Mittwoch , 22. September 2021
Rund 5000 Mal brennt es im Schnitt pro Jahr in deutschen Tierställen, schätzt der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Quelle: Frm/dpa

Zahllose tote Tiere – Wenn der Stall zur Feuerfalle wird

Egelsbach. Jeden Tag erfasst Stefan Stein mögliche Todesfälle in seiner Tabelle. „29 Hühner, 1 Hahn“ ist für den 10. Februar 2021 im Nordschwarzwald vermerkt, „50 Rinder“ am 8. März im Allgäu, „50 Sauen und Ferkel“ am 20. April im Landkreis Heilbronn. Stefan Stein, von Beruf Beamter bei der Bundespolizei, erfasst in seiner Freizeit vom hessischen Egelsbach aus bundesweit Stallbrände - weil es sonst niemand tut.

Eine bundesweite Statistik gibt es nach Angaben des Bundesministeriums für Landwirtschaft aber nicht. Nur einzelne Länder erfassen dazu Zahlen, unterscheiden dabei aber meist nicht zwischen Tierställen und landwirtschaftlichen Betrieben ohne Tierhaltung.

Technische Defekte immer wieder Ursache für Brände in Tierställen

„Das finde ich erstaunlich“, sagt Stefan Stein, der mit zwei Mitstreiterinnen halbjährlich Übersichten dazu erstellt. Seine Tabellen entstehen auf Grundlage von Medienberichten, ohne Anspruch auf Vollständigkeit. „Wir wissen, dass das keine wissenschaftliche Studie ist“, sagt der 54-Jährige. „Aber wir wollen zeigen, dass es wichtig wäre, dazu eine amtliche Statistik zu erstellen.“

Immer wieder lösen technische Defekte Brände in Tierställen aus. Ein großes Problem seien dabei korrosive - also zersetzende - Gase wie Ammoniak, die von den Tieren ausgestoßen werden, sagt der GDV-Brandschutz-Experte Mingyi Wang. So können zum Beispiel Bauteile der Elektroinstallation und anderer technischer Anlagen angegriffen werden, wodurch Brände etwa aufgrund von Kurzschlüssen entstehen können. „Wenn der Landwirt sich dazu durchringen könnte, die eigenen Anlagen regelmäßig durch einen Fachmann kontrollieren zu lassen, dann könnte man die Brandgefahren effektiv reduzieren“, sagt Wang.

Steht ein Stall erst in Flammen, wird es mit der Tierrettung schwierig

Dazu gibt es bisher aber keine einheitlichen Vorgaben. Das Bundeslandwirtschaftsministerium betont, das Thema Brandschutz sei Ländersache. Das Landwirtschaftsministerium in Sachsen-Anhalt fordert dagegen vom Bundesministerium, per Verordnung einheitliche Regeln festzulegen. Seit 2018 beschäftigt sich die Agrarministerkonferenz mit dem Thema, erst im Juni 2021 einigte man sich auf ein gemeinsames Vorgehen: Bis Juni 2022 sollen konkrete Vorschläge erarbeitet werden, was man beim Brandschutz in Tierställen eigentlich verbessern will.

Der GDV hat dazu neben Vorgaben zur regelmäßigen Überprüfung der Elektrik noch weitere Ideen vorgelegt. „Wir haben vorgeschlagen, die Tierställe etwas kleiner zu halten - was nicht unbedingt auf Gegenliebe gestoßen ist“, sagt Brandschutz-Experte Wang über eine Anhörung in Nordrhein-Westfalen. Der GDV-Vorschlag, große Tierställe mit Brandschutzwänden zu unterteilen, würde für die Betreiber einen hohen finanziellen Aufwand bedeuten.

Welche verheerenden Folgen Brände in großen Tierhaltungen haben können, zeigte sich zuletzt in Alt Tellin in Mecklenburg-Vorpommern. Rund 50.000 Schweine starben dort beim Brand einer riesigen Zuchtanlage im März. Im Juni forderte der Bundesrat deshalb die Bundesregierung auf, die Möglichkeit einer Obergrenze für Tierhaltungen zu prüfen - und eine Statistik zu Stör- und Brandfällen mit hohen Tierverlusten zu erstellen.

Steht ein Stall erst mal in Flammen, gestaltet sich die Rettung der Tiere oft schwierig. Durch brennbare Materialien wie Heu und Stroh kann sich das Feuer meist schnell ausbreiten, Brandmelder sind wegen der korrosiven Vorgänge in Ställen in der Regel nutzlos und deshalb oft nicht vorhanden.

“Keiner will das heiße Eisen wirklich anfassen”

„Ein Erschwernis bei der Brandbekämpfung sind aber auch die Tiere selbst“, sagt Brandschutz-Experte Wang. „Manche Tiere erschrecken sich und wollen raus, andere werden durch das Feuer angezogen und laufen dorthin.“ Bei einer großen Anzahl von Tieren sei die Rettung für die Feuerwehr kaum rechtzeitig zu bewältigen, sagt Wang. „Um die Tiere aus dem Brandbereich zu evakuieren, ist oft kaum ausreichendes Personal seitens des Landwirts da.“

Ohne präzise Zahlen zu solchen Bränden bleibt der genaue Umfang solcher Fälle in Deutschland aber unklar. Stefan Stein und seine Mitstreiterinnen zählen weiter. 1013 Brände und Havarien in Ställen haben sie im ersten Halbjahr 2021 erfasst, mindestens 59.300 Tiere seien den ausgewerteten Berichten zufolge dabei gestorben. Immer wieder wendet sich Stein auch an Ministerien und Behörden, um Verbesserungen anzuregen. „Aber keiner will das heiße Eisen wirklich anfassen“, sagt er. „Mit exakten Zahlen wäre das viel leichter.“

RND/dpa