Anzeige
Dr. Harri Geiger auf der Kanareninsel La Palma. Quelle: privat

Forscher über Arbeit auf La Palma: „Legen Krankenakte des Vulkans an“

Der Vulkan Cumbre Vieja auf der Kanareninsel La Palma kommt nicht zur Ruhe. Seit rund zehn Wochen stößt der Vulkan Lava, Gesteinsbrocken und Asche aus. Harri Geiger, Geochemiker an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, ist erneut nach La Palma gereist – als Teil eines Teams aus spanischen, schwedischen, amerikanischen und deutschen Forschenden, welches den Vulkans seit Ausbruch am 19. September untersucht.

„Es gibt ständig neue Lavaausläufe“, erzählt der Forscher im Telefongespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND), während er wieder im Auto auf dem Weg in die Evakuierungszone bei Fuencaliente sitzt. „Die Lava breitet sich immer weiter aus“, sagt der 34-Jährige. Am zweiten Morgen seiner Forschungsreise sei er um 4 Uhr aufgeweckt worden, von einem Erdbeben. Immer wieder gibt es auf La Palma derzeit Erdstöße. Die zahlreichen Beben könnten laut Experten darauf hindeuten, dass der Vulkan noch einige Zeit aktiv bleiben wird.

Geiger ist am 1. Dezember mit der Fähre angereist, der Flugverkehr sei noch immer nicht wieder verlässlich: „Wenn der Wind falsch steht, können die Flugzeuge nach wie vor nicht fliegen“, erklärt Geiger. Insbesondere in der Evakuierungszone, in der er sich für die Beprobungen aufhält, falle immer wieder Asche vom Himmel.

„Das geht nicht spurlos an einem vorbei“

„Für die Menschen vor Ort ist es schrecklich. Deren Häuser wurden zerstört, sie haben ihr Hab und Gut verloren“, sagt Geiger. Seit dem Ausbruch des Vulkans am Gebirgszug Cumbre Vieja hat die bis zu 1300 Grad heiße Lava nach der jüngsten amtlichen Bilanz fast 2750 Gebäude völlig zerstört. Zuletzt waren insgesamt knapp 1150 Hektar von einer meterdicken Lavaschicht bedeckt – einer Fläche, die ungefähr 1600 Fußballfeldern entspricht.

Mehr als 7000 Bewohner mussten sich seit Ausbruch des Vulkans in Sicherheit bringen. „Dass das nicht einfach ist, sieht man auch an den Hilfskräften vor Ort. So etwas geht nicht spurlos an einem vorbei“, erzählt der Forscher. Mit der Feuerwehr arbeite er eng zusammen. „Von den Feuerwehrmännern haben wir zum Beispiel gestern das Wasser zum Löschen unserer Lavaproben bekommen.“

Geigers Aufgabe vor Ort ist derzeit das Entnehmen von Proben aus den verschiedenen Lavaströmen. Zwei bis fünf Kilogramm schwere vulkanische Gesteinsbrocken sammelt Geiger ein, um diese zurück im Labor untersuchen zu können. „Wir kennen die Koordinaten der neuen Lavaströme und wandern von Punkt zu Punkt, um die Lavaproben zu nehmen“, erklärt der Experte.

Mit einem Laserthermometer wird zunächst die Temperatur der Lava überprüft. Dabei interessiert das Forscherteam vor allem bereits abgekühlte Lava, die nur noch bis zu 500 Grad heiß sei: „Die kühlen wir mit Wasser weiter ab, vermerken die Koordinaten der Fundstelle und vergeben einen Probennamen“, beschreibt Geiger. Dann kommt das schwarze Gestein in einen Probenbeutel und wird in die jeweiligen Labore in den Heimatstädten der Forschenden gesendet – auch nach Freiburg.

Lavaproben werden in unterschiedliche Forschungsrichtungen analysiert

„Jeder Forscher im Team hat eine bestimmte Aufgabe“, erkärt Geiger. Sein Bereich am Institut für Geo- und Umweltnaturwissenschaften der Universität Freiburg sei die Mineralogie und Petrologie (Steinkunde): „Ich bestimme anhand der Minerale in der Lava, aus welcher Tiefe diese stammt“, so Geiger. Dadurch lasse sich rekonstruieren, wie das Netzwerk aus Magmakammern und -gängen unterhalb des Vulkans aussehe.

Forscherteam erstellt „Krankenakte des Vulkans“

Damit lasse sich allerdings nicht vorhersagen, wie lange der Vulkanausbruch noch dauern wird: „Einen Ausblick zu geben ist sehr schwer. Wir sind noch nicht an dem Punkt angekommen, an dem wir bestimmen könnten, wie lange der Vulkan noch aktiv sein wird“, weiß Geiger. Das Ziel sei es vielmehr, eine „Krankenakte des Vulkans“ anzufertigen. Die helfe bei späteren Ausbrüchen, um Gefahren besser erkennen zu können: „Wir können dann beispielsweise besser bestimmen, wie groß ein Evakuierungsradius sein muss.“ Auch helfe die Forschung dabei, Verläufe von Vulkanausbrüchen besser vorhersagen zu können: „Und zwar nicht nur im Bereich der Kanarischen Inseln, sondern überall auf der Welt.“

Geiger ist bereits zum zweiten Mal auf der Insel. Vor einem Monat nahm der 34-Jährige bei seiner ersten Forschungsreise zu dem aktiven Vulkan ein spektakuläres Video einer Lavabombe auf, welches mittlerweile mehr als 700.000-mal auf Twitter angeschaut wurde. „In so einem Moment muss man als Forscher das gemischte Gefühl aus sicher bleiben zu wollen und die faszinierende Beobachtung festzuhalten, balancieren“, erzählt Geiger.

Eine Lavabombe habe er bei dem jetzigen Aufenthalt bisher nicht wieder gesehen. Das liege aber daran, dass die Sicherheitszone vergrößert wurde: „Die Lavabomben sind meist nur nah am Schlot des Vulkans“, so Geiger. Bei der Sichtung der Lavabombe im November habe das Team aus Forschenden den Sicherheitsabstand nach Aufnahme des Videos aus Sicherheitsgründen auch gleich verlassen müssen.

Ausbruch dieses Vulkans könnte historisch werden

Einen aktiven Vulkan hatte der 34-Jährige vor dem Ausbruch des Vulkans auf La Palma noch nicht untersucht. Zuvor habe er lediglich ältere Ausbrüche beprobt und an alten Ablagerungen geforscht: „Es ist deshalb eine einzigartige Möglichkeit für mich als Forscher, den Ausbruch eines Vulkans von Anfang an zu betreuen, zu analysieren und zu rekonstruieren“, meint Geiger. Vor allem, weil der Ausbruch dieses Vulkans ein historisches Ausmaß annehmen könnte.

Die längste Zeit eines Vulkanausbruchs auf den Kanarischen Inseln seien bis dato 84 Tage in Folge im Jahr 1585 gewesen: „Das könnten wir mit diesem Vulkanausbruch übertreffen“, meint Geiger. Bereits am 12. Dezember würde der Vulkan auf La Palma den bislang längsten Vulkanausbruch übertroffen haben.

Von Sophie Peschke/RND