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Frisch gemähte Wiesen: Ist es zu spät, helfen hier auch Wärmebilddrohnen keinem Kitz mehr.

Wiesen gemäht, Rehkitze getötet: Warum immer noch Gefahr für Tiere droht

Es sind dramatische Momente auf einem Feld zwischen Stüdenitz und Breddin im Nordwesten Brandenburgs, als dort am Montag Greifvögel kreisen. Immer wieder stürzen sie auf die gemähte Wiese herab. Doch diesmal können sie nicht einfach zupacken und sich eines der frisch vom Mähwerk zerlegten Kitze holen: Eine Ricke hindert sie daran. Das weibliche Reh verteidigt seinen toten Nachwuchs.

Auch Füchse, die gerne soeben erst geborene Kitze fressen und solche Kadaver erst recht, werden später keine Chance haben. Der örtliche Jäger nimmt das tote Tier mit. Es ist sein Beweisstück. Es bleibt an diesem Tag nicht das einzige.

„Eine absolute Sauerei ist das“, sagt Rolf Racko, „die bräuchten doch einfach nur Bescheid zu sagen.“ Der 72-Jährige, der seit mehr als 50 Jahren schon vielerorts in Ostprignitz-Ruppin zur Jagd ging und seit Langem der Vorsitzende einer örtlichen Jagdgenossenschaft ist, konnte kaum glauben, wie großflächig und schnell hier im Nordwesten Brandenburgs wieder die ersten Wiesen gemäht wurden.

Sofort kontaktierte er Jäger. Sie sagen, nicht über diese Mahd informiert gewesen zu sein. Mit ihrem Namen in der Zeitung erscheinen möchten sie trotzdem nicht. Anzeigen wollen sie ebenso nicht stellen.

Enge Verbindungen

Kein Wunder: Jäger stecken in einer Zwickmühle, wenn die Landwirte eng verbunden sind mit den Flächeneigentümern oder es gar selbst sind und damit zur Jagdgenossenschaft gehören – der Verpächter des Reviers. So sind die Jäger vom Landwirt abhängig.

Andererseits ließe sich mutmaßen, dass so mancher selbst den Aufwand scheut, nach Kitzen zu suchen oder Maßnahmen einzuleiten, die Rehe vor dem Mähen der Wiesen zu vertreiben. Ob und inwiefern nun der vermutlich zuständige Agrarbetrieb versuchte, Kitztötungen zu vermeiden, dazu gab es am Montag keine Auskunft. Laut Anrufbeantworter beschränkt sich die Sprechzeit auf 10 bis 12 Uhr.

Bund fördert Kauf von Wärmebilddrohnen

Bei sich im Revier überzeugte Rolf Racko die Bauern nach vielen Debatten. Bevor sie mit der Mahd starten, lassen sie ihm mindestens ein, zwei Tage Zeit. Dann läuft er mit Helfern die Wiesen ab, steckt Pfähle mit rot-weißen Flatterbändern in die Erde, in der Hoffnung, dass Ricke und Kitz das Areal meiden.

„Wir haben es dann wenigstens versucht“, erklärt Racko.

Allen, denen solche Einsätze zu zeitintensiv und zu wenig wirksam erscheinen, stehen mittlerweile Wärmebilddrohnen zur Verfügung. Doch die Anschaffungskosten betragen mehrere Tausend Euro. Vorige Woche meldete sich daher Wiebke Papenbrock zu Wort, die SPD-Bundestagsabgeordnete für die Prignitz, das nördliche Havelland und Ostprignitz-Ruppin. Im Zuge der Beratungen zum Bundeshaushalt sei beschlossen worden, dass die Anschaffung solcher Drohnen für Jagdzusammenschlüsse von der Bundesregierung erneut gefördert wird.

Einsatz aus der Luft als „beste Möglichkeit“

Papenbrock, die dem Haushaltsausschuss angehört, sagt, Landwirte würden „die Wildtiere aus den Kabinen ihrer großen Mähmaschinen oft nicht sehen. Das führt vielfach dazu, dass Rehkitze, junge Feldhasen und am Boden brütende Tiere bei uns im Nordwesten Brandenburgs versehentlich getötet werden.“ In Gesprächen, die sie mit Landwirten und Jägern geführt habe, sei klar geworden, „dass der Einsatz aus der Luft die beste Möglichkeit ist, um die Tiere zu orten und vor dem sicheren Tod zu bewahren“.

Schon 2021 gab es diese Förderung. Beispielsweise ein Jagdverband aus dem brandenburgischen Pritzwalk nutzte das.

Doch: Zeit ist Geld in der Landwirtschaft. Mit einer Drohne so schnell zu suchen, wie die Mähwerke arbeiten, dürfte eine Herausforderung sein. Und ob es dem Landwirt gefällt, die Arbeiten ständig unterbrechen zu müssen? Zudem ist auch hier klar: Die beste Wärmebilddrohne hilft keinem, wenn die Wiese schon gemäht ist.

Rechtlicher Druck auf Agrarbetriebe könnte helfen, dachte sich voriges Jahr Lothar Schnick. Der Naturschutzbeauftragte des Landkreises Ostprignitz-Ruppin, der selbst Jäger ist, brachte einen Fall vor die Behörden. Eine Zeugin hatte ihm vom Fund etlicher totgemähter Kitze berichtet.

Fall immer noch nicht abgeschlossen

Der Mann wusste: Landwirte sind verpflichtet, vor der Mahd die Wiese nach Kitzen abzusuchen oder Vorkehrungen zu treffen, die unnötige Kitztötungen verhindern. Auch örtliche Jäger sollen mitwirken.

Alles andere wäre ein Verstoß gegen Paragraf 17 des Tierschutzgesetzes. Darin heißt es: „Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer 1. ein Wirbeltier ohne vernünftigen Grund tötet oder 2.einem Wirbeltier a) aus Rohheit erhebliche Schmerzen oder Leiden oder b) länger anhaltende oder sich wiederholende erhebliche Schmerzen oder Leiden zufügt.“

Anzeigen sind die Ausnahme

Die anschließenden Anzeigen gelten laut der Staatsanwaltschaft in Neuruppin bis heute als Ausnahmefall. Oberstaatsanwalt Stefan Heidenreich sagte seinerzeit zur Häufigkeit solcher Anzeigen in der Region: „Mir sind keine weiteren Fälle dieser Art bekannt.“

Obwohl ein Jahr vergangen ist, gibt es noch kein Ergebnis. „Es ist sehr aufwendig festzustellen, wer die Fahrzeuge führt“, erklärt Heidenreich: „Es ist problematisch, Zeugen zu gewinnen.“ Aber er sei zuversichtlich: „Es wird wohl so sein, dass wir feststellen, wer gefahren ist.“

Heidenreich gibt den Ermittlungen noch zwei, drei Wochen und macht trotz dieser Dauer klar: „Das ist kein Verfahren, das man einfach so einstellt.“

Dieser Artikel ist zuerst bei der „Märkischen Allgemeinen Zeitung“ erschienen.

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Von Matthias Anke/RND