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Novak Djokovic bereitet sich in Dubai darauf vor, seinen Platz im Flugzeug nach Belgrad einzunehmen. Djokovic wurde am Sonntag aus Australien abgeschoben, nachdem er einen Antrag verloren hatte, im Land zu bleiben, um seinen Australian-Open-Titel zu verteidigen, obwohl er nicht gegen Covid-19 geimpft ist. Quelle: Darko Bandic/AP/dpa

Nach Abreise von Novak Djokovic: Die „Seifenoper“ ist zu Ende

Tennisprofi Novak Djokovic hat Australien am Sonntagabend verlassen. Zuvor hatte sich ein Bundesgericht auf die Seite des australischen Einwanderungsministers geschlagen. Dieser hatte das Visum des Weltranglistenersten am Freitag erneut annulliert.

Das Gerangel um den Serben hat nicht nur Tennisfans rund um den Globus in den Bann gezogen. Den Livestream der länglichen Gerichtsanhörung am Sonntag verfolgten teilweise über 85.000 Menschen. Für Djokovic könnte die Angelegenheit noch weitere Unannehmlichkeiten mit sich bringen. Denn eine Visumsstornierung geht eigentlich mit drei Jahren „Australien-Bann“ einher. Doch Australiens Regierungschef Scott Morrison ließ dem Serben in einem Radiointerview am Montagmorgen dann doch noch ein Hintertürchen offen: So ein Einreiseverbot könne aus „zwingenden“ Gründen oder Gründen des „Mitgefühls“ dann doch auch wieder ausgesetzt werden, meinte er.

Während Djokovic selbst in einem Statement erklärte, „sehr enttäuscht“ über die Entscheidung des Gerichts zu sein, und in Serbien die Emotionen hochkochten, machte sich in Australien am Montag Erleichterung darüber breit, dass die Saga ein Ende genommen hat.

„Ablenkungsmanöver“ vor eskalierender Corona-Krise

Selbst der stellvertretende Premierminister Barnaby Joyce sagte in einem Fernsehinterview beim Sender Channel Seven am Montagmorgen, dass die Djokovic-Saga eine „Seifenoper“ gewesen sei. Er sei froh, dass „wir zu einem Ergebnis gekommen sind“. Jetzt sollten sich die Leute auf das Tennisturnier konzentrieren und darauf, dass „wir wieder Lebensmittel in die Regale der Geschäfte bekommen“.

Mit dieser Bemerkung bezog sich der Politiker auf die sich ausweitende Corona-Krise im Land. Australien verzeichnet derzeit die bisher höchsten Infektionszahlen seit Beginn der Pandemie. Vor allem die bevölkerungsreichen Staaten an der Ostküste zählen inzwischen täglich mehrere Zehntausend Covid-Infektionen. Auch die Todeszahlen schnellen in die Höhe. Die Krise hat sich inzwischen so weit ausgewachsen, dass die Lieferketten im Land teilweise unterbrochen sind, Geschäfte wegen Personalmangels schließen mussten und in den Supermärkten teils gähnende Leere herrscht.

Ein Leser des „Sydney Morning Herald“ schrieb deswegen auch in einem Kommentar, dass es jetzt wirklich an der Zeit sei, dass die Politiker sich nützlich machen würden, anstatt „Plattitüden und endlose Ausreden“ von sich zu geben und Djokovic als „Ablenkungsmanöver“ von den eigentlichen Problemen zu nutzen.

Kein Zutritt für Ungeimpfte

Grundsätzlich stehen die meisten Australier bei der Causa Djokovic jedoch hinter ihrer Regierung. „Djokovics Handlungen zeigen, dass er das Potenzial hat, während einer Pandemie, die in diesem Land derzeit weit verbreitet ist, rücksichtslos zu handeln oder gefährliche Kommentare zum Thema Gesundheit abzugeben“, schrieb ein Kommentator für den Sender ABC beispielsweise.

Selbst Oppositionspolitiker äußerten ihre Zustimmung dafür, dass der Tennisstar das Land verlassen musste und nicht an den Australian Open teilnehmen darf. Djokovic sollte sich als Ungeimpfter nicht im Land aufhalten, sagte der Sozialdemokrat Andrew Leigh beim Radiosender 2SM. Doch man hätte ihm das Visum von vornherein gar nicht erst erteilen sollen. Gleichzeitig kritisierte der Politiker, dass sich in den Reihen der australischen Regierung ebenfalls einige Impfgegner befinden würden. „Es ist zu begrüßen, eine starke Haltung gegenüber Impfgegnern einzunehmen, aber Scott Morrison muss dies konsequent tun“, sagte er.

Eine Expertin für Menschenrechte wies am Montag darauf hin, dass der Tennisspieler von Anfang an nur geringe Chancen vor Gericht hatte. Letzteres habe er selbst zu verantworten. Denn der serbische Tennisstar habe öffentlich erklärt, er wolle sich nicht impfen lassen, wie die stellvertretende Direktorin des Castan Center for Human Rights Law, Maria O‘Sullivan, beim Radiosender 3AW sagte.

Zwar habe er andere nicht aufgefordert, seinem Beispiel zu folgen, doch Djokovic sei in den Augen des Ministers eine so ikonische Persönlichkeit, dass seine persönliche Einstellung andere beeinflussen könnte. Er sei zum „Talisman“ der Impfgegner geworden, lautete dann auch die Argumentation des Ministers. „Dagegen kann ein Gericht nicht viel tun“, meinte die Expertin.

Kritik von Rechtsexperten

O‘Sullivan wies in dem Zusammenhang aber auch auf den Umfang der Befugnisse des Ministers hin. Diesen hielten Menschrechtsexperten und -expertinnen seit Jahren für „problematisch“ und für „einen Grund zur Besorgnis“. Denn der Ermessungsspielraum des australischen Einwanderungsministers ist so weit gefasst, dass seine Befugnisse gerne als „God Power“ beschrieben werden – was übersetzt so viel bedeutet wie die „Macht Gottes“. Ihr Einsatz und vor allem ein potenzieller Missbrauch werden in Australien seit Jahrzehnten debattiert – vor allem wenn es um die harte Hand des Einwanderungsministeriums gegenüber Asylsuchenden geht.

Michael Stanton, Präsident von Liberty Victoria, kritisierte im Interview mit dem „Guardian“ zudem, dass in diesem Fall eine Person rein deswegen abgeschoben worden sei, weil sie möglicherweise ein Risiko darstellen könnte oder weil sie beeinflussen könnte, wie andere sie wahrnehmen und dann handeln. Das schaffe einen „schrecklichen Präzedenzfall“.

Von Barbara Barkhausen/RND