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Extreme Unwetter sorgen in Catania für Überschwemmungen.

Nach schweren Unwettern mit zwei Toten: Sizilianer zittern jetzt vor einem Medicane

Rom. Catania hat in den letzten Tagen dramatische Augenblicke erlebt: Heftige Unwetter mit stunden­langem Starkregen hatten die Via Etnea, die zentrale Straße der eleganten Hafenstadt an der Ostküste Siziliens, in einen reißenden Fluss verwandelt; die barocke Piazza del Duomo stand über einen Meter tief unter Wasser. Zahlreiche Geschäfte wurden überflutet, mehrere Straßen sind unpassierbar. Der Bürger­meister von Catania, Salvo Pogliese, verfügte die Schließung aller Geschäfte und wandte sich mit einem Appell an die Bevölkerung: „Bleibt zu Hause – und flüchtet in die höheren Etagen eurer Häuser, wenn ihr das könnt.“ Auch alle Schulen und die Universität bleiben bis auf Weiteres geschlossen. Bisher sind in Catania und Umgebung zwei Menschen in den Fluten umgekommen; die Ehefrau eines der Opfer wird noch vermisst.

Laut Angaben der Behörden sind auf dem Gebiet der 300.000-Einwohner-Stadt am am Fuß des Ätnas am Montag und Dienstag innerhalb von 24 Stunden 300 Liter Regen pro Quadratmeter gefallen – die Hälfte dessen, was normalerweise in einem ganzen Jahr vom Himmel fällt. An den Abhängen des über 3000 Meter hohen Ätna, der seit fast einem Jahr sehr aktiv ist, waren es fast 700 Liter pro Quadratmeter.

Am Mittwoch legte das Unwetter zwar eine Pause ein – doch das Schlimmste könnte noch bevorstehen, betonte der nationale Zivilschutzchef Fabrizio Curcio: „Unsere Modelle sagen voraus, dass der Sturm am Donnerstag und Freitag zurückkehren wird, mit noch größerer Wucht. Es erwarten uns schwierige Stunden“, sagte Curcio in Catania.

Meteorologen sehen Ursache für Wetter­extreme auch im Klima­wandel

Tatsächlich warnen die Meteorologen davor, dass sich das nahezu stationäre Tief über Süditalien, das für die derzeitigen Unwetter über Sizilien und Kalabrien verantwortlich ist, zu einem sogenannten Medicane entwickeln könnte, einem mediterranen Wirbel­sturm. Ein Medicane ist zwar etwa viermal kleiner als ein tropischer Hurrikan, aber ähnlich gefährlich: Neben erneuten sintflutartigen Regenfällen mit Überschwemmungen und Erdrutschen drohen Sturmböen von bis zu 180 km/h. Bisher sind bei den Unwettern dieser Woche in Catania Windspitzen von „nur“ 119 km/h gemessen worden.

Die Meteorologen sind sich weitgehend einig, dass die Wetter­extreme, wie sie derzeit in Sizilien zu beobachten sind, zu einem erheblichen Teil durch den Klima­wandel mitverursacht werden. Mehr noch: Das Mittelmeer sei förmlich zu einem Klima­hotspot geworden, betonen Experten wie der Klima­physiker Salvatore Pascale der Universität Bologna, ein Spezialist für das Phänomen der Medicanes. Er erinnert daran, dass der Sommer in Süditalien viel zu heiß und trocken gewesen sei: In Catania wurde im Juli der Allzeitrekord von 48,8 Grad Celsius registriert, die höchste je in Europa gemessene Temperatur. „Der zu heiße Sommer hat im Mittelmeer zu einer stark erhöhten Oberflächen­wassertemperatur geführt, und dies wiederum bedeutet, dass mehr Wasser in die Atmosphäre verdampft, das sich dann in immer intensiveren Unwettern entlädt“, betont Pascale.

848 Liter Regen pro Quadratmeter in nur 24 Stunden

Süditalien ist nicht die einzige Region, die immer häufiger von extremen Wetter­lagen betroffen ist – das Phänomen lässt sich im ganzen Mittelmeer­raum beobachten. In Italien hatten sich bereits Anfang Oktober wahre Sturz­fluten über die Regionen Piemont und Ligurien ergossen. Einen schon fast unglaublichen Rekord registrierte dabei die Station Rossiglione in der Nähe von Genua: In dem Ort fielen in nur 24 Stunden 848 Liter Regen pro Quadratmeter. Auch beim Brücken­einsturz in Genua im Jahr 2019 hatte das Wetter verrückt gespielt: In den 36 Stunden vor und nach der Tragödie mit 43 Toten war in Ligurien gebietsweise halb so viel Niederschlag gefallen wie sonst in einem ganzen Jahr. Das immense Gewicht des Wassers auf der Fahrbahn war der unmittelbare Auslöser des Einsturzes des maroden Viadukts gewesen.

Auch die Bildung eines Medicanes über Sizilien und Kalabrien wäre, sollten die Prognosen zutreffen, kein neues Phänomen: Bereits im vergangenen Jahr hatte der mediterrane Wirbelsturm „Udine“ und ein weiteres Sturmtief über der Nordägäis unter anderem auf der Insel Kefalonia schwere Verwüstungen angerichtet und Todesopfer gefordert.

Wenige Tage vor dem Beginn der Uno-Klima­konferenz in Glasgow fordert der Klima­physiker Salvatore Pascale die Welt­gemeinschaft deshalb zum Handeln auf: „Die Wetter­vorhersagen für Catania für die kommenden Tage mögen schlimm sein – aber geradezu dramatisch wären die Prognosen für die nächsten Jahrzehnte, wenn sich die Atmosphäre um mehr als zwei Grad erwärmen würde.“

Von Dominik Straub/RND