wieder besinnen – ist unser Einfluss gewaltig, wir können die Welt mit grünen Technologien versorgen, gerade auch arme Länder. Was uns hingegen gar nicht weiterhilft, ist die großspurige Zufriedenheit der Politik, den Zeitpunkt der Klimaneutralitätsziel auf 2045 vorgezogen zu haben. Wir müssen klimaneutral sein, wenn wir unser Emissionsbudget aufgezehrt haben. Das wird auch nach der Reformierung des Klimaschutzgesetzes in der ersten Hälfte der 2030er-Jahre der Fall sein. Bis dahin müssen wir die Vollversorgung mit erneuerbaren Energien erreicht haben. Danach sieht es derzeit nicht aus.

Von Joachim Frank/RND