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Femern-A/S-Sprecherin Denise Juchem, Praktikantin Carla Dropmann, Oberbauleiter Martin Staffel und Geowissenschaftlerin Celina Keidel (v. l.) bei einer Baubesprechung auf der Sammelstelle für den Meeresbodenaushub. Quelle: Lutz Roeßler

Meilenstein beim Milliardenprojekt: Graben für den Ostseetunnel auf Fehmarn

Fehmarn. Der Berg an Erde wächst unaufhörlich. Ein Trecker nach dem anderen zieht große Anhänger auf die riesige Fläche und kippt Bodenmaterial ab. Acht Hektar groß und vier Meter hoch ist die Halde schon. Bis zum Herbst werden hier gigantische 730.000 Kubikmeter des lehmigen Bodens sein, der unter den Sicherheitsstiefeln der Bauarbeiter klebt und klumpt. „Das ist der obere Geschiebemergelhorizont“, erklärt Celina Keidel, Geowissenschaftlerin beim Ingenieurbüro Dr. Lehners + Wittorf, mit einem Lächeln.

Oder für Laien ausgedrückt: Es ist auf der deutschen Seite der Baustelle der erste Meeresboden aus dem Fehmarnbelt, der Wasserstraße zwischen der deutschen Ostseeinsel Fehmarn und der dänischen Insel Lolland. Bisher wurde der Aushub immer auf die dänische Seite gebracht. Auf dem Grund der Ostsee heben Bagger derzeit den Graben für den 18 Kilometer langen Straßen- und Eisenbahntunnel, der voraussichtlich von 2029 Fehmarn und Lolland verbinden soll.

Feste Fehmarnbeltquerung ist die offizielle Bezeichnung für das Milliardenprojekt – Dänemark trägt die Baukosten von geschätzt 7,1 Milliarden Euro für den Tunnel, Deutschland die Kosten für die hiesige Straßen- und Schienenanbindung von geschätzt 3,5 Milliarden Euro.

Ein wichtiger Meilenstein ist jetzt erreicht. Die Spezialschiffe haben nach dem Start im Sommer 2021 die Hälfte der Aushubarbeiten abgeschlossen. Bis zu 19 Millionen Kubikmeter Bodenmaterial fallen bei dem Projekt an. Der größte Teil wird für die Landgewinnungsflächen bei Rødbyhavn auf der Insel Lolland genutzt. Dort entstehen rund 300 Hektar neue Natur- und Erholungsflächen. Auf der landseitigen Baustelle bei Puttgarden wird aber ebenfalls viel Aushub benötigt.

Boden ist nicht gleich Boden

Für Keidel und Martin Staffel, Oberbauleiter bei Femern A/S, ist dabei die genaue Bestimmung des Bodens von besonderer Bedeutung. Das Konzept für den Tunnelbau sieht es vor, dass das während der Grabungen an Land und auf dem Meeresboden gewonnene Material an anderer Stelle innerhalb des Projektes wiederverwendet wird. „Und wir brauchen auch auf Fehmarn immens viel Boden, unter anderem für Brückenbauwerke und Straßendämme“, erklärt Staffel.

Doch dabei ist Boden eben nicht gleich Boden. „Wir müssen immer schauen, was für Boden wir haben, welche Qualität er hat und wofür er sich am besten eignet. Diesen Meeresboden können wir zum Beispiel sehr gut für technische Bauwerke verwenden, er ist optimal für Erddämme oder Rampen.“

Fehmarn wird aber auch wachsen. Tatsächlich wird die Insel am Ende der Bauarbeiten 16,5 Hektar größer sein. „Alle Küsten haben ja das Problem, dass das Meer sich Land holt. Hier nutzen wir das Material und gewinnen damit Land“, sagt Denise Juchem, Sprecherin von Femern A/S. Direkt rechts neben der Tunneleinfahrt, wo jetzt die Baustelle ist, wird die Küstenlinie ins Meer hineinwachsen. „Den alten Strandsand haben wir vorher gesichert“, erklärt Keidel. „Mit dem gewonnenen Boden wird zunächst die Küste neu ausmodelliert und dann kommt der Sand wieder hin und es gibt einen neuen Strand.“

Kanonenkugeln auf dem Meeresgrund

Spannend ist natürlich auch die Frage, was die Bauarbeiter wohl in den Hunderttausenden Tonnen Meeresboden finden, die dort seit Ewigkeiten liegen. „Der Boden ist schon in der Eiszeit durch Gletscherbewegungen entstanden und da drüber war ja noch eine Sandschicht“, erklärt Staffel und sagt lachend: „Den Fehmarn-Mammut werden wir hier drin nicht entdecken.“ Nicht auszuschließen sei es aber, dass man vielleicht ein paar alte Münzen finde, wenn man mit einem Metalldetektor die Halde absuchen würde.

In höheren Schichten hat man auf dänischer Seite schon einiges gefunden. „Wir haben ein altes Wrack entdeckt, das sich später als schwedisches Transportschiff herausgestellt hat. Wir haben dort auch Kanonenreste und Kugeln gefunden, die wurden dann gehoben und sind jetzt auf dänischer Seite in einer Ausstellung zu sehen.“

Dass der Meeresboden genau untersucht wird, hat einen anderen Grund. Keidel zeigt auf einen orangefarbenen Kleinbus, der auf der Halde abgestellt ist. „Die nehmen Proben und prüfen unter anderem, dass das Material unbedenklich und nicht kontaminiert ist.“ Nur unbelastete Erde dürfte später für die Bauarbeiten verwendet werden, damit die umliegenden Böden oder das Wasser nicht verunreinigt werden. Doch was könnte den Meeresboden überhaupt kontaminiert haben? Keidel: „Es kann ja immer mal sein, dass irgendwo ein Schiff gesunken ist oder ein Ölfass im Boden war. Aber bisher haben wir keinerlei Schadstoffe feststellen können.“

Wenn das deutsche Lager für den Meeresboden voll ist, was übrigens modernste GPS-Sensoren überwachen und melden, rückt der riesige See in den Mittelpunkt, der jetzt von Steinwällen begrenzt direkt wie ein Hafen vor der Baustelle in der Ostsee liegt. Staffel: „Das Meereswasser in dem Becken wird abgepumpt und dann die Baugrube eingerichtet. Denn genau hier führt der Tunnel später ins Meer. Mit den Arbeiten für das Tunnelportal wollen wir nächstes Jahr starten.“

Dieser Text erschien zuerst bei den „Lübecker Nachrichten“.

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Von Sven Wehde/RND