Britney Spears, Sängerin aus der USA, steht auf der Bühne vom Park MGM Hotel-Casino. Spears will nach eigenen Worten noch lange nicht damit aufhören, sich öffentlich über ihre Vormundschaft zu äußern. Quelle: Steve Marcus/Las Vegas Sun/dpa

„Zurück in die normale Welt“: Britney Spears feiert erste Erfolge im Freiheitskampf

Es ist ein bizarres Ritual: Sie kommt - oder wird wie zuletzt per Video zugeschaltet -, sie weint, sie kämpft, sie fährt davon. Immer wieder geht das so vor einem Gericht in Los Angeles. Seit Jahren ringt US-Superstar Britney Spears in Anhörungen um das Recht, wieder Herrin ihres eigenen Lebens zu sein.

Erst gegen ihre inneren Dämonen, dann privat gegen ihren Vater, inzwischen öffentlich vor Gericht – in einem existenziellen Streit, der Züge eines Psychodramas trägt. Nun endlich scheint es, als taste sich die seit 13 Jahren entmündigte Multimilliardärin Schritt für Schritt ins Leben zurück. Die Stäbe am goldenen Käfig der Popikone beginnen zu wackeln.

Mitte Juli erlaubte ihr eine Richterin erstmals, sich von einem eigenen Anwalt vertreten zu lassen. In der absurden Realität von Britney Spears ist das ein großer Erfolg. Denn bisher bestimmten ihr Vater und wechselnde Vormunde, wer Spears juristisch vertritt. Das hieß: Die 39-Jährige selbst bezahlte seit Jahren sehr teure Anwälte aus eigener Tasche dafür, zu verhindern, dass sie wieder in den Vollbesitz ihrer Rechte gelangt. Der zweite Teilerfolg: Sie darf wieder selbst Auto fahren – ein Privileg, das ihr offenbar jahrelang verwehrt worden war. Auch das: ein Meilenstein.

Amerikas prominentestes Sorgenkind

Das Drama um den gefallenen Popengel, der erst vom Disney-Kinderstar zur Poplolita und von der Poplolita zu Amerikas prominentestem Sorgenkind wurde, mobilisiert Tausende von Fans, die sich mit quasireligiöser Inbrunst unter dem Hashtag #FreeBritney der Sache ihrer Heldin annehmen, nicht nur zur reinen Freude der Protagonistin, die sich etwa in der Netflix-Doku „Framing Britney Spears“ falsch dargestellt sah. Ihr Vater Jamie Spears (69) war nach psychischen Zusammenbrüchen seiner Tochter und ihrer verstörenden Schädelschur im Jahr 2008 als Vormund bestellt worden und wacht auch über ihr 60-Millionen-Dollar-Vermögen – vorübergehend, wie es damals hieß. Das ist 13 Jahre her.

Die Vorwürfe, die Spears gegen ihre Familie erhob, wiegen schwer: Sie dürfe das Haus nicht ohne Erlaubnis verlassen, sie habe ihre empfängnisverhütende Spirale nicht entfernen lassen dürfen, sie bekomme gegen ihren Willen Medikamente eingeflößt, sie dürfe nicht heiraten und nicht mal Kaffee trinken, sie werde zum Arbeiten gezwungen. Ihr Vater übe eine Macht aus, die „Missbrauch“ gleichkomme – und sie sei niemals darüber aufgeklärt worden, dass sie durchaus das Recht habe, das Ende der Vormundschaft zu beantragen.

Die Familie wies die Vorwürfe zurück. Spears‘ Vater kündigte erneut an, die Vormundschaft nicht freiwillig zu beenden. Prominente Freunde wie Madonna, Cher oder Mariah Carey zeigten sich solidarisch („Gebt dieser Frau ihr Leben zurück – Sklaverei ist vor langer Zeit abgeschafft worden!“).

„Ich habe einer korrupten Familie geholfen, die Kontrolle zu übernehmen“

Wer genau welche Rolle in diesem komplexen Drama spielt, liegt im Nebel. Sicher scheint, dass Spears’ Vater nicht nur lautere Motive als besorgt-fürsorglicher Schutzengel umtreiben dürften. Das seriöse Magazin „The New Yorker“ berichtet, Jamie Spears habe mehrfach gebrüllt: „Ich bin Britney Spears!“, um seine Besitzansprüche an Karriere (und Vermögen) seiner Tochter geltend zu machen. Eine Freundin der Familie habe sich 2008 für die Vormundschaft ausgesprochen – in der Annahme, sie dauere nur wenige Monate. Heute bereue sie die Tat. „Ich habe einer korrupten Familie geholfen, die Kontrolle zu übernehmen“, sagte sie dem „New Yorker“.

