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Das Neuschwimmerabzeichen Bobby (unten links), das Schwimmabzeichen Seepferdchen (unten rechts), und die Schwimmabzeichen in Bronze (oben, von links), Silber und Gold liegen in einem Schwimmbad auf einem Startblock am Beckenrand. Quelle: Matthias Balk/dpa

DLRG warnt vor „Generation Nichtschwimmer“ – Ansturm auf Kurse

Fulda/Wiesbaden. Urlaub am Meer und Ausflüge an den Badesee gehören für viele Menschen fest zum Sommer. Doch immer weniger Kinder können sicher schwimmen, das bereitet nicht nur der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) Sorgen. Mit Hochdruck versucht sie, zusätzliche Kursangebote zu schaffen, um eine „Generation Nichtschwimmer“ abzuwenden. Dabei gilt es, viele Hürden zu überwinden. Fehlende oder veraltete Schwimmbäder erschweren die Aufgabe, ebenso Personalmangel in Schulen und Bädern gerade nach den zwei Pandemie-Jahren sowie zuletzt auch die steigenden Energiekosten, die den Unterhalt der Schwimmbäder verteuern.

Der Fuldaer Bäderbetreiber RhönEnergie und der DLRG-Bezirk Fulda-Osthessen wollen den Kraftakt trotzdem schaffen. Hand in Hand riefen sie vor rund einem Jahr das Programm „Swim4you“ ins Leben, mit dem das Schwimmkurs-Angebot für Kinder im Grundschulalter massiv ausgebaut wurde.

Große Bedarf

Der Vorteil der Kooperation: Qualifizierte Kursleiter auf der einen Seite und der Zugriff auf die benötigten Wasserflächen auf der anderen Seite. Bei den Eltern stieß das Programm auf enorme Resonanz, wie der DLRG-Bezirksvorsitzende und RhönEnergie-Mitarbeiter Michael Lipus sagt: Das erklärte „Swim4you“-Ziel zum Start, 600 Kindern aus der Region das Schwimmen beizubringen, wurde schon bald auf 1000 Kinder aufgestockt, 739 hätten inzwischen bei den fast 100 in den Fuldaer Bädern angebotenen Kursen mitgemacht.

Für Lipus liegt der große Bedarf auf der Hand: Weil landesweit die Schwimmbäder coronabedingt schließen mussten, brachen der Schwimmunterricht in Schulen, aber auch das Vereinsschwimmen und private Kursangebote für lange Zeit weg. Trotzdem blieb es dabei, dass viele Bürger ihren Urlaub gerne am Wasser verbringen - ob mit Stand-up-Paddling, Kajak-Touren oder einfach vergnügt planschend am Sandstrand. „Und jedes Kind soll ja am Wasser sicher sein und eine schöne Zeit verbringen“, sagt Lipus.

Bei „Swim4you“ habe man allerdings den anfänglichen Anspruch, möglichst viele Jungen und Mädchen mindestens bis zum Seepferdchen zu führen, rasch herunterschrauben müssen - weil vielen Kindern dafür schlicht die körperlichen Voraussetzungen fehlten.

Lipus führt das auf ein verändertes Freizeitverhalten mit mehr Medienkonsum und Bewegungsmangel vor allem während des Lockdowns zurück. Davor hätten nach seiner Schätzung noch rund 80 Prozent der Kinder, die an Schwimmanfängerkursen teilnahmen, die Seepferdchen-Prüfung erfolgreich absolviert - danach nur noch unter 60 Prozent, weil Koordination und Beweglichkeit abnahmen. Das habe auch Ärzte und Gesundheitsämter auf den Plan gerufen.

Aber ohnehin sei das Seepferdchen nur eine Art erste Eintrittskarte ins Wasser und vor allem ein „Eyecatcher für die Eltern“, sagt Lipus. Selbst wenn der Nachwuchs ein Abzeichen ergattert, sollten sich die Eltern nicht über die trotzdem noch vorhandenen, potenziell lebensgefährlichen Schwimm-Defizite ihrer Kinder hinwegtäuschen lassen. „Das Seepferdchen heißt ja nichts mehr, als dass das Kind eine Bahn, also 25 Meter in bestem Falle, irgendwie umher schwimmt und ein bisschen tauchen kann.“ Erst ab dem Schwimmabzeichen Bronze - früher dem Freischwimmer - könne die Rede von sicheren Schwimmern sein.

„Schieben einen Stau aus Nichtschwimmer-Kindern vor uns her“

Für ganz Hessen gehen die DLRG und die Landesregierung von mittlerweile noch rund 50.000 Kindern aus, die pandemiebedingt nicht schwimmen lernen konnten. „Wir schieben einen Stau aus Nichtschwimmer-Kindern vor uns her“, sagt ein DLRG-Sprecher. Um den Rückstand aufzuholen, hatte die Gesellschaft zusammen mit weiteren Verbänden Badbetreiber und Vereine aufgerufen, die bei ihnen bestandenen Schwimm-Prüfungen zu zählen und zu registrieren und sich damit als Schwimm-Ausbildungszentren zertifizieren zu lassen.

22 solcher Zentren gibt es laut Homepage der Initiative „Hessen lernt schwimmen“, die Sportverbände und die hessische Landesregierung ins Leben gerufen hatten. Seit vergangenen Sommer seien rund 10.000 Schwimmabzeichen abgenommen worden, sagt der Präsident des DLRG-Landesverbands Hessen, Michael Hohmann. Um das Thema in den Fokus zu rücken, riefen der DLRG-Landesverband sowie der hessische Schwimm-Verband und die Landesregierung für Sonntag erstmals einen Schwimmabzeichen-Tag aus, an dem sich mehr als 60 Bäder beteiligen wollten. Auch andere Bundesländer griffen die Idee auf – darunter Bayern, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Der erste bundesweite Schwimmabzeichen-Tag ist dann für kommendes Jahr angepeilt.

An den Engpässen ändert das vorerst allerdings nicht viel: Wer sich etwa über die Homepage der Initiative über Kursangebote in den nächstgelegenen Bädern informieren will, könnte schnell frustriert aufgeben: Freie Plätze sind kaum oder gar nicht zu bekommen, stattdessen führen viele DLRG-Gruppen lange Wartelisten - oder haben diese längst wegen Überfüllung geschlossen. Dabei geht es nicht einmal nur um ein Problem der Kinder - auch viele Erwachsene bewegen sich im Wasser nicht sicher. Nach einer DLRG-Studie konnte bereits im Jahr 2019 jeder vierte Erwachsene in Deutschland gar nicht oder nur schlecht schwimmen. Auch wenn noch keine neuere Erhebung vorliege, dürften auch hier die Nichtschwimmer-Zahlen während der Pandemie gewachsen sein.

RND/dpa