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Die Angeklagte Gudrun Ensslin im Gerichtssaal (Archivbild) Quelle: Manfred Rehm/dpa

Beim Shoppen gefasst: RAF-Terroristin Gudrun Ensslin vor 50 Jahren verhaftet

Stuttgart. Die Boutique in Hamburg gibt es schon lange nicht mehr. Schuhe wurden zuletzt dort verkauft, wo vor 50 Jahren die verbrecherische Karriere der RAF-Terroristin Gudrun Ensslin ein jähes Ende fand. Ein überraschendes Ende zudem, angesichts der blutigen Spur Ensslins durch die Republik ist es allerdings auch geradezu banal: Die damals 31-Jährige, die bei den Fahndern als das eigentliche „Gehirn“ der „Rote Armee Fraktion“ (RAF) galt, fiel beim Shoppen in einem Laden auf dem Jungfernstieg auf. Ein einzelner Polizist konnte sie überwältigen. Und er wusste dabei noch nicht einmal, dass er es mit einer der meistgesuchten Frauen der Republik zu tun hatte, weltweit gesucht wegen Bankraubs und Bombenanschlägen und letztes Mitglied der ersten RAF-Stunde.

Der 7. Juni 1972, ein Nachmittag in der Hamburger Boutique „Linette“. Kundinnen stehen vor den Auslagen, eine von ihnen probiert eine Hose nach der anderen an und verschwindet immer wieder in der Umkleidekabine. Es ist Gudrun Ensslin. Sie steht unter Druck, weil sie sich von einem Taxifahrer erkannt fühlt und neue Kleidung kaufen will. Ensslin ist auf der Flucht, nur sechs Tage zuvor sind ihre RAF-Komplizen Holger Meins, Andreas Baader und Jan-Carl Raspe nach einer Schießerei in Frankfurt am Main verhaftet worden. Und im ganzen Land hängen Fahndungsplakate mit dem Bild der Pfarrerstochter aus Bartholomä auf der Schwäbischen Alb.

Pistole in der Wildlederjacke

Als die Geschäftsführerin der Boutique ein paar Kleidungsstücke zur Seite legen will, ertastet sie in einer ungewöhnlich schweren Wildlederjacke etwas, das sie an eine Pistole erinnert. Aus einem Nebenraum alarmiert sie die Polizei. „Hier ist jemand, der eine Pistole in der Tasche hat. Ist es überhaupt richtig, dass ich Sie anrufe?“, fragt sie den Beamten, bevor sich die Streife auf den Weg zum Jungfernstieg macht.

Ulf Millhahn beschreibt die Momente im Laden, als wären sie erst gestern passiert: „Ich bin alleine rein in das Geschäft, mein Kollege musste noch den Wagen abschließen“, erzählt der ehemalige Polizeibeamte. „Im Laden wirkte alles völlig unaufgeregt.“ Da versucht Ensslin laut Millhahn, an ihm vorbei das Geschäft zu verlassen, sie sieht ihn nicht an. Er geht auf sie zu und fragt „Was ist los?“, damit ihn Ensslin anschaut. Sie aber versucht, in die rechte Tasche ihrer Jacke zu greifen, erinnert sich der frühere Beamte.

In Bruchteilen einer Sekunde muss der heute 77-Jährige entscheiden, er schlägt gezielt auf die Jackentasche, damit sie ihre Hand nicht tiefer hineinschieben kann, reißt ihren Arm hoch und bringt sie trotz heftigen Widerstands auf den Boden. Gemeinsam nehmen die beiden Polizisten Ensslin fest.

In einer aus dem Gefängnis geschmuggelten und im Stammheimer Urteil zitierten geheimen Botschaft, einem Kassiber, erinnert sich Ensslin an die für sie schmerzhaften Momente: „Es ging so schnell, dass ich die Hand aus der Tasche mit der Knarre halb gebrochen von Bullenpfoten nur rausbekam.“

„Ich hab‘ aber gepennt“

Beim Shoppen hat sie an jenem Tag einen schussbereiten Revolver Smith & Wesson, Kaliber 38 Spezial, in ihrer Jackentasche und eine durchgeladene Schusswaffe in der Handtasche. Auch auf dem Polizeirevier habe später zunächst niemand gewusst, mit wem man es da zu tun habe, sagt Millhahn. Ensslin, die einen gefälschten Reisepass dabei hat, wird erst später durch ihre Fingerabdrücke erkannt. Das wundert nicht: Auf den Fahndungsplakaten wird sie mit glatten, blonden Haaren abgebildet, Millhahn rangelt in der Boutique aber eine Frau mit „dunkel gefärbtem, krausen Lockenkopf“ nieder.

Ein öffentlicher und umständlicher Einkauf, die Pistole leichtfertig in der Jacke. War das nur unvorsichtig oder war es gewollt, weil kurz zuvor bereits die anderen Mitglieder des harten Kerns der RAF aufgeflogen waren? Nach Ensslins Verhaftung ist viel spekuliert worden über die Gründe für ihr Verhalten an jenem Tag vor 50 Jahren. Sie selbst schien sich geradezu zu schämen: „Ich hab' aber gepennt; ging auch irre schnell ... ich gepennt, sonst wäre jetzt eine Verkäuferin tot (Geisel), ich und vielleicht zwei Bullen“, zitiert das Stammheimer Urteil aus dem Brief Ensslins.

Ex-Polizist Millhahn sieht es heute als sein Glück an, dass er die Boutique damals zunächst alleine betreten hat. „Da kam sie wahrscheinlich nicht auf die Idee, dass ein einzelner uniformierter Polizist in die Boutique gekommen sei, um eine Terroristin festzunehmen.“ Deshalb habe Ensslin wohl versucht, möglichst unauffällig und unerkannt den Laden zu verlassen.

In Stammheim tot aufgefunden

Die am 15. August 1940 in Bartholomä auf der Ostalb geborene Pfarrerstochter und spätere Lehrerin gehört zu den zentralen Protagonisten der ersten RAF-Generation. Von der Bonner Politik enttäuscht und empört über den Vietnam-Krieg, entschließt sie sich in den späten 1960er Jahren zu Gewaltaktionen. Nach ihrer Verurteilung wegen Kaufhausbrandstiftung im Jahr 1968 taucht Ensslin 1969 unter, als das Urteil rechtskräftig wird. Der RAF schließt sie sich nach der Befreiung Andreas Baaders aus dem Gefängnis an.

Die Minuten in der Hamburger Boutique sind Ensslins letzte Momente in Freiheit. Bis zu diesem Tag ist sie an mehreren Sprengstoffanschlägen beteiligt, vier Menschen kommen dabei ums Leben. Nach der Verhaftungsserie im Juni 1972 folgt ein jahrelanger Prozess, bei dem Ensslin unter anderem vom späteren Bundesinnenminister Otto Schily verteidigt wird. Wie Baader und Raspe wird sie am 18. Oktober 1977 im Hochsicherheitstrakt der JVA Stuttgart in Stuttgart-Stammheim tot aufgefunden.

RND/dpa

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