Ein Haus und ein Swimmingpool werden nach dem Vulkanausbruch auf La Palma von der Lava begraben. Quelle: Europa Press/EUROPA PRESS/dpa

Blick aufs Schauspiel: die bedrückende Faszination des Vulkanausbruchs

Madrid. Thomas Klaffke macht sich gerade auf den Weg zum Mirador del Time. Das ist ein Ausflugslokal bei La Punta im Westen La Palmas auf etwa 500 Metern Höhe. Von hier hat man einen sehr guten Blick auf den noch namenlosen Vulkan, der am Sonntagnachmittag im Süden der Insel ausbrach, und auf das Meer zu seinen Füßen. „Das ist natürlich wichtig für mich“, sagt Klaffke mit einem Seufzen in der Stimme, „weil ich wissen will, ob mein Haus überhaupt noch steht.“

Klaffke, gebürtig aus Wilhelmshaven, gelernter Konditor, Bäcker und Croupier, kam vor knapp 17 Jahren nach La Palma und verliebte sich in die Insel. „Schockverliebt“ sei er gewesen, sagt er, „die Palmeros sind wunderbare Menschen: so ehrlich, hilfsbereit, höflich“. Vor elf Jahren mietete er sich ein Haus in Puerto de Naos, „eine Ruine“, sagt er, sanierte das Haus mit dem romantischen Blick auf den Atlantik, zog dort selbst ein und richtete ein paar Gästezimmer ein. „Tom’s Hütte am Meer“ nennt er seine Unterkunft. Seit Sonntag steht sie leer. Was Klaffke nicht ahnte, als er diesen Inselflecken zu seinem Heim machte: dass sich der Berg in seinem Rücken in einen Vulkan verwandeln würde.

„Man kann nur das Beste hoffen – und das Schlimmste befürchten“

Aus mittlerweile neun Öffnungen ergießt sich seit dem Sonntagnachmittag Lava Richtung Meer, genau in die Richtung, in der Klaffkes „Hütte“ liegt. Wie eine schwarze Pranke streckt sich die Lava den Berg hinab dem Meer entgegen. Langsam bewegt sie sich abwärts, langsamer als erwartet. Am Montagabend gegen acht sollte sie die Küste erreicht haben. Am Dienstagnachmittag hatte sie das Meer noch immer nicht gefunden. Vom Mirador del Time aus versucht Klaffke den Weg der Lava auszumachen. Aber es ist zu diesig. Er muss sich in Geduld üben, bis er Gewissheit haben wird. „Man kann ja nichts machen“, sagt er. „Man kann nichts machen, nur das Beste hoffen – und das Schlimmste befürchten. Anders geht’s nicht.“

Bis zum Montagabend hatte die Lava 166 Gebäude beschädigt oder unter sich begraben. Es gibt beeindruckende Bilder davon, wie sich die zähe Masse ganze Häuser einverleibt: ein ebenso gemächliches wie gefräßiges Urtier. Eine der Siedlungen, durch die sich die Lava ihren Weg Richtung Meer gesucht hat, heißt El Paraíso: das Paradies. Es ist jetzt keines mehr. Zum Glück haben sich die Menschen rechtzeitig in Sicherheit gebracht. So wie Thomas Klaffke: Er ist bei Freunden in El Paso untergekommen, ungefähr anderthalb Kilometer Luftlinie vom Vulkan entfernt und etwa auf derselben Höhe.

„Waagerecht fließt die Lava ja nicht“, sagt Klaffke. Sondern bergab. Dorthin, wo sein Haus steht. Es liegt im Risikogebiet, innerhalb des Risikogebietes allerdings im grünen, nicht im roten oder orangefarbenen Bereich. Wahrscheinlich wird die Lava nördlich an seinem Haus vorbeiziehen. Aber gewiss ist an diesem Dienstag gar nichts. Gut möglich, dass sich der Berg noch an weiteren Stellen öffnet und sein Inneres über weitere Flächen verteilt.

Fähre brachte 350 Touristen nach Teneriffa

Was da geschieht, das wollen sich die Menschen ansehen, die Einheimischen wie die Touristinnen und Touristen. „So ein Vulkanausbruch ist ja eine Einmaligkeit im ganzen Leben“, sagt Klaffke. Am Montag, berichtet er, seien so viele Menschen aus dem Osten der Insel, vor allem aus dem Hauptort Santa Cruz de La Palma, in den Westen herübergefahren, dass die Polizei schließlich den Tunnel schloss, der Osten und Westen miteinander verbindet. „Das war unglaublich“, sagt Klaffke über die Autokarawanen, die sich die kurvigen Bergstraßen (andere gibt es auf der Insel nicht) hinaufschlängelten. „Auf der einen Seite kann man das verstehen. Auf der anderen Seite ist das für die Rettungskräfte eine Katastrophe. Ich fand das auch sehr unschön.“ Manche haben die Insel aber auch verlassen: Am Montag brachte eine Fähre gut 350 Touristinnen und Touristen hinüber nach Teneriffa, damit sie dort ihren Urlaub genießen können.

Am Nachmittag des Dienstags ist Thomas Klaffke wieder bei seinen Freunden in El Paso. Was aus seinem Haus unten am Meer werden wird, weiß er noch nicht. Im Moment sieht es so aus, als habe die Lavapranke beschlossen, sich nicht weiter fortzubewegen.

Von Martin Dahms/RND