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Milchpulver für Säuglinge ist in den USA knapp. Quelle: Armin Weigel/dpa

Mangel an Babynahrung in den USA verschärft die Ungleichheit

Columbia. Capri Isidoro sitzt im Büro einer Stillberaterin und bricht auf ihrem Stuhl in Tränen aus. Sie ist Mutter einer vier Wochen alten Tochter und hatte von der Geburt an Probleme, sie zu stillen, nachdem das Krankenhauspersonal der Kleinen als Anfangsnahrung Milch aus Pulver gegeben hatten – ohne Isidoro nach ihrem eigenen Wunsch zu fragen.

Nun kommt hinzu, dass sie das spezielle Milchpulver, das dem Baby gegen Blähungen hilft, nicht finden kann. In den USA herrscht seit Wochen ein eklatanter Mangel an Muttermilchersatz, auf den viele Frauen angewiesen sind, die nicht selbst genug Milch produzieren können oder deren Nachwuchs Muttermilch nicht vertragen kann.

Einer der wenigen großen Anbieter hat kürzlich populäre Produkte wegen möglicher bakterieller Probleme zurückgeholt und seine Fabrik in Michigan vorläufig geschlossen. Bereits zuvor hatten durch die Corona-Pandemie ausgelöste Risse in der Lieferkette das allgemeine Angebot an Babynahrung ausgedünnt. „Es ist so traurig. Es sollte nicht so sein“, sagt Isidoro, die in einem Vorort von Baltimore (Maryland) lebt. „Wir brauchen Milchpulver für unser Kind, aber wo wird es herkommen?“

Sterberate bei schwarzen Frauen in der Schwangerschaft höher

Eltern in allen Teilen der USA haben Mühe, diese Art von Anfangsnahrung für ihren Nachwuchs zu finden. Aber für schwarze Frauen und Latinas ist die Lage noch prekärer. Schwarze Mütter sind historisch mit Hemmnissen in Sachen Stillen konfrontiert. Dazu zählen mangelhafte Laktationsunterstützung im Krankenhaus, mehr Druck, ihr Kind mit Muttermilchersatz zu ernähren, und kulturelle Hindernisse. Es ist eine von vielen Ungleichheiten, denen schwarze Mütter ausgesetzt sind. So ist beispielsweise ihre Sterberate aufgrund von Komplikationen während der Schwangerschaft höher als bei Weißen.

Eltern mit niedrigen Einkommen müssen sich auch besonders abstrampeln: Sie sind es, die die Mehrheit des Babymilchpulvers in den USA kaufen. Experten befürchten, dass die Regale in den kleinen Lebensmittelläden in Wohngebieten mit vielen Geringverdienenden weniger nachgefüllt werden als die in größeren Geschäften. Außerdem haben manche dieser Familien nicht die nötigen Mittel, um woanders nach der Babynahrung zu suchen.

20 Prozent der schwarzen Mütter stillen

Die US-Gesundheitsbehörde CDC schätzt, dass 20 Prozent schwarzer Frauen und 23 Prozent der Latinas ihre Babys sechs Monate lang ausschließlich stillen, während es bei den weißen Frauen 29 Prozent sind. Insgesamt liegt die Rate bei 26 Prozent. Krankenhäuser, in denen zum Stillen ermuntert wird und Frauen dabei unterstützt werden, sind der CDC zufolge in schwarzen Gemeinden seltener als in anderen. Experten weisen auch darauf hin, dass als Leichtlohn-Arbeiterinnen eingestufte Latinas und schwarze Frauen am Arbeitsplatz weniger Zugang zu Stillunterstützung hätten.

Diese Ungleichheiten reichen weit in die Geschichte zurück. Die Anforderungen der Sklavenarbeit hinderten Mütter daran, ihre Kinder zu säugen, und Sklavenbesitzer trennten Mütter von deren eigenen Babys, um sie dann zum Stillen der Kinder anderer Frauen zu benutzen. Rassistisch zugeschnittene Anzeigenwerbung in den 1950er Jahren pries Milchpulver fälschlicherweise als eine bessere Nahrung für Kleinkinder an. Und Studien zeigen bis heute, dass schwarze Mütter häufiger in Krankenhäusern mit dem Muttermilchersatz bekannt gemacht werden als weiße Mütter, wie es auch Isidoro nach ihrem Notfallkaiserschnitt erlebte.

Wenn Babys Milch aus Pulver erhalten, dann müssen sie weniger von ihren Müttern gestillt werden, was mangels Stimulierung die Muttermilchproduktion verringert, wie Ärzte sagen.

„Wir geben ihm Reiswasser“

Yury Navas, eine Einwandererin aus El Salvador in Laurel (Maryland) kann nach eigenen Angaben nicht genug Muttermilch produzieren und hat größte Mühe, die richtige Ersatznahrung für ihren knapp drei Monate alten Sohn José Ismael zu finden. Alles andere verursacht bei ihm Erbrechen und Durchfall. Navas arbeitet in einem Restaurant, und einmal ist sie eine halbe Stunde lang zu einem Laden gefahren, nachdem Kollegen ihr sagten, dass es dort die bestimmte Nahrung gebe. Als sie dort ankam, war alles schon weg.

Ihr Mann ist jeden Abend unterwegs, klappert Apotheken ab. Aber manchmal geht ihnen die Nahrung aus, bevor sie neue auftreiben können. „Das Baby schreit und schreit dann, und so geben wir ihm Reiswasser“, schildert Navas.

Manche Mütter suchen Hilfe in sozialen Netzwerken. Denise Castro in Miami, die eine Baufirma besitzt, hat eine virtuelle Gruppe zur Unterstützung frischgebackener Mütter während der Corona-Pandemie gestartet. Jetzt hilft sie auch bei der Suche nach der Babynahrung, und „die meisten, denen wir geholfen haben, sind Schwarze und Latinas“, sagt Castro. Viele von ihnen seien berufstätig und hätten keine Zeit, drei oder vier Läden in ihrer Mittagspause abzuklappern.

Lisette Fernandez, eine gebürtige Kubanerin, ist seit kurzem Mutter von Zwillingen. Sie hat sich auf Freunde und Verwandte gestützt, um die 60-Milliliter-Flaschen mit Flüssignahrung zu finden, die sie für ihren Jungen und ihr Mädchen benötigt. Ihr Vater hat just wieder vier Apotheken aufgesucht, bevor es ihm gelang, ein paar Kartons mit den Fläschchen aufzutreiben. Aber sie sind schnell verbraucht. „Die letzten drei bis sechs Wochen waren verrückt“, sagt Fernandez, die gern gestillt hätte, aber es nicht konnte. „Ich bin alles gewohnt, was Covid mit sich gebracht hat. Aber mich sorgen zu müssen, dass meine Kinder keine Milch erhalten? Das habe ich nicht erwartet.“

RND/AP

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