Mittwoch , 22. September 2021
Ein nach der Hochwasserkatastrophe völlig zerstörtes Haus steht am Ufer der Ahr in Insul. Helfer sind Tag und Nacht damit beschäftigt, die Straßen in den weitgehend zerstörten Orten wieder befahrbar zu machen. Quelle: Boris Roessler/dpa

Unwetter in Deutschland: Eine folgenreiche Katastrophe

Die schlimmen Unwetter in Westdeutschland sind vorerst vorbei und die Aufräumarbeiten weiterhin in vielen Regionen im Gange. Dabei zeigt sich, dass die Katastrophe auch längerfristige Folgen für Umwelt und Menschen haben wird.

Umweltkatastrophe durch Autowracks und Heizöltanks droht – Böden verseucht

Die Wassermassen des Hochwassers haben viele Straßen verwüstet, Heizöl- und Autotanks sind leckgeschlagen, Schlieren von Benzin, Diesel und Öl sind auf Pfützen im Katastrophengebiet zu sehen. Immer wieder hatten Einsatzkräfte von THW und Feuerwehr berichtet, dass eine Mischung aus Öl und Benzin auf den Gewässern beobachtet worden sei.

Das Landesumweltamt (Lanuv) in Nordrhein-Westfalen wurde schon kurz nach den ersten Überschwemmungen informiert, dass sich auf dem Rhein Ölschlieren gebildet hätten. Hinzu komme, dass bei den Überschwemmungen Heizöltanks und Rohre in Kellern leckgeschlagen seien und Kraftstoff aus den weggespülten Fahrzeugen ausgetreten sei.

Auch bei den Aufräumarbeiten besteht die Gefahr, dass Kraftstoff aus den Autowracks und Heizöl aus Tanks austritt, warnen Helferinnen und Helfer. „Die größten Verschmutzungen gehen von ausgelaufenem Diesel und zerstörten Heizöltanks aus”, sagt Sebastian Schönauer, Sprecher des Arbeitskreises Wasser beim BUND, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Diesel und Heizöl seien gefährlich, während Benzin verdunstet und die Gefahr daher geringer sei. Schönauer warnt vor dem Ausmaß der Umweltfolgen nach den Überflutungen: „Die Böden sind verseucht und müssen abgetragen werden.”

Er kritisiert, dass Heizöltanks in Hochwasserrisikogebieten neu eingebaut und weiter verwendet werden. „Das Wasser ist durch Diesel und Heizöl so verschmutzt, dass Tiere und Pflanzen sterben”, erläutert Schönauer. „Auch Menschen sind in Gefahr, wenn sie das stark kontaminierte Wasser trinken”, macht Schöner deutlich.

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace untersucht seit Dienstag (27. Juli) Böden und Gewässer in Hochwassergebieten auf Verunreinigungen durch Schadstoffe. „Die Gefahr für Menschen und Umwelt ist in den Hochwassergebieten noch lange nicht gebannt”, sagt Viola Wohlgemuth, Chemieexpertin von Greenpeace. „Nach der verheerenden Zerstörung durch die Klimaflut haben sich Chemikalien und andere Schadstoffe mit den Wassermassen zum Teil unkontrolliert über eine große Region verteilt.”

Ausmaß der Belastung der Ahr nach Flut noch unklar

Seit der Hochwasserkatastrophe fließt auch in die Ahr anfallendes Abwasser ungereinigt und ungeklärt hinein. Alle Kläranlagen im Ahrtal seien von den Überschwemmungen betroffen und beschädigt worden, teilte ein Sprecher der Struktur- und Genehmigungsdirektion Nord in Koblenz mit. Fachleute klärten derzeit mit den Abwasserwerken, ob und wie Anlagen wieder in Betrieb genommen werden könnten.

„Der Fokus vor Ort liegt im Moment auf dem Seuchenschutz”, sagte der Sprecher. So müsse zum Beispiel gewährleistet werden, dass die Abwässer inklusive Fäkalien aus den Ortschaften geleitet werden müssen. Solange die Abwassersysteme nicht wieder wenigstens provisorisch repariert seien, werde Abwasser weiter ungeklärt in die Ahr fließen.

