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Arbeiter in Schutzanzügen gehen an einem Strand in Newport Beach vorbei, an dem tote Meerestiere nach einer Ölpest angespült wurden. Quelle: Ringo H.W. Chiu/AP/dpa

Ermittlungen zu Ölkatastrophe in Kalifornien werden Jahre dauern

Los Angeles. Von der Entdeckung des Öllecks vor der kalifornischen Küste bis zum Einreichen der ersten Klage gegen die Betreiberfirma der beschädigten Pipeline hat es kaum mehr als 48 Stunden gedauert. Doch um die Ursache für die Ölkatastrophe vor der Küste Südkaliforniens zu finden, und zu entscheiden, wer daran Schuld hat und wer zur Verantwortung gezogen werden kann, wird sehr viel mehr Zeit vergehen. Mehrere Bundes- und Landesbehörden recherchieren gleichzeitig, was der Grund für das Reißen der Ölleitung war, wie schnell die Betreiber reagiert haben und ob strafrechtliche Vorwürfe oder Zivilstrafen berechtigt sind.

„Zur Zeit schließen wir niemanden aus“, sagt Jason Neubauer, Kapitän der Küstenwache. Ermittler versuchten herauszufinden, welches Schiff unter Tausenden irgendwann im vergangenen Jahr mit seinem Anker an der Pipeline hängen geblieben sein könnte, vermutlich während heftiger Winde und rauer See im Januar.

Sie hätten bereits zwei Schiffe besichtigt und weitere würden folgen, sagt Neubauer. Die Anker würden auf Schäden untersucht und alle Logbücher von Kapitänen, Deckoffizieren und Ingenieuren ausgewertet, ebenso die Fahrdatenschreiber - die Entsprechungen der Blackbox bei Flugzeugen. Auch die Besatzungen würden befragt.

Zwischen 95.000 und 500.000 Liter Öl liefen aus

Zum ersten Mal wurde ein mögliches Leck vor der Küste von Orange County südlich von Los Angeles am 1. Oktober gemeldet, an der Pipeline von Amplify Energy, wie sich später herausstellte, die die Plattform „Elly“ mit dem Hafen von Long Beach verbindet. Am nächsten Morgen wurde der Austritt von Öl bestätigt, Rohöl wurde in Huntington Beach und weiteren Stränden an Land gespült. Ein Großteil der umliegenden Küste war mehr als eine Woche lang gesperrt. Den Geschäften, die Strandbesucher und Segler verpflegen, blieben die Kunden weg.

Zwischen rund 95.000 und 500.000 Liter Öl liefen aus, schätzt die Küstenwache. „In dieses Umweltfällen geht es darum, jemanden dranzukriegen, der für die Säuberung bezahlt“, erklärt Rohan Virginkar, ein früherer US-Staatsanwalt, der an der strafrechtlichen Verfolgung des Mineralölkonzerns BP nach der „Deepwater Horizon“-Ölkatastrophe im Golf von Mexiko 2010 beteiligt war. Einige Umweltgesetze sähen vor, dass die Staatsanwälte nur Fahrlässigkeit nachzuweisen brauchen, um eine Verurteilung zu erreichen. Das könnte zu Anschuldigungen für Schiffsbetreiber führen, wenn ihre Schiffe zu dicht an Pipelines geankert haben. Sie sind auf den Seekarten verzeichnet.

Der Unfall trug sich in einer Gegend zu, in der sehr große Frachtschiffe ankern und warten, bis sie im Hafen von Long Beach, dem größten Frachthafen der USA, ihre Fracht entladen können.

Weitere Ermittler, darunter die der Bundesaufsichtsbehörde für Pipelines, konzentrieren sich auf die Firma Amplify Energy, die außer der Pipeline drei Plattformen auf offener See besitzt. Die Pipeline wird auf mögliche Korrosion geprüft, ob sie nachlässig unterhalten wurde und ob Berichte gefälscht wurden, wie es bei der Ölkatastrophe von BP der Fall war, wie der frühere Staatsanwalt William Carter sagt, ein Spezialist für Umweltvergehen. Die Röhre werde untersucht, sobald sie aus 30 Meter Tiefe hochgeholt worden ist, sagt Carter. Weiter will man die Daten aus dem Kontrollraum überprüfen, um zu sehen, ob es einen Druckabfall in der Leitung gab, der ein Hinweis auf ein mögliches Leck gewesen wäre.

Behörden nicht schnell genug informiert?

Falls die Ermittler zu dem Schluss kommen, dass Amplify Energy das Leck hätte bemerken müssen und nicht schnell genug alle Behörden und die Küstenwache alarmiert hat, könnte die Firma angeklagt werden. Die notwendigen Elemente für einen Verstoß gegen die Bestimmungen seien: „Ich wusste von der Freisetzung und ich habe sie nicht sofort gemeldet - egal, was der Grund dafür war“, sagt Carter.

Nach Angaben der zuständigen Bundesbehörden gab es ein Signal für Druckabfall um 2.30 Uhr morgens am 2. Oktober, der die Maschinisten im Kontrollraum über ein mögliches Leck auf der Plattform „Elly“ alarmierte. Doch die Pipeline sei erst um 6.01 Uhr dichtgemacht, die Küstenwache erst um 9.07 Uhr informiert worden, erklärte die Verwaltung für Pipeline- und Gefahrgutsicherheit.

Martyn Willsher, der Vorstandschef von Amplify Energy, weigerte sich, Fragen dazu zu beantworten. Er bestand darauf, das Unternehmen habe bis 8.09 Uhr morgens nichts von dem Leck gewusst, als ein Kontrollboot den Ölfilm bemerkte.

Die Bundesstaatsanwälte haben fünf Jahre Zeit, Strafanzeige zu stellen. Auf das Versäumnis, die Behörden rechtzeitig zu informieren, stehen 500.000 Dollar Strafe oder auch das Doppelte des Gesamtschadens. Strafen im Staat Kalifornien können bis zu zehn Dollar pro ausgeflossener Gallone betragen, die nicht wieder eingesammelt wird. Würde gar kein Öl eingesammelt, wären das in diesem Fall bis zu 1,32 Millionen Dollar (rund 1,14 Millionen Euro).

Nach dem Ölverschmutzungsgesetz von 1990 muss derjenige, der das Öl auslaufen lässt, für die Reinigung bezahlen, wie Staatsanwalt James Mercante sagt. Amplify Energy können sich später Geld von haftenden Parteien zurückholen. „Der Gedanke und Zweck des Gesetzes ist, das Öl zu entfernen und anschließend den Prozess auszufechten“, sagt Mercante. „Das kann Jahre und Jahre und Jahre dauern.“

RND/AP