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Ohne parkende Autos, teilweise sogar ganz ohne Autos: So könnte die Schmiedestraße in Hannover nach dem Umbau aussehen. Die Visualisierung zeigt beispielhaft, wie sich die Rathausspitze den Straßenraum nach dem Innenstadtdialog vorstellt.

Wie Hannover die Autos aus der Innenstadt verbannen will

Hannover. Gut ein Jahr lang wurde diskutiert und experimentiert, geplant und darum gerungen, wie Hannovers Innenstadt sich wandeln soll. Jetzt gibt Oberbürgermeister Belit Onay (Grüne) mit ersten Entwürfen Einblicke, in welche Richtung die Planung gehen könnte. Am Montagabend hat er gemeinsam mit Stadtbaurat Thomas Vielhaber (SPD) den Innenstadtdialog-Beirat informiert, vor dem Sommer soll der Rat der Stadt mit der Diskussion beginnen.

Hannover stelle sich damit sehr frühzeitig einer Diskussion, die in nahezu allen europäischen Großstädten laufe, sagte Onay. Während aber viele andere noch bei der Theorie verharrten, sei Hannover „sehr weit vorne“, sagt Onay: „Wenn wir es schaffen, daraus maßgeschneiderte Lösungen zu entwickeln, mit denen die Menschen sich identifizieren, dann haben wir viel geschafft.“ Onay war 2019 im OB-Wahlkampf angetreten mit der Forderung, die Innenstadt bis 2030 weitgehend autofrei umzubauen. Dabei sieht er sich jetzt „auf einem sehr guten Weg“.

Drei Bereiche der Innenstadt beim Umbau im Fokus

Drei Stadträume nimmt Onay für den Umbau in den Fokus. Das ist einerseits das „Kulturdreieck“ rund um Oper, Schauspiel- und Künstlerhaus. Dann soll die Altstadt besser mit dem Rest der Innenstadt verknüpft werden; dazu soll die Schmiedestraße umgebaut werden und ihre Barrierefunktion rund um die Marktkirche verlieren. Und schließlich sollen die Flächen rund um den Hauptbahnhof aufgewertet werden. Im Fokus ist insbesondere der rückwärtige Bereich zwischen Bahnhof und Hochstraße, aber auch eine Sperrung der beiden Bahnunterführungen für den privaten Autoverkehr.

Die wichtigsten Fakten:

Schluss mit Straßenparken: Wo immer jetzt Straßen in der Innenstadt umgestaltet werden, sollen Parkplätze am Straßenrand zugunsten von Gehbereichen und Aufenthaltsflächen umgestaltet werden. Stattdessen sollen Autos vorrangig in Parkhäusern stehen. Man wolle „den Menschen Raum geben und die Qualitäten der Stadt wieder sicht- und nutzbar machen“, sagt Stadtbaurat Thomas Vielhaber. Für Menschen mit Handicap, für Taxen oder für Anlieferungen und zum Ein- und Aussteigen sollen dort noch Park- und Haltebuchten bzw. Ladezonen erhalten bleiben.

Freie Fahrt zu Parkhäusern: Viele Straßen innerhalb des Cityrings sollen verkehrsberuhigt werden. Insbesondere will die Stadtspitze den Durchgangsverkehr unterbinden. Alle Parkhäuser sollen jedoch erreichbar bleiben.

Mehr Komfort für Fußgänger: Stadtbaurat Vielhaber sagt: „Alle, die in der Stadt ankommen, ob mit Auto oder Rad oder Bus oder Bahn, sind in der Stadt anschließend Fußgängerinnen und Fußgänger.“ Auf sie müsse sich daher der Stadtumbau stärker ausrichten. Dazu sollen bei der Neugestaltung von Straßen künftig Bordsteine entfallen. Der Verkehr solle sich möglichst in einer Ebene abspielen.

Weniger Ampeln, weniger Spuren für Autos: Innerhalb des Cityrings will die Stadtspitze mehrstreifige Autostraßen reduzieren. Die Karmarschstraße etwa habe am Landtag fünf Spuren. „Das ist eher die Dimension einer Autobahnzufahrt“, sagt Vielhaber. An der Kreuzung zur Schmiede- und Leinstraße habe sie wegen der Linksabbiegespuren drei Streifen. Deshalb seien dort für Fußgänger zwingend Ampeln vorgeschrieben. „Wenn wir Abbiegespuren aufgeben, können Zebrastreifen angelegt und es kann dem Fußverkehr Priorität eingeräumt werden“, sagt Vielhaber.