Der Fall wühlt auch deshalb viele Fans auf, weil Britney Spears als strahlend-provokative Rehlein-Sexikone der Nullerjahre und Symbolfigur eines lässigen amerikanischen Can-do-Spirits das popkulturelle Leuchtfeuer einer ganzen Generation war. Ihre schillernde Karriere bot die Blaupause für diverse Unschuldslamm-gone-wild-Nachfolgerinnen von Miley Cyrus bis Taylor Swift, von Ariana Grande bis Selena Gomez. Verlässlich spuckt das Disney-Universum Teenagerstars aus, die ihre Karrieren als grinsende Glücksbotinnen in Petticoats starten und nach der Adoleszenz dann die „Bitch“ in sich entdecken, wenn sie nicht haltlos durchs Erwachsenenleben taumeln. Manche fangen sich wieder, manche – wie Lindsay Lohan – kämpfen noch immer.

US-Politiker arbeiten an einer „Lex Britney“

Zuletzt mehrten sich die Anzeichen, dass Bewegung in die Causa Britney kommt. Nicht nur, dass Spears‘ langjähriger Manager Larry Rudolph (nach zweijähriger Funkstille) das Handtuch warf. Nicht nur, dass einen Tag danach ihr von ihrem Vater bestimmter Anwalt Sam Ingham nach 13 Jahren das Mandat niederlegte. Längst hat sich der Fall vom individuellen Leid der Sängerin gelöst: Es geht nicht mehr allein um den Freiheitskampf einer labilen Popikone, die das klassische Trauma frühen Ruhms aus der Kurve warf. Es geht um nicht weniger als die Freiheitsrechte von aktuell bis zu 1,3 Millionen entmündigten Amerikanern.

Am 20. Juli wurde im US-Repräsentantenhaus ein überparteilicher Gesetzesvorschlag zur Korrektur des „kaputten Vormundschaftssystems“ eingebracht. Er sagt im Kern aus, unter Vormundschaft stehende Personen sollten das Recht erhalten, einen gerichtlich ernannten Vormund durch einen anderen ersetzen zu lassen, ohne zuvor „Missbrauch“ bewiesen haben zu müssen – es wäre eine „Lex Britney“. „Missbräuchliche Vormundschaften können ein nicht enden wollender Albtraum sein“, sagte der Demokrat Charlie Crist. Das neue Gesetz solle helfen, nicht nur „Britney zu befreien, sondern unzählige weitere Menschen, die durch das kaputte System missbraucht uns ausgebeutet werden“.

„Ich will in die normale Welt zurückkehren“

Spears’ neuer Anwalt Mathew Rosengart, der schon Stars wie Sean Penn, Steven Spielberg, Winona Ryder, Keanu Reeves oder Ben Affleck vertrat, kündigte vergangene Woche an, „zügig und aggressiv“ die Arbeit aufzunehmen. Sein Ziel: Jamie Spears zum Rücktritt als Vormund zu drängen – oder die Sache gerichtlich zu regeln. „Ich mache meinen Vater dafür verantwortlich, seine Position als Vormund ausgenutzt zu haben“, sagte die Mutter zweier Söhne unter Tränen vor Gericht aus. „Ich will ihn aus meinem Leben haben.“

Sie sei „nicht perfekt, aber auch nicht verrückt“, und sie wolle „zurückkehren in die normale Welt“. Denn: „Ich bin so wütend – ich werde das durchziehen.“ Sie wolle, schrieb sie jüngst bei Instagram, auch nicht mehr auftreten, „solange mein Vater bestimmt, was ich trage, sage, tue oder denke“.

In Deutschland ist die Betreuung nicht mündiger Erwachsener anders geregelt. „Einen Fall Britney Spears könnte es bei uns nicht geben“, sagte Dagmar Zorn, Dozentin für Rechtspflege an der Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) in Berlin. Derart starke Eingriffe in das Privatleben seien nicht denkbar.

In Deutschland gibt es keine Vormundschaft für Erwachsene mehr

Denn für Erwachsene gibt es seit 1992 keine Vormundschaft mehr. Stattdessen kann eine rechtliche Betreuung angeordnet werden, wenn ein Volljähriger nicht mehr in der Lage sein sollte, sich um seine eigenen Angelegenheiten zu kümmern. Diese Betreuung müsse sich aber stark an den Interessen der betreuten Person orientieren. „Derzeit wird dieser Teil des Gesetzes reformiert“, sagte Zorn. „Die Reform tritt 2023 in Kraft, und ab dann müssen alle Entscheidungen, die irgendwie von der betreuten Person getroffen werden können, auch von ihr getroffen werden. Das heißt, dass der Betreuer den Menschen in seiner Selbstständigkeit und im eigenen Entscheiden noch stärker als bisher unterstützen muss.“

Zudem werde jeder einzelne Fall einer solchen Betreuung „allerspätestens nach sieben Jahren wieder auf den Prüfstand gestellt“ und das ganze Verfahren beginne von vorne. Eine 13-jährige Vormundschaft ohne Überprüfung wie im Falle von Britney Spears ist hierzulande also nicht vorstellbar.

Von Imre Grimm/RND