Ein Jahr in Haft: Cheng Lei, eine in China geborene Australierin, die für das chinesische Staatsfernsehen gearbeitet hatte, wird weiterhin ohne Vorlage von Beweisen festgehalten (Foto aus dem Jahr 2020). Quelle: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Ein Jahr in Haft: China legt keine Beweise für Geheimnisverrat durch die Journalistin Cheng Lei vor

Einmal im Monat wird Cheng Lei in den Kommunikationsraum ihrer Haftanstalt gebracht – in Handschellen und mit verbundenen Augen –, um per Videoschalte konsularischen Beistand zu bekommen. Mehr Kontakt zur Außenwelt hat die Australierin derzeit nicht. Ihre zwei Kinder – zehn und zwölf Jahre alt – hat die Journalistin bis heute nicht wiedersehen können.

Die Vorwürfe sind diffus – “Gefährdung der nationalen Sicherheit”

Vor genau einem Jahr wurde Cheng Lei wegen angeblicher „Gefährdung der nationalen Sicherheit“ verhaftet. Ihr Fall generierte vergleichsweise wenig Solidarität, auch ein internationaler Aufschrei blieb aus. Das hat wohl vor allem damit zu tun, dass die 46-Jährige für einen chinesischen Propagandasender gearbeitet hatte. Sie war quasi Teil eines Systems, dessen Opfer sie nun geworden ist.

Cheng wuchs im zentralchinesischen Hunan auf; jener Gegend, in der auch Staatsgründer Mao Tse-tung geboren wurde. Mit zehn Jahren zog die Familie nach Australien, weil Chengs Vater dort ein Doktorstudium absolvierte. Es waren die Mittachtzigerjahre: Das von bitterer Armut geprägte China erntete gerade die ersten Früchte seiner wirtschaftlichen Reformen. Der Westen glaubte damals, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis sich China mit steigendem Wohlstand auch politisch öffnen würde. Ein Irrtum.

Schiffner: „China hatte Interesse, die Welt umfangreicher darzustellen“

Cheng Lei verbrachte ihre Jugend schließlich in „down under“. Auf Wunsch der Eltern heuerte sie als Buchhalterin an, doch ihre wahre Passion galt bereits damals dem Journalismus. Zurück in ihrem Geburtsland ging der Traum kurz nach der Millenniumswende auf: Cheng startete ihre Karriere als Shanghai-Korrespondentin des US-amerikanischen Senders CNBC.

Dort galt sie als aufstrebendes Talent – wegen ihrer einnehmenden Art, zudem ob ihrer Fach- und Sprachkenntnisse. Die Motivation, 2012 zum chinesischen Propagandasender CGTN zu wechseln, dürfte wohl auch der Work-Life-Balance geschuldet gewesen sein: Cheng Lei war eine alleinerziehende Mutter und hatte den unsteten Lebensstil einer Reporterin satt.

Zu jener Zeit hatte auch die Deutsche Christine Schiffner angefangen, für chinesische Staatsmedien zu arbeiten. Zunächst baute sie die Video-Abteilung der Xinhua-Nachrichtenagentur in New York auf – „als einzige nicht Chinesin“. Später diente sie dem Washington-Büro von CGTN als Nachrichtenchefin. „Wir haben da gute Berichte gemacht, auch in Lateinamerika“, erinnert sich Schiffner, die mittlerweile als freie Journalistin für die ARD arbeitet: „Es war eine Zeit der Kooperation. Die Chinesen hatten ernsthaft Interesse, die Welt ein bisschen umfangreicher darzustellen.“

Peking schickte Anweisungen für Falschnachrichten nach Amerika

Doch die Zeit des ernstgemeinten, aufrichtigen Journalismus war schon bald vorbei. Vor wenigen Jahren ließ Peking das Management von CGTN in Amerika austauschen und schickte immer öfter direkte Anweisungen. Eine davon lautete etwa, über ein US-amerikanisches Biowaffenlabor zu berichten, aus dem laut chinesischen Verschwörungstheorien das Coronavirus stammte.

„Ich habe sowas ignoriert und erklärt, dass wir das nicht machen können. Aber der Druck wurde immer größer“, erklärt Schiffner: „Für mich persönlich war vor allem die Xinjiang-Berichterstattung (Xinjiang ist eine Bezeichnung für die autonome Region der Uiguren, Anmerkung der Redaktion) ein Problem. Das war für mich eine rote Linie“. Einen Monat vor Cheng Leis Verhaftung kündigt Schiffner.

Der Staatsapparat hat bislang keine Beweise vorgelegt

Cheng, der vorgeworfen wird, chinesische Staatsgeheimnisse ans Ausland weitergegeben zu haben, verbrachte die ersten sechs Monate in einem Geheimgefängnis, später wurde sie in eine Zelle mit drei Insassen verlegt. Bislang hat der chinesische Staatsapparat weder Beweise vorgelegt, noch einen Prozesstermin angesetzt. Auch ihre ehemaligen Arbeitskollegen sprechen nicht über den Fall – sie mussten eine Verschwiegenheitsklausel unterschreiben.

Christine Schiffner, die auch beruflich mit Cheng Lei zu tun hatte, kann sich nicht vorstellen, dass an den Vorwürfen gegen die Australierin etwas dran ist: „Cheng Lei war bewusst unpolitisch, sie hat eine Wirtschaftssendung moderiert. Ihr Fokus lag auf der Kindererziehung. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie irgendetwas gemacht hätte, das das gefährden würde.“

Von Fabian Kretschmer/RND

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