Mehr Vielfalt: Derzeit sei die Innenstadt sehr stark auf den Handel ausgerichtet, sagt Onay. Der habe schon länger mit der Onlinekonkurrenz zu kämpfen – aber die Pandemie habe gezeigt, wie anfällig die Innenstadt durch die einseitige Schwerpunktsetzung in Krisenzeiten sei. Die von der Stadt inszenierten Experimentierräume im Sommer 2021 hätten gezeigt, wie gut sich die innerstädtischen Plätze für Kultur und Sport, zum Verweilen und Spielen nutzen ließen. Das komme dann wiederum auch dem Handel zugute. Zu den Experimentierräumen gab es allerdings ein sehr unterschiedliches Echo. Viele fanden sie auch überflüssig und schlecht genutzt, manch einer fragte sich, was mit ihnen im Winter passiert.

Weniger Kommerz: Viele Menschen hätten sich gewünscht, in der Innenstadt Orte zum Verweilen zu finden, an denen nicht gleich ein Kaffee geordert oder etwas zu essen bestellt werden muss. Auch diesem Wunsch wolle die Stadt nachkommen, sagt Onay. Insgesamt solle der Stadtraum einladender und menschenfreundlicher werden.

„Blau-grüne Transformation“: Außer um Mobilitätskonzepte und Stadtraumqualität geht es beim Umbau auch um die Anpassung an die Klimafolgen. Straßenbäume sollen mehr Grün, mehr Schatten und geringere Temperaturen bringen, sagt Planer Tim Gerstenberger. Ihre Platzierung sei grundsätzlich bereits möglich. Man hoffe aber auch, Hauseigentümer etwa für Fassadenbegrünungen zu gewinnen. Darüber hinaus wolle die Stadt über einen effizienteren Umgang mit Wasser nachdenken, etwa indem Regenwasser in Zisternen gesammelt und dann bei Trockenheit in die Baumscheiben geleitet werde. Denkbar sei auch Regenrückhaltung auf öffentlichen Flächen, etwa mit steinernen Bächen, wie man sie aus anderen Städten kennt. „Allerdings nicht auf Straßen und Wegen, denn wir können und wollen nicht die Radfahrenden durch Pfützen leiten“, schränkt Vielhaber ein.

Private Initiativen stärken: Die Stadt hat bei Bund und Land aus Sonderprogrammen viel Fördergeld für den Umbau beantragt und hohe Millionensummen auch schon bewilligt bekommen. Oberbürgermeister Onay und Stadtbaurat Vielhaber setzen aber darauf, dass damit Impulse für private Folgeinvestitionen gesetzt werden. „Studien haben ergeben, dass jeder öffentlich investierte Euro bis zu 7 Euro privater Folgeinvestitionen auslöst“, sagt Vielhaber. Denkbar sei etwa, dass Immobilieneigentümer den Umbau ihrer Straßen vorantreiben, indem sie selbst bessere Standards finanzieren. Das Land hat solche sogenannten Business-Improvement-Districts (BID) neuerdings per Gesetz erlaubt.

Bürgermeister Onay: „Wollen, dass die Leute gern in die Stadt kommen“

Onay sagt: „Wir wollen, dass die Leute, von jung bis alt, gern in die Stadt kommen, weil sie sich wohlfühlen und um eine gute Zeit zu verbringen. Der Innenstadtdialog liefert dazu alles, was wir brauchen.“ Es gehe der Verwaltung um „soziale, ökologische, städtebauliche und baukulturelle, verkehrliche, wirtschaftliche und kulturelle Aspekte“.

Für Stadtbaurat Vielhaber ist es „wichtig, dass die City langfristig ein starkes wirtschaftliches Zentrum in Norddeutschland bleibt, in dem Einzelhandel, Dienstleistungen und Gastronomie auch zukünftig florieren“. Die Stadtspitze sei „überzeugt, dass eine größere Nutzungsvielfalt auch zu einer neuen Strahlkraft führt und alle Seiten davon profitieren“. Dass sich große Kaufhäuser heute aus Hannover zurückzögen, unterstreicht für Vielhaber den Handlungsbedarf, biete aber auch Chancen an den jeweiligen Standorten.

Visualisierungen zeigen erste Ideen

Die Visualisierungen seien zunächst nur „Ideen, wie die Straßen nach einem Umbau aussehen könnten“, sagt Planer Gerstenberger. Wie genau der Umbau vollzogen werde, hänge von der weiteren Diskussion und von Ratsbeschlüssen und der Freigabe von Haushaltsgeld für die jeweiligen Projekte ab.

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Von Andreas Schinkel, Christian Bohnenkamp, Conrad von Meding/RND