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Auf ihr Auto angewiesen: Pendlerin Bianca Lehnberg.

„Fühle mich verarscht“: Warum eine Pendlerin weder vom Tankrabatt noch vom 9‑Euro-Ticket profitiert

Uetze. Auf den 1. Juni hatte sich Bianca Lehnberg eigentlich „richtig gefreut“. Endlich ein bisschen weniger Geld für Sprit ausgeben müssen – so hatte die Pendlerin aus Uetze in der Region Hannover gehofft. Tatsächlich jedoch sei der Tankrabatt bei ihr „absolut null“ angekommen. Die Wut auf die Politik und die Ölkonzerne ist groß.

„Ich fühle mich wirklich verarscht“, schimpft die 48-Jährige. Wie von Experten empfohlen, hatte sie sogar abgewartet und war nicht gleich am 1. Juni zur Tankstelle gefahren. Doch auch danach gingen die Preise für Benzin kaum nach unten.

Spritpreise fressen Haushaltskasse auf

Lehnberg treffen die hohen Spritpreise besonders hart. Zum einen, weil sie als alleinerziehende Mutter eines 13-jährigen Sohnes ohnehin wenig Geld hat. 1650 Euro netto stehen ihr monatlich zur Verfügung. Davon gehen schon 700 Euro für die Miete der Wohnung sowie weitere 80 Euro für Strom drauf. Zum anderen, weil sie täglich 35 Kilometer zur Arbeit pendeln muss – hin und zurück also rund 70 Kilometer.

Die Frau aus Uetze ist bei einer Spedition in Braunschweig beschäftigt und will dort auch eigentlich bleiben, weil sie sich „sehr wohlfühlt“, wie sie versichert. Tatsächlich hat sie jedoch aus Kostengründen schon darüber nachgedacht, den Job zu wechseln. Pro Monat gehen aktuell rund 270 Euro für das Tanken drauf. Als Lehnberg vor rund drei Jahren ihren Job antrat, waren es nur 140 Euro.

Fahrt zur Arbeit mit Nahverkehr würde zwei Stunden dauern

Der Umstieg auf den Nahverkehr ist für Lehnberg keine Option. Uetze gehört zu den Kommunen in der Region Hannover, die besonders schlecht vom Nahverkehr erschlossen sind. Keine S‑Bahnen, Stadtbahnen oder Regionalzüge halten dort.

Um mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zum Braunschweiger Hafen zu kommen, müsste Lehnberg zunächst mit dem Auto gut sieben Kilometer zum Bahnhof Dollbergen fahren. Dieser Abschnitt des Weges wäre in sieben Minuten zu schaffen. Einen Direktzug nach Braunschweig gibt es von dort aus nicht. Lehnberg müsste in Gifhorn umsteigen, dort einen Bus nach Braunschweig nehmen, noch einmal in einen anderen Bus wechseln und dann einige Schritte zu Fuß gehen.

Alles in allem würde sie allein für die Fahrt mit dem öffentlichen Nahverkehr zwei Stunden für eine Wegstrecke benötigen. Und weil die früheste Bahn morgens in Dollbergen erst um 5.08 Uhr Richtung Gifhorn abfährt, würde es Lehnberg nicht einmal pünktlich zur Frühschicht schaffen, die um 5.30 Uhr beginnt. Zum Vergleich: Mit dem Auto benötigt sie für den Weg zur Arbeit rund 40 Minuten. Die Nutzung des supergünstigen 9‑Euro-Tickets scheidet für die 48-Jährige also aus.

„Ich werde definitiv nicht mehr wählen gehen“

Die Wut auf die Mineralöl­industrie ist bei der Pendlerin groß. „Der Tankrabatt war für die Bevölkerung gedacht. Und jetzt landet das Geld in den Taschen der Konzerne“, ärgert sie sich. Enttäuscht zeigt sich Lehnberg jedoch auch von der Politik. „Es muss doch auch eine Lösung geben, Pendler mit wenig Geld zu unterstützen, die auf das Auto angewiesen sind wie ich.“ Für die aktuelle Situation finde sie „keine Worte mehr“.

Für Lehnberg hat das die Folge, dass sie sich mit ihrem Sohn noch mehr einschränken muss. „Das Lieblingsfrühstück ist jetzt nicht mehr drin. Wir müssen auf jeden Cent achten.“ Und noch eine Konsequenz will die enttäuschte Pendlerin ziehen: „Ich werde definitiv nicht mehr wählen gehen.“

Dieser Text erschien zuerst bei der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“.

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Von Christian Bohnenkamp/RND