Noch lasse sich nicht sagen, wie belastet die Ahr momentan sei, sagte er weiter. Mit der Hochwasserwelle seien auch Schadstoffe in die Ahr gelangt. Daher raten Landesbehörden von Kontakt mit Ahr-Wasser ab, sofern dies aus Gründen der Aufräumarbeiten nicht zwingend erforderlich sei. Vorsichts- und Schutzmaßnahmen wie das Tragen von Handschuhen und wasserdichte Kleidung sollten eingehalten werden.

„Dass Kraftstoff, Chemikalien, Darm- und Colibakterien sowie Giftstoffe in die Ahr geflossen sind, ist natürlich sehr wahrscheinlich”, teilte der Sprecher der Koblenzer Behörde weiter mit. Ein Messprogramm zur Überwachung der Ahr werde vermutlich nächste Woche zumindest an den bereits zugänglichen Messstellen starten.

Insekten, Fische und andere Tiere auch vom Hochwasser betroffen

Wenn Flüsse und Bäche über die Ufer treten, wird auch die Tierwelt schwer getroffen. „Tatsächlich ertrinken einige Tiere schlichtweg in einem Hochwasser”, sagte der Biologe Andreas von Lindeiner vom Landesbund für Vogelschutz (LBV). Nicht nur Landbewohner, auch Vögel und Fische sind betroffen. Besonders erwischt es demnach wenig mobile Insekten- und Käferarten im Uferbereich. „Da wird garantiert nicht viel überleben in den Gebieten”, sagte von Lindeiner.

Tiere wie Hasen, Füchse oder Rehe hingegen seien sowieso nicht in solchen Gebieten und könnten bei einer Überschwemmung leicht flüchten. Maulwürfe oder der Nachwuchs von Mausarten würden aber oft ertrinken, wenn das Wasser schlagartig steigt. Erwachsene Mäuse können zwar schwimmen und sich an Land retten, sind dort aber Beutegreifern schutzlos ausgeliefert. Vögel können wiederum Probleme bekommen, wenn sie sich von Insekten ernähren, die davongespült werden.

Flutschäden bei Unternehmen: „Viele stehen vor den Trümmern ihres Lebenswerks”

Mit Schäden in Milliardenhöhe rechnet auch der Deutsche Industrie- und Handelskammertag bei Unternehmen durch die Flutkatastrophe. „Was man sagen kann: Es sind Tausende von Unternehmen in allen Größenordnungen direkt oder indirekt durch Schäden an der Infrastruktur betroffen. Der Schaden geht insgesamt sicher in die Milliarden”, so DIHK-Präsident Peter Adrian. Viele Unternehmer stünden vor den Trümmern ihres Lebenswerks.

Der Wiederaufbau werde eine Riesenaufgabe. Ein Problem sei auch der Mangel an Fachleuten. „Aktuell brauchen wir vor Ort zum Beispiel viele Elektriker, so viele gibt es aber gar nicht in den Regionen.” Adrian sprach sich für unbürokratische Hilfen aus.

Versicherer: Schäden durch Flut von bis zu 5,5 Milliarden Euro

Auch die deutschen Versicherer rechnen infolge der Flutkatastrophe in Deutschland mit sehr hohen Schäden. „Wir gehen jetzt von versicherten Schäden zwischen 4,5 Milliarden und 5,5 Milliarden Euro aus”, sagte der Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), Jörg Asmussen, laut Mitteilung am Dienstag in Berlin.

„Insgesamt dürfte dieses Jahr mit Stürmen, Überschwemmung, Starkregen und Hagel zum schadenträchtigsten Jahr seit 2002 werden”, sagte Asmussen. Damals habe der versicherte Unwetterschaden bei 10,9 Milliarden Euro gelegen. Bereits im Juni hatten Starkregen und Hagel dem GDV zufolge einen geschätzten versicherten Schaden von 1,7 Milliarden Euro verursacht.

RND/hsc/dpa