Rocksänger Peter Maffay. Quelle: Robert Michael/dpa-Zentralbild/d

Peter Maffay: Ich empfehle jedem, sich impfen zu lassen

Herr Maffay, Sie haben sich für Ihr neues Album Unterstützung von Musikerkollege Johannes Oerding geholt. In der Pressemitteilung ist gar von einem Boyscamp die Rede. Wie muss man sich das vorstellen?

Johannes und ich kommen sehr gut miteinander aus. Bei unserem letzten Album hatte ich ihn schon gefragt, ob er mitmacht, und er steuerte fünf grandiose Texte dazu bei. Das neue Album jetzt war gar nicht geplant, aber in dieser besonderen Zeit habe ich gedacht, es macht schon Sinn zu reflektieren, was einen so beschäftigt. Ich habe also Johannes angerufen und er sagte direkt zu – seine Tour war natürlich auch wegen Corona ausgefallen, er hatte etwas Luft und vor allem Lust. Wir haben Tür an Tür in unserem Studio in Tutzing gearbeitet und uns immer wieder Zettel reingereicht mit neuen Ideen. In zehn Tagen hatten wir dann acht Texte fertig.

Ging das Boyscamp dann auch nach Feierabend weiter?

Na klar. Wir waren ja quasi für die Zeit aneinandergekettet, haben nur getrennt voneinander geschlafen (lacht). Um 18 Uhr gab‘s immer Abendbrot zusammen und danach haben wir dann oft noch bis 1, 2, 3 Uhr zusammengesessen. Mit etwas Rotwein gelingen manchmal noch ganz andere Songs, zum Beispiel Balladen, viel besser.

Ihr neues Album ist sehr emotional, sie verarbeiten den Tod Ihres Vaters, singen aber auch über Ihre Tochter. Fällt es Ihnen generell leicht, über Gefühle zu sprechen?

So einschneidende Erlebnisse wie den Tod meines Vaters verarbeite ich schon sehr emotional. Als klar wurde, dass mein Vater auf der ‚Zielgeraden‘ war, war das schon sehr heftig für mich. Glücklicherweise hatte er mir vorher noch was Kluges mit auf den Weg gegeben: Stell dich der Natur nicht in den Weg. Du musst den Kreislauf akzeptieren. So wie sich sein Ende mehr und mehr abzeichnete, entstand in unserer Familie neues Leben durch unsere kleine Tochter Anouk. Dieser Kreislauf war mir nie so deutlich wie in dieser pandemischen Zeit, wo man sich gegenseitig viel stärker wahrgenommen hat.

Es muss doch unglaublich schwerfallen, so einen Song wie „Wenn wir uns wiedersehen“ dann auf einer Bühne zu singen.

Wir haben kürzlich drei Tage lang in Dresden gespielt und dort auch ein paar der neuen Songs vorgestellt. Als wir „Wenn wir uns wiedersehen“ gespielt haben, hatte ich schon einen Knödel im Hals und musste zusehen, dass ich den wegbekomme. Es ging nur über die Ratio: Mir war klar, wenn ich den Tränen jetzt nachgebe, kann ich den Song nicht singen. Und damit habe ich es geschafft, über den Punkt hinwegzukommen.

Es gibt auch eine Textzeile in dem Lied, wo es darum geht, dass es bei dem Wiedersehen dann endlich mal genug gemeinsame Zeit gibt. Haben Sie rückblickend zu wenig Zeit für Ihre Familie gehabt?

Ich hätte gerne mehr Zeit mit meinem Vater gehabt. Mein Vater und ich, wir hatten ein unheimlich schönes Verhältnis. Aber das gilt auch wie für meine Mutter, die mit 67 leider schon sehr früh gestorben ist. In dem Moment, wo unausweichlich der Tod an die Tür klopft, wird einem klar, wie viel Zeit man im Leben verschenkt hat und wie wenig Zeit man sich gegenseitig geschenkt hat. Diese Uhr kann man nie zurückdrehen. Man kann nur versuchen, in anderen Beziehungen dieses Defizit nicht erneut entstehen zu lassen.

Sie nehmen sich also nun mehr Zeit für die Familie?

Ja. Ob dieser Vorsatz bei einem ziemlich mickrigen Zeitmanagement wie meinem dauerhaft umgesetzt wird, wird sich zeigen. Aber vorgenommen habe ich es mir. Leider bin ich immer noch viel zu schnell dabei, wenn irgendeiner eine zündende Idee hat. Dann springe ich sofort auf dieses Trittbrett auf und bekomme den Kopf nicht mehr aus der Schlinge. (lacht)

Sie singen auch davon, Ihren Kindern ein Freund sein zu wollen. Wie gut klappt das in der Praxis?

Ich entdecke meinen Yaris gerade ganz neu. Der guckt mittlerweile auf mich herab, so groß ist er geworden (lacht). Seit ein paar Tagen wohnt er bei mir und Hendrikje und bleibt nun auch hier. Das ist eine entscheidende Veränderung in seinem und auch in meinem Leben. Ich bin so unglaublich stolz auf ihn – er ist ein hübscher Bengel geworden, mit seinen eigenen Träumen und Visionen. Wir haben ein entspanntes Verhältnis, was vielleicht auch daran liegt, dass ich immer junge Leute um mich herumhatte. Eigentlich merke ich nur, dass ich 72 bin, wenn ich morgens in den Spiegle gucke (lacht).

