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Vor eineinhalb Jahren wurde Gangelt im Kreis Heinsberg über Nacht bekannt. Die Kleinstadt wurde durch eine Karnevalssitzung zu einem der ersten Coronavirus-Hotspots. Quelle: Oliver Berg/dpa

Karnevalsauftakt im ehemaligen Hotspot Gangelt: Das plant die Gemeinde im Kreis Heinsberg

Gangelt. 3G, 2G oder lieber doch gar nicht feiern? Die Meinungen zum Karnevalsauftakt am 11.11. in den Hochburgen Köln und Düsseldorf sind gespalten. Beide Städte planen mittlerweile Feiern mit 2G, doch manchen geht das nicht weit genug. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach etwa ruft dazu auf, Veranstaltungen in Innenräumen ganz zu vermeiden. „Karneval kann zum Superspreader-Event werden“, befürchtet er.

Genau das passierte vor etwas mehr als eineinhalb Jahren in der nordrhein-westfälischen Gemeinde Gangelt im Kreis Heinsberg. Nach einer Karnevalssitzung wurde der bis dahin unauffällige Ort zum ersten Corona-Hotspot Deutschlands – und auf einmal in der ganzen Republik bekannt. Eine Wiederholung des Szenarios will dort keiner.

11.11. wird in Gangelt nie groß gefeiert

Doch die Befürchtungen dahingehend sind aktuell gering. „Zum 11.11. waren hier in der Region nie so überschwängliche Feierlichkeiten“, erklärt Gangelts Bürgermeister Guido Willems (CDU) dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). So auch in diesem Jahr nicht. Der Tag werde eher als Startschuss für die Planungen für den Straßen- und Festzeltkarneval im Januar und Februar gesehen – „und danach ging ja hier letztes Jahr die Corona-Problematik los“, so der Politiker. Nach einem Jahr Pause – Anfang dieses Jahres fiel der Karneval komplett aus – laufen demnach nun aber auch in Gangelt wieder die Planungen dafür. Willems geht davon aus, dass die Bürger dann „wieder in einem vernünftigen Maßstab feiern“ könnten.

Aktuell planten sie die Karnevalsveranstaltungen in Gangelt mit den jetzt geltenden Regeln, seien aber flexibel, diese auch je nach dann herrschender Situation anzupassen. „Nach Weihnachten geht es groß los, im ganzen Januar sind viele Karnevalsveranstaltungen, auch wenn es natürlich ein bisschen anders wird als vor der Pandemie“, ist er sich sicher. „Da sind die Menschen, auch die Karnevalsvereine, sehr stark sensibilisiert“, betont der CDU-Politiker. „Das sind hier in der Region alles gebrannte Kinder, die scheuen das Feuer. Die sind sehr vorsichtig. Die werden Hygienekonzepte vorbereiten und einreichen.“ Die Gemeinde sei dazu auch schon mit Karnevalsgesellschaften im Austausch.

Gangelter Karnevalsverein traut sich keine größeren Feiern

So teilt etwa der KC Stöher Sankhase, einer der Gangelter Karnevalsvereine, dem RND mit, dass er sich entschieden hätte, Ende Februar lediglich einen Rosenmontagszug mit anschließendem Umtrunk im Außenbereich des Bürgerhauses abzuhalten – mit 2G-Regel. „Weitere Feierlichkeiten haben wir uns, zum jetzigen Stand der Dinge, nicht getraut“, so Geschäftsführer Thomas Plum. Zwei Tage nach dem 11.11. würden sie außerdem eine kleine Sessionseröffnung mit den Vereinsmitgliedern feiern – auch das unter Berücksichtigung der 2G-Regel und „ohne jegliche Gastvereine“, wie er betont.

Gangelt will Karnevalstradition aufrechterhalten

Willems ist es wichtig, dass das Leben im Ort weitergeht: „Unter den Vorsichtsbedingungen, die wir einhalten können, wollen wir auf jeden Fall, dass wieder Leben in die Region kommt und eine schöne Tradition wie der Karneval auch aufrechterhalten wird“, sagt er. Zum Straßenkarneval in Gangelt mache er sich dabei keine großen Sorgen, weil dieser draußen stattfinde und die Menschen dabei auch nicht so gedrängt aneinander stünden wie etwa in Köln. 2G ist seiner Meinung nach für den Gangelter Straßenkarneval aber auch schwer umsetzbar – „Wir können die Leute ja nicht abhalten, vor ihrem Haus auf die Straße zu gehen.“ Das sei im Dorf anders als in einer Großstadt wie Köln oder Düsseldorf.

Für die Feiern in Zelten und Sälen müssten Maßnahmen ergriffen werden. Der Bürgermeister betont dabei auch, dass die Impfquote in Gangelt sehr hoch sei. Sie liegt aktuell bei 74,2 Prozent im gesamten Kreis Heinsberg (Stand: 9.11.2021), wie Sprecherin Jennifer Grünter mitteilt. Für die Gemeinde Gangelt gibt es keine separaten Zahlen. In ganz Deutschland liegt sie laut Robert Koch-Institut zum gleichen Zeitpunkt bei 67,2 Prozent. „Hier in der Region kennt fast jeder einen, der an Corona gestorben ist oder schwer krank war. Impfkritiker und Impfgegner gibt es hier fast nicht“, sagt Willems und führt das auf die Auswirkungen des Ausbruchs damals zurück.

Auch der Kreis Heinsberg hat aktuell keine Befürchtungen, dass er durch den Karneval erneut zum Hotspot werden könnte: „Der Kreis sorgt sich nicht explizit um das Ansteckungsrisiko bei Karnevalsfeiern – dieses Ansteckungsrisiko gibt es auch bei allen anderen größeren Zusammenkünften“, teilt Pressesprecherin Grünter dem RND mit. Am sichersten wäre aus ihrer Sicht bei solchen Veranstaltungen eine Testung aller Personen, auch der Geimpften.

Gangelts Bürgermeister: „Wir sind schuldlos in den ersten Ausbruch geraten“

Besonders in Sorge ist der Bürgermeister Gangelts wegen der Corona-Vergangenheit des Ortes ebenfalls nicht. „Wir sind schuldlos in den ersten Ausbruch geraten“, meint er und spricht von einer „Verkettung von unglücklichen Umständen“. „Kein Mensch hätte das damals für möglich gehalten.“ Im Gegensatz zu den Vorfällen in Ischgl, Österreichs erstem Corona-Hotspot, hätten sie damals sofort reagiert und alles geschlossen. Die Bürgerinnen und Bürger hätten sich zudem schnell an die Regeln gehalten, da habe es eine große Akzeptanz gegeben.

Deshalb ließen sich die Leute in dem Ort, der über Nacht Negativschlagzeilen im ganzen Land machte, auch nicht entmutigen, und auch die angeschlagenen Karnevalsvereine führten ihre Traditionen fort, so Willems – auch eben jener, bei dessen Karnevalssitzung es damals zum Ausbruch kam. „Wir sind rheinische Frohnaturen, wir lassen uns nicht unterkriegen“, ist er sich sicher.

Von Hannah Scheiwe/RND