Yaris stand kürzlich auch mit Ihnen auf der Bühne. Ist das nun auch Teil seines neuen Weges?

Das wollte er schon lange. Er war als Kind schon bei Nachmittagsvorstellungen von Tabuluga zusammen mit Rufus dem Zauberer auf der Bühne. Ich glaube, dass dieser Wunsch schon in ihm lebt – das sind keine Flausen im Kopf. Ich kann mir gut vorstellen, dass er in der einen oder anderen Form im Musikgeschäft Fuß fassen wird.

Sie haben Ihre Tour gerade erneut auf Februar nächsten Jahres verschoben. Halten Sie das für realistisch, dann schon wieder Hallen komplett auszuverkaufen?

Immer mehr Veranstaltungen können stattfinden, auch mit größeren Kapazitäten. Einige Länder handhaben das anders als Deutschland, zum Beispiel die Schweiz. Da spielen wir jetzt auch schon vor 10.000 bis 12.000 Leuten. Es gibt Konzepte, die wo anders akzeptiert und umgesetzt werden – ich hoffe, dass diese Konzepte sich auch bei uns durchsetzen.

Meinen Sie damit, dass nur geimpfte und genesene Besucher auf Konzerte dürfen?

2 G ist eine ziemlich delikate Angelegenheit. Und ethisch nicht sehr einfach zu beantworten. Ich meine, dass man die persönlichen Rechte nicht beschneiden darf. Gleichzeitig stellen Menschen, die sich nicht impfen lassen, aber eine Gefahr dar. In diesem Zwiespalt befindet sich unsere Gesellschaft im Augenblick. Ich habe mich sofort impfen lassen, weil ich denke, dass das der richtige Weg ist. Aber am Ende muss das jeder für sich entscheiden – und auch die Konsequenzen tragen.

Noch mal konkreter nachgefragt: Wenn ein Konzertveranstalter Ihnen sagt, dass Sie nur mit 2 G im Februar die Halle ganz auslasten dürfen – stimmen Sie zu?

Das werden ja nicht die einzelnen Künstler zu entscheiden haben. Wenn man eine Veranstaltung dieser Größe durchziehen will, dann geht es nur über den Weg, dass jeder negativ getestet ist. Mit einer Impfung wäre das aber natürlich einfacher.

Wenn ich eine Empfehlung angeben darf, dann die, sich impfen zu lassen.

Es gibt Menschen, die die Ruhe im Lockdown genossen haben: Konnten Sie der Zeit auch irgendwas Positives abgewinnen?

Die Ruhe genießen kann man auch ohne Lockdown, man muss es nur wollen. Dass uns der Lockdown dazu gezwungen hat, hilft manchen renitenten Menschen, auch mir zum Beispiel, mal zu Hause zu bleiben oder den Radius zu verkleinern. Viel zu oft hat man sich viel zu weit bewegt. Am Ende der Welt ist es nicht immer schöner als vor der Haustür. Aber auf einen erneuten Lockdown kann ich gut verzichten. Seit eineinhalb Jahren können wir nicht auf die Bühne und ich sehe, welche Auswirkungen das auf unsere Crew hat, auf die Dienstleister und alle, die irgendwie mit der Branche zu tun haben. Ich habe heute noch ein Graffiti gesehen, das sagte „Fuck Lockdown“. Das drückt die Stimmungslage vieler Menschen aus, auch meine.

Sie gelten ja als Frühaufsteher, machen da bekanntermaßen sogar Sport. Hat sich das im Lockdown etwas weiter nach hinten verschoben?

Nein, das ist eine Gewohnheit, die ich bis heute durchziehe. Ich stehe um 6 Uhr auf, fahre mit dem Fahrrad und schwimme im See. Durch unsere kleine Tochter hat sich ein Alltag eingependelt, in den das gut reinpasst.

Haben Sie einen Trick, wie Sie Ihre Tochter zielsicher ins Bett bekommen?

Anouk ist wahrscheinlich mit demselben Talent ausgestattet wie alle Mädels – sie weiß genau, wie sie ihren Papa um den kleinen Finger wickelt. Wenn sie soll und nicht will, dann hat sie alle Tricks auf Lager. Mir ist aufgefallen, dass man erst mal lernen muss, die Stimmung zu spüren, wann ein Kind bereit ist, schlafen zu gehen. Hendrikje hat immer gesagt: Versuch herauszufinden, wann der Punkt gekommen ist, dass sie mit eurer gemeinsamen Zeit zufrieden ist. Und genau so ist es: Wenn Anouk das Gefühl hat, dass wir genug gekuschelt und geredet haben, dann ist gut.

Man würde denken, dass Sie sie auch mal in den Schlaf singen.

Da gibt es schönere Stimmen als meine – zumindest für Anouk (lacht). Meine Stimme taugt für sie eher zum Vorlesen. Sie sucht etwas aus ihrer kleinen Bibliothek aus und ihr Vater erzählt dann die Geschichte.

Das heißt abends ist Papazeit?

Eigentlich ist eher morgens mein Part. Dann gehe ich in ihr Zimmer, mache sie fertig und wir frühstücken gemeinsam. Das ist genau wie abends eine Zeitspanne, die sehr viel Intimität erfordert und ich muss zugeben, dass ich dahinschmelze (lacht).

Von Lena Obschinsky